07 November 2014

Die präsentierte Zuschauerzahl


Allerhand liegt täglich hier im Viertel auf der Straße herum. Kaugummis, gewisse andere Gummis, Zigarettenschachteln, Kippenstummel, zerknüllte Bierbüchsen. Schnapsleichen, Koksleichen, Ecstasyleichen, echte Leichen. Altpapier, Müllsäcke, Schlüpfer, Handschuhe, Hausschuhe, rahmengenähte Schuhe. Aussortierte, anscheinend noch voll funktionsfähige Toilettenschüsseln. Hundekacke, Möwenkacke, Menschenkacke. 

Aber ein vollständig erhaltenes Kugelfischpräparat findet man auch auf dem Kiez nicht alle Tage. 

Es lag heute Mittag in stacheliger Pracht vor unserem Nachbarhaus, doch ich hatte leider meine Kamera nicht dabei. Und nachmittags, als ich nach Hause kam, war es leider schon wieder weg, wahrscheinlich blowin’ in the wind

Abends im Hoheluftstadion hingegen, wo ich mit @ramses101 und @einheitskanzler der Oberligapartie Viktoria Hamburg gegen Germania Schnelsen beiwohnte (3:1), war ich technisch voll ausgerüstet. Deshalb war es mir auch problemlos möglich, das Moma-taugliche Stilleben „Drei Bier in total labberigen Plastikbechern vor Flutlichtmasten“ herzustellen.

Amateurfußball ist übrigens überaus liebenswert, auch wegen der Ansagen. „Wir bedanken uns bei 271 Zuschauern“, sagte der Stadionsprecher. „Die Zuschauerzahl wird wie immer präsentiert von der Tischlerei Lossau. Der Tischlerei Lossau aus Lokstedt.“

Demnächst wollen wir uns noch mal deutlich weiter nach unten orientieren, Richtung siebte, achte Liga oder so – in der Hoffnung auf noch weitaus rührendere Stadionansagen.

Das alles entscheidende 3:1 in der 88. Minute erzielte übrigens Marius Ebbers. Ein paar St.-Pauli-Fans merken jetzt bestimmt interessiert auf und gehen zum nächsten Victoria-Heimspiel.

Und damit hätte dieser Blogeintrag zur Verbesserung der Welt beigtetragen, denn 271 Zuschauer in der Oberliga, das ist ja wohl ein Witz, und zwar ein schlechter.


31 Oktober 2014

Reif fürs Land?


Eine als „kulinarisch“ bezeichnete Flussreise durch Frankreich bis runter nach Macon wird vor allem von einer Begleiterscheinung geprägt: Wein zu allen Gelegenheiten, derer es denn auch (beinah allzu) viele gibt.

Und ich wäre natürlich ein schlechter Gast unseres Nachbarlandes, wenn ich mich der guten gallischen Sitte des bereits mittags einsetzenden Weinkonsums verweigerte. Zurück in Deutschland musste ich jedenfalls jetzt erst mal abstillen. Sinnvollerweise mit Bier.

Unser Besuch im Abteirestaurant der Kochlegende Paul Bocuse in Mont d’Or markierte in vinologischer Hinsicht übrigens den Höhepunkt, zumindest mengenmäßig. Meine Tischnachbarin, die den mit Zirkuskitsch en gros dekorierten Esstempel vor vielen Jahren schon einmal aufgesucht hatte, versicherte vorfreudig vorab: „Bei Bocuse ist das Glas immer voll.“

Und in der Tat: Eine kaum überschaubare Schar Bocuse’scher Ober wieselte allzeit bienenfleißig durch die Reihen, um der Unzumutbarkeit bereits wieder halbleerer Gläser entschieden und rasch zu begegnen.

Statt betulicher Fahrten über Saône und Rhône sehen wir uns aber schon längst wieder dem hektischen Kiezalltag ausgesetzt. Und mir ist heute erstmals überdeutlich bewusst geworden, was mich an St. Pauli am meisten stört.

Es ist nicht die Hundekacke oder die Wochenendekotze an den Hauswänden, es sind nicht die Irren, Durchgeknallten oder volltrunkenen Vollpfosten, nein:

Es ist die Tatsache, dass ich nie die Straße überqueren kann, ohne erst mal ein Auto vorbeilassen zu müssen.

Vielleicht bin ich doch allmählich reif fürs Land. Oder gleich ein Weingut in Frankreich.

19 Oktober 2014

Fundstücke (196)

Sogar die Sparkasse scheint im Zuge der Finanzkrise einiges an Reputation eingebüßt zu haben.

Entdeckt in der Wohlwillstraße, St. Pauli.

17 Oktober 2014

Kaum zurück, schon wieder weg

Zugegeben: Die beiden letzten Blogeinträge haben zweifellos dazu beigetragen, ein Zerrbild des Tirolers ins kollektive Gedächtnis der Menschheit einzubrennen, und das habe ich nicht gewollt. Der Wirt unseres Gästehauses etwa hielt sich von jeder Ausformung der Adipositas fern. 
 

Stattdessen machte er Witze. Eingedenk der beim St. Johanner Knödelfest durch die Straßen geführten Almkühe augenzwinkerte er beim Frühstück: „Auf der Alm kamma sich lieben/denn im Herbst wird abgetrieben.“ 

 
Auch so was wie Charme hat der Mann. Nachdem wir den Meldezettel abgegeben hatte, kam er hinter uns her gelaufen und monierte das eingetragene Geburtsdatum von Ms. Columbo – das sei gewiss falsch und müsse unzweifelhaft zehn Jahre später liegen. 

Hier dämmerte uns allmählich, welch raffinierter Rhetorik der Tiroler sich notgeboren befleißigen kann und muss, wenn es darum geht, den eigentlich begrenzten Genpool über Jahrhunderte am Brodeln zu halten. 

Doch längst sind wir wieder zurück auf dem Kiez, wo alles beim Alten ist. In der Bar 99 Cent in der Erichstraße zum Beispiel kostet wirklich weiterhin alles nur 99 Cent, sogar der Whiskey. Mit was sie ihn dort heimlich verdünnen, will ich lieber nicht wissen; jedenfalls erhält der Begriff Absturzkneipe dort seine höchste Ausformung.



Auch in der Hamburger Alm auf der Reeperbahn, liebe Touristen, wirbt man ausschließlich mit Getränkeangeboten, obgleich die hier zu sehende Tafel eher davidstraßenübliche Dienstleistungen zu offerieren scheint.

Derweil verabschiedet man auf einem Hausdach am Hafen grillend den Sommer, wie wir unlängst von der Clouds-Dachterrasse aus ungläubig beobachten konnten. Geländer? Netz? Doppelter Boden? Pah: Auf dem Kiez lebt man natürlich standesgemäß wild und gefährlich – und an dieser Grillparty sollte halt niemand teilnehmen, der sich vorher in der Bar 99 Cent einen schwankenden Gang angetrunken hat. Oder gerade dann – um zu zeigen, wie man neben Mietenwahnsinn und Bullenterror auch das überlebt.

Mit diesen halbherzig mahnenden Worten empfehlen wir uns in den nächsten Urlaub. Diesmal geht es – dem Bahnstreik und anderen Widrigkeiten hoffentlich tapfer trotzend – nach Südfrankreich. 

Und wer weiß: Vielleicht stehen hier schon ganz bald völlig klischeefreie Charakterisierungen einer mit dem Tiroler nur sehr weitläufig verwandten, aber mit Sicherheit genauso schrulligen Spezis – nämlich des gemeinen Südfranzosen.

01 Oktober 2014

Tiroler Nachlese – mit Pareidolie Nr. 100!


Wahrscheinlich löst dieses im Zillertal entdeckte Hinweisschild bei Touristen aus dem englischsprachigen Raum kein „Must see“-Gefühl aus – im Gegensatz zum Grab des legendären Skikönigs Toni Sailer. 

Es liegt auf einen traumhaft schönen Kirchhof in Kitzbühel, dessen Anblick man auch Toni Sailer weiterhin wünschen würde. Angenehm sachlich seine Grabinschrift: „Berühmt, beliebt, bescheiden“. Wahrscheinlich stimmt sogar alles davon.






Dieses zornige Steingesicht entdeckte ich auf einem recht mühseligen Bergpfad oberhalb der Baumgrenze. Auch die Alpen können also Pareidolien. Nach über einer Stunde Gekraxel über besagten Pfad und der Bewältigung von mehr als 200 Höhenmetern erreichten wir ächzend den Wildsee, wo wir uns stantepede auf die Holzbänke der dort ansässigen Gastronomie fallen ließen. 

„Haben Sie hier oben eigentlich einen Hubschrauberlandeplatz, oder wie kommen Sie jeden Tag hier rauf und runter?“, fragte ich die etwa 25-jährige Servicekraft. „Zu Fuaß“, sagte sie, „in oaner hoalbe Stund.“

Warum gibt es eigentlich nicht mehr Olympiasieger aus Österreich?



Völlig problemlos kann man in diesem unverkrampften Alpenland übrigens weiterhin einen Kuchen namens „Mohr im Hemd“ bestellen, und keiner guckt komisch. Und der Espresso heißt zu allem Überfluss auch noch „Kleiner Brauner“, und zwar nicht nur in Braunau am Inn, sondern auch in St. Johann.
 
Ebenda erweist der Tiroler sich gendertheoretisch als erfrischend rückständig. Sonderpreise für „Pensionisten und Damen“ auszurufen, traut man sich bei uns nur noch in Hessen aufm Dorf. Na gut, wahrscheinlich auch in Bayern, Franken, Schwaben und sicher auch in Sachsen. Hauptsache aufm Dorf.


Volldeppenapostrophe versuchten wir mit der Reise nach Tirol zuverlässig zu fliehen, doch leider waren sie schon vor uns da. Im deutschsprachigen Europa wächst eben zusammen, was zusammengehört.

Also können wir auch getrost nach St. Pauli zurückkehren. Hiermit geschehen.



20 September 2014

In den Alpen


Der Tiroler gehört zu einem der Korpulenz wohlwollend zugeneigten Bergvolk, welches sich seiner genetischen Disposition nicht im Geringsten schämt, im Gegenteil.

Das Weibchen etwa überbetont das seine Milchdrüsen umgebende Fettdepot mit einem „Dirndl“ genannten Kleidungsstück, welches die damit nordwärts der Taille eingefassten Körperteile sowohl halb freilegt als auch darbietend vorwölbt.

Tirolermännchen hingegen finden es allem Anschein nach behaglich, in müffelnden, aus den Häuten halbverwester Tiere gefertigten halblangen Hosen herzumzulaufen, welche den Blick auf grobbehauene Waden aufs Unschönste freigeben.

Derlei naturgegebene und auf beiderlei Geschlechter freigebig verteilte Defekte scheinen freilich die hiesige Reproduktionsfreude keinesfalls zu beeinträchtigen. Allerorten jedenfalls watschelt korpulesker Nachwuchs in ähnlicher Staffage daher wie seine Erzeuger.

Im Rahmen eines sich allerhöchster Frequentierung erfreuenden sog. „Knödelfestes“ ergab sich der St. Johanner Tiroler heute stundenlang vor allem dem Suff, was sich in ausgedehnten Torkelorgien niederschlug. Hier am Fuße des Kitzbühler Horns werden sie jedoch anscheinend als „Tanz“ fehlgedeutet.

Der größte Sohn der Stadt – ein anatomisch den Bevölkerungsschnitt erstaunlich treffsicher repräsentierender Trumm, der unter dem Namen einer Gletscherleiche firmiert („DJ Ötzi“) – war zwar nicht physisch, doch akustisch anwesend, und zwar in Form musikalischer Darbietungen, die dem Tiroler Anlässe für seine Torkelorgien zu liefern versuchten. Was, wie gesagt, gelang.

Nachmittags entflohen wir diesen verstörenden Stammesriten per Seilbahn in die höhere Bergwelt. Doch auch dort zeitigten die schrulligen Verhaltensweisen des Tirolers unschöne Folgen. Just heute nämlich hatte er bergan, bergab tonnenweise Gülle auf die eh ums Überleben kämpfende alpine Vegetation ausgebracht, was die Gegend olfaktorisch ähnlich stark kontaminierte wie seine Kleidungsgewohnheiten die Talsenke visuell.

Nach erklommenen hundert Höhenmetern kehrten wir entmutigt um, da die Gülleglocke anscheinend erst in der Stratosphäre an Intensität einzubüßen schien. Drunten ergaben wir uns einfach unserem Schicksal und verzehrten weiter Knödel. Denn wenn er, der Tiroler, eins kann außer saufen, torkeln und unwaschbare Müffelhosen tragen, dann Knödel, und zwar in erstaunlicher Varianz.

Ach ja: Er kann auch Regenbögen.


17 September 2014

Bloggeburtstag. Na toll.


Sehr aufmerksam: Ms. Columbo gratulierte mir gestern zum neunten Bloggeburtstag. Ich hätte ihn glatt vergessen, denn seit einiger Zeit ist hier vor allem nur noch eins zu sehen: eine Brache. 

„Nein, das ist keine Brache“, tröstet mich Ms. Columbo in einem zärtlich-liebevollen Tonfall, der signalisiert, dass es doch eine Brache ist, und streichelt mir aufmunternd über den Kopf. Na ja, jedenfalls feuert der HSV inzwischen pro Saison mehr Trainer als ich hier Einträge ab. 

Zu St. Pauli ist das Wesentliche auch gesagt. Dass wieder mal jemand seinen Mageninhalt vor unsere Wohnungstür drapiert? Langweilig. Der nächste Fahrraddiebstahl? Gähn. Noch eine bollernde Großveranstaltung mit teilnehmenden Torkelhorden? Grrr. 

Demotivierend erwies sich zuletzt außerdem ein fatalerweise erst sehr spät entdecktes technisches Problem, welches zur Folge hatte, dass sämtliche VG-Wort-Zählpixel von 2013 nicht funktionierten. Hatte das Blog mir vorher jahrelang den großen Sommerurlaub finanziert, verweigert es mir deshalb in diesem Jahr jegliche Ausschüttung. So kann ich nicht arbeiten. 

Inzwischen ist das Problem zwar wieder behoben, doch die lähmende Wirkung dieses Desasters hat noch nicht entscheidend nachgelassen. Trotz alledem möchte ich hier den Betrieb nicht offiziell einstellen. Schließlich könnte ja noch mal etwas Berichtenswertes passieren, für das ein Forum wie dieses das richtige ist – und sei es nur das nächste nette Graffito an einer schmutzigen, vollgepissten Kiezwand. Wie das abgebildete.

Mach ich mir jetzt noch einen Geburtstagssekt auf? Na, mal schauen, ob die Kommentare eine Entscheidungshilfe bieten.

(Ähm, welche Kommentare?)

04 September 2014

East of Eden

Das East-Hotel, eine mondäne Provokation mitten auf St. Pauli, feiert 10-jähriges Jubiläum. 

Im Lauf der Dekade wurden, wie der Chef im Vorfeld seiner Geburtsansprache penibel ausgerechnet hat, 65 Tonnen Rinderfilet serviert und eine halbe Million Portionen Sushi. 

Heute Abend aber spendiert das East etwas, statt immer nur Geld zu scheffeln, und zwar alle Getränkeeinnahmen zugunsten von Hamburg Leuchtfeuer. 

Saufen gegen Aids: ein Projekt, an dem man (= wir) natürlich gerne und generös mitwirkt. Der Schampus wird zu fünf Euro das Glas verramscht, und so ein gülden perlendes Gläschen steht jemand im cremefarbenen Canali-Anzug – also mir – ausnehmend gut, wie ich zumindest annehme respektive hoffe.

Unter den kostenlos gereichten kulinarischen Köstlichkeiten findet sich allerdings nullkommanix Vegetarisches, weshalb sich Ms. Columbo recht früh empfiehlt und ich in ein Gespräch mit einem Hamburger Künstler und seiner Begleitung gerate, welches derart einseitig verläuft, dass sie sich irgendwann absentiert.

Meine Versuche, ihn dezent auf die Notwendigkeit hinzuweisen, diesem tragischen Umstand durch umgehendes Hinterherlaufen Rechnung zu tragen, versanden so lange, bis ich überdeutlich werde. Dann eilt er von hinnen und ich zur Theke, um ein weiteres Glas Champagner für einen Fünfer zu ordern. 

Der gute Zweck heiligt, hicks, die Mittel, ist doch klar.

24 August 2014

Antifa mit Fahrrad

St. Pauli ist nicht nur manchmal eine rechtsfreie, sondern ganz generell eine ziemlich rechtenfreie Zone. Neonazis und ähnliches Gesocks gibt es hier selten zu sehen. 

Der abgebildete Sticker auf einem Laternenpfahl in der Seilerstraße hat also durchaus recht mit seiner (warum eigentlich auf Englisch verfassten?) Behauptung, der Kiez sei eine „fascism free zone“. 

Eins aber ist seltsam an diesem Aufkleber: Sollte sich doch mal ein Nazi hierher verirren, muss er anscheinend damit rechnen, mit einem Fahrrad verprügelt zu werden. 

Warum in Dutschkes Namen mit einem Fahrrad und nicht z. B. mit einem Baseballschläger? 

Der ausgestreckte Arm des auf dem Boden liegenden Hakenkreuzträgers scheint trotzdem weniger eine Abwehr- als eine Zeigegeste auszuführen. Vielleicht ist er ja auch begeistert, eindeutig nicht mit einem Damen-, sondern mit einem ihm aus politischen Gründen genehmeren HERRENrad verprügelt zu werden. 

Wie auch immer: Als Nazi würde ich den Kiez tunlichst meiden. Wir haben Fahrräder, und wir werden sie benutzen!

21 August 2014

„Wir bitten um Geduldig“


Schon länger verzweifle ich (und zwar nicht immer still und leise) am Rechtschreibniveau junger Menschen, die sich bei uns im Verlag um ein Praktikum bewerben und von einer Karriere im Kulturjournalismus träumen. Allerdings ist dieses Nie-wo keineswegs auf Möchtegernjournalisten beschränkt, sondern frisst sich wie Salzsäure durch die deutsche Sprachlandschaft. 

Ein Beispiel. Neulich beklagte ich mich bei einem Onlineversender, weil er die Versandkosten meiner Bestellung doppelt abgebucht hatte; heute nun erhielt ich eine Antwort. Sie lautet – und ich zitiere wörtlich:

Sehr geehrter Herr Wagner,
Wir bedauern sehr für die unangenehmen Vorgang.
Ihre Nachricht wurden uns zur zuständigen Abteilung weitergeleitet. 
Wir bitten um Geduldig.

Nein, diese Firma sitzt nicht in Hongkong und ist bedingungslos auf den Google-Übersetzer angewiesen, sondern mittenmang im Schwabenland, und die Absenderin trägt den schönen deutschen Namen Pfeiffer. 

Wahrscheinlich wollte Frau Pfeiffer eigentlich Journalistin werden, weil sie einst berauscht war von ihrem Schreibtalent, wurde allerdings von so einem Idioten von Redakteur als Praktikumsbewerberin abgelehnt und muss sich seither im Onlineversandhandel verdingen.

Die Welt, das Leben: ungerecht. 

PS: Die oben abgebildete, in St. Pauli entdeckte Spontiparole ist dagegen ja geradezu Gold. Ich meine: nur ein Kommafehler! Den Autor würde ich sofort als Praktikanten nehmen. Also: Wenn Sie das hier lesen, lieber Betongeborener – einfach mal bewerben.

15 August 2014

Pareidolie (97–99)




„Imposante Laterne aus elegantem Steingut“ nennt die Firma Bahne den armen Tropf ganz oben. Eine Übertreibung ohnegleichen. 

Dass der Preis dieser larmoyanten Leuchte von 17,90 auf 6,90 € geradezu dramatisch abgestürzt ist, wundert mich jedenfalls nicht. Zeit, den Designer wegzuloben – z. B. in die Bestattungsbranche. 

Die blaue Mütze ist hingegen eher zufällig auf einem ähnlichen Trip wie die Laterne; gleichwohl: Auf Englisch heißt „blue“ auch traurig. 

Und eine Stimmungskanone ist das abgebildete Kartenschloss des Flusskreuzfahrtschiffes MS Amelia auch nur bedingt. 

Trotzdem schönes Wochenende allerseits.

PS: Eine ganze Galerie gibt es – natürlich – bei der Pareidolie-Tante. 


07 August 2014

Geleert statt gefüllt

Da lässt man einmal, EINMAL! sein Fahrrad über Nacht draußen statt im Hausflur stehen, und sofort fallen die walking dead vom Kiez darüber her. 

Heute Morgen fand ich die beiden Satteltaschen durchwühlt vor. Daraus verschwunden waren ein – zugegeben – fahrlässigerweise dort drin deponiertes Billigbügelschloss vom Flohmarkt und eine verschwitzte Schirmmütze in unmodischem Olivgrün. 

Wie bloß muss jemand ticken, frage ich mich hoffentlich auch für Sie nachvollziehbar, um ein Bügelschloss ohne (!) Schlüssel und eine gebrauchte Mütze zu klauen? Also ich kenne die Antwort nicht. Nicht mal im Ansatz.

Meine heimliche Befürchtung war stattdessen immer, dass jemand die Fahrradsatteltaschen eher füllen statt leeren könnte. Zum Beispiel mit Nahrungsmittelresten oder – schlimmer –  Körperflüssigkeiten. „Keine Sorge“, tröstet mich Ms. Columbo, „das kommt alles noch.“ 

Das denke ich auch. Wozu leben wir auf St. Pauli?

02 August 2014

Was ist diese Saison anders beim FC St. Pauli?



Bierbehälter: In den vergangenen Jahren verwöhnte uns der FC St. Pauli mit individuell bedruckten Hartplastikbechern – echte Sammlerstücke also, wie etwa der Bollbecher. In diesem Jahr speist man uns mit windelweichem knitterfreudigem Minderplastik ab, auf dem lediglich ein Brauereiname prangt. Dafür ist es zum Ausgleich teurer geworden. Nur fair!



Fanausmaße: Nun gut, vielleicht bildet der Trumm zwei Reihen vor mir nicht den statistischen Durchschnitt ab, doch Menschen, die im Grunde zwei Sitzschalen in Anspruch nehmen, obwohl sie nur für eine bezahlt haben, sind mir in der letzten Saison nicht aufgefallen.




Bandenwerbung: Der Claim „Fairness nach dem Spiel“, mit dem die Stader Feuerbestattungen uns zu charmieren versuchen, scheint mir ebenfalls neu zu sein. Vielleicht habe ich ihn aus naheliegenden Gründen auch nur verdrängt.


Stilleben: Für die liebevolle Gestaltung dieser feinsinnigen Komposition aus Senf, Kippen, Asche und Papierserviette zeichnete übrigens der Double-Size-Fan von oben verantwortlich. In manchem unförmigen Äußeren steckt eben eine zarte Künstlerseele.

Und was blieb diese Saison gleich?


Natürlich die hochprofessionelle Reihenbeschriftung: Dabei handelt es sich um tintenstrahlausgedruckte Papierstreifen, die wahrscheinlich mit einem Pritt-Klebestift auf den Betonsockel der Sitzreihen gepappt wurden. Komisch, dass das blöde Ding aus irgendwelchen naturgesetzwidrigen Gründen verdammt noch mal unverständlicherweise immer wieder abgeht.

Habe ich schon mal gesagt, dass ich diesen Verein schon ein bisschen mag? 
Wenn nicht, dann halt jetzt.

PS: All diese Erkenntnisse habe ich übrigens heute vor Ort auf der Nordtribüne beim 1:1 gegen Ingolstadt gewonnen.


29 Juli 2014

Geklebt und nicht vernäht

„Hey, German Psycho“, sagte ich neulich abends in einer Kiezbar zu German Psycho, „wissen Sie, was er hier …“ – und dabei zeigte ich auf unseren Tischnachbarn, einen bezopften und kurzbehosten Serben aus Frankfurt – „… mir gerade erzählt? Er habe Armani-Anzüge im Schrank, die er seit 25 Jahren nicht mehr rausgeholt hat.“

German Psycho schaute hoch, ohne zu blinzeln. „Sie sind ja auch“, sagte er, „geklebt und nicht vernäht.“
 
Das bringt alles auf den Punkt. Alles.

Und gibt mir Gelegenheit, diesen Blogeintrag mit dem unlängst auf dem Flohmarkt geschossenen Armani-Sakko zu dekorieren. Wahrscheinlich ist es geklebt und nicht vernäht. 

Ich sollte es 25 Jahre lang in den Schrank hängen und nicht mehr rausholen.

21 Juli 2014

„Unterwegs einloggen? Geht nicht.“

Im Sommer vor 18 Jahren, also im Pleistozän des Internets, interviewte ich die amerikanische Autorin J.C. Herz. Anlass war die deutsche Ausgabe ihres Buches „Surfing on the Internet“. 

Damals, 1996, fühlte ich mich ziemlich fachkundig, schließlich hatte ich Erfahrung mit BTX und seit ungefähr drei Jahren ein Mailkonto bei dem total hippen US-Dienst CompuServe (was ist aus dem noch mal geworden?). Mit dem Internet, wie J.C. Herz es verstand – also das Kommunizieren in Newsgroups mithilfe von Ascii-Text, so eine Art prähistorisches Simsen  –, hatte ich allerdings keinerlei Erfahrung. 

Es ist lustig, dieses wenig glanzvolle, aber doch erhellende Interview heute noch mal zu lesen. Herz sagt unerhörte Sachen wie „Am College hat jeder eine Mailadresse“ oder träumt von Kabelmodems. Manches wirkt ungewollt prophetisch, anderes naiv und vieles putzig aus Sicht der Smartphoneära von heute. 

Grund genug jedenfalls, dieses höchst angestaubte Fundstück aus dem Pleistozän fast zwei Dekaden danach noch zu verbloggen – und sei es nur, um den digitalen Abgrund zu vermessen, der uns inzwischen von damals trennt. Ich habe den Text lediglich der aktuellen Rechtschreibung angepasst und dokumentiere ihn hier – erstmals! – in ungekürzter Form. 

Heutzutage schreibt Herz eher über Fitness als übers Web, ist aber natürlich sowohl auf Facebook als auch auf Twitter aktiv.

Ihr Buch „Surfen auf dem Internet“ gibt es übrigens immer noch zu kaufen. 
Bei Amazon für einen Cent.


Das Gewicht des Net

Sie ist verstruwwelt und sommersprossig. Mit 25 wirkt die New Yorker Journalistin J.C. Herz wie ein später Teenager. Dabei ist sie eine Veteranin – des Internets. „Ich habe mehr Zeit im Net verbracht, als ein menschliches Wesen sollte“, grinst sie. Und das lange vor Erfindung des WordWideWeb, als das Internet nichts weiter war als ein Ozean von Ascii-Text. Herz hat den virtuellen Wortwogen ein handfestes Buch entrungen: „Surfen auf dem Internet“. Im Netjargon und ziemlich witzig schreibt sie (Netname: „Mischief“) über Nächte am Schirm, Koffeinkatastrophen und Onlineschimpf („flamewars“). Und über schräge Vögel, die irre, romantische, einsame Sätze durch Drähte jagen. Beim Interview ist J.C. offline und physisch da – ungewöhnlich für einen Netjunkie. Dass sie ihre Onlinesucht in einer Selbsthilfegruppe – im Internet! – therapiert hat, ist aber ein Werbegag.

Matt: J.C., kannst du einloggen, wenn du unterwegs bist?
J.C. Herz: Nein, und das stört mich auch nicht sonderlich. Schlimmer ist es, wenn ich meinen Anrufbeantworter nicht abhören kann.
Matt: Wie geht es deinen Augen nach den Jahren vorm Bildschirm?
Herz: Gut. Ich trage Linsen. Aber das hat nichts mit meinen Computererfahrungen zu tun.
Matt: Wie hoch war deine letzte Telefonrechnung?
Herz: Das ist der Unterschied zwischen Deutschland und Amerika: In New York kosten zehn Stunden im Netz einen Dollar – völlig vernachlässigenswert. Deshalb entwickelt sich das Net auch in Deutschland nicht so rasch. Euer Telefonanschluss ist einfach zu teuer. Meine Telefonkosten rühren mehr von Distanzbeziehungen her als vom Internet …
Matt: Die Netsurfer, die du in deinem Buch beschreibst, sind einsam, egozentrisch, seltsam und selbstmitleidig, sie sehnen sich nach Berührungen und fliehen doch vor den Menschen …
Herz: Dass sie seltsam sind, stimmt. Ich glaube aber, dass wir uns alle durch neue Technologien fremder werden. Im Net bemitleiden sich nicht alle selbst, das ist kein generelles Phänomen. Wenn du dir den durchschnittlichen Netuser von vor zehn Jahren (also 1986; Matt) anschaust, dann war er ein weißer männlicher Computerprogrammierer. Das ist lange vorbei. Heute sind 37 Prozent aller US-User Frauen. Das Net ist eine sehr bunte Gemeinschaft geworden, und es ist sehr, sehr gefährlich, zu verallgemeinern – damit lag ich selbst schon mal daneben. Ich war in Boston zum Lunch mit einem Computerfachmann verabredet, den ich zum Thema Internet interviewen sollte. Ich dachte: Mein Gott, dieser Typ trägt bestimmt eine Glasbausteinbrille und ein T-Shirt mit Periodensystemaufdruck, hat dünnes Jesushaar und ist total widerwärtig. Mit diesem Alptraumszenario im Kopf ging ich hin – und er sah aus … göttlich! Beim Essen sagte ich kein Wort, so beschämt war ich. Unglücklicherweise war er verheiratet.
Matt: Statt 37 Prozent Frauenanteil haben wir in Deutschland knapp zehn. Woher kommt es, dass Frauen so weit hinterherhinken?
Herz: Ursprünglich war das Internet ein Experiment des US-Verteidigungsministeriums, einer Männerdomäne. Dann schlossen sich Computerwissenschaftler an – auch überwiegend Männer. Frauen kommen sehr gut zurecht, wenn sie erst mal ihre Angst vor der Technik überwunden haben – das Net hat schließlich mit Kommunikation zu tun, und darin sind Frauen gut. Sie finden es halt nicht besonders unterhaltsam, sich mit Maschinen abzugeben. Aber das Net ist keine Maschine mehr, du erreichst andere Leute damit. Seitdem das so ist, bevölkern Frauen das Internet. Deutschland hinkt in dieser Beziehung zwei Jahre hinter uns her.
Matt: Nicht eher zehn …?
Herz: Nein, ihr habt das Web, und ihr habt Leute, die Websites entwickeln.
Matt: Aber hier ist das kein Teenagermedium, wie du es in deinem Buch beschreibst. Der duchschnittliche User ist über 30, gebildet und verdient gut.
Herz: Richtig. Dass US-User so jung sind, liegt daran, dass seit den frühen 90ern Studenten sehr guten Zugang zum Net erhalten. Am College hat jeder automatisch seine E-Mail-Adresse. Und auch die Highschools sind im Internet. Außerdem fällt jungen Leuten der Umgang mit der Technik leichter als ihren Eltern.
Matt: Du zitierst die Verlegerin Lisa Palac, die sagt, das Internet würde für die 90er, was den 70ern der Vibrator war. Was glaubst du?
Matt: Ich glaube, dass Lisa sehr gut mit Worten umgehen kann – deshalb rufe ich sie ständig an und bitte sie um Statements! Nein, das Net gibt den Frauen mehr Macht. Im Net sitzen sie selbst am Steuer, was Kommunikation und das Organisieren von Informationen angeht. Und wenn du als Frau online gehst, weiß niemand, dass du eine Frau bist; deswegen kann dich auch niemand wegen deines Geschlechts diskriminieren.
Matt: Du gehörst zur ersten Generation überhaupt, die einen Teil ihrer Jugend online verbrachte. Das muß sich irgendwie aufs Sozialverhalten auswirken …
Herz: Es macht dich offener für Begegnungen. Fast überall auf der Welt ist es doch so: Du gehst zur Schule mit Leuten aus deinem Viertel. Dann gehst du aufs Gymnasium, triffst eine ganz bestimmte Sorte Leute, und genauso am Arbeitsplatz. Gesellschaften bestehen aus Schichten; man hat meistens nur Kontakt mit Leuten aus seiner Schicht. Im Net dagegen sind die Gruppen völlig vermischt – schau dir nur die Meinungen an, die vertreten sind. Du kannst also jemand treffen, dem du normalerweise nicht unbedingt auf einer Cocktailparty begegnen würdest. Und ich glaube unbedingt, dass das gut ist. Es bringt Leute aus aller Welt in Kontakt – wenn auch dabei oft nur klar wird, wie verschieden ihre Meinungen sind.
Matt: Und das birgt Suchtgefahren …?
Herz: Internetabhängigkeit gibt es schon, aber im Buch gebrauche ich das ironisch. Es ist ein Witz, und es wundert mich, wenn das die Leute nicht kapieren. Wenn ich die ganze Zeit im Net verbracht hätte, gäbe es dieses Buch nicht.
Matt: Du liebst die Anarchie des Internet. Wird dieses Archaische stark genug sein, um das Net vor der Kommerzialisierung zu schützen?
Herz: Das Web hat das Internet schon vor kommerziellen Interessen gerettet! Die Befürchtung war, große Firmen würden die Newsgroups stürmen und statt Diskussionsbeiträgen Produktangebote ablegen. Dann kam das Web mit seinen tollen Bildchen. Darüber bin ich wirklich froh, denn das Web gab der Werbeindustrie eine Anlaufstelle, und das rettete die Netkultur. Wenn dir jemand in einer Newsgroup eine Werbebotschaft zukommen lässt, hast du gar keine andere Wahl, als sie erst zu lesen, ehe du die Löschtaste drückst. Im Web ist es anders: Wenn du dich mit dem Zeug nicht abgeben willst, brauchst du das auch nicht.
Matt: Dafür gibt es nun das Problem der Langsamkeit. Man sitzt endlos herum und wartet, bis der Datentransfer abgeschlossen ist.
Herz: Absolut. Jemand hat gesagt, die Summe aller Wünsche hinsichtlich des Internet könnte man in folgendem Stoßseufzer zusammenfassen: Hätten wir nur ein breiteres Band …! Deswegen weiß ich wirklich nicht, ob das Net wirklich das Wunschmedium der Industrie ist – es ist einfach langsam. Time Warner baut wohl gerade Kabelmodems; vielleicht bringen die was. Aber wahrscheinlich kriegen wir dann einfach nur quick-time infomercials zu allen Produkten. Aber es liegt nicht nur an den Firmen. Es gibt unzählige Homepages mit Fotos von Tante Trude, Kuchenrezepten und Fotos von Schoßhündchen. Die verstopfen das Web genauso.
Matt: Das Net gibt dir die Möglichkeit, jede Identität anzunehmen. Du kannst Mann sein oder Frau, Riese oder Zwerg. Aber in Wahrheit bist du nichts – nur Worte und Emoticons. Ist das befriedigend?
Herz: Kommt drauf an. Wenn du erwartest, das Net würde deine Probleme im Bett lösen – sorry, das wird nicht klappen. Aber es ist befriedigender als Fernsehen. Es ist interessant, dass Leute das Net auf Dinge abklopfen, die sie beim Fernsehen nicht mal interessieren. Sie stellen diese Fragen immer nur technischen Entwicklungen, vor denen sie Angst haben. Ich glaube, das Net hat interessante Erkenntnisse beizusteuern, was Identität angeht: wer wir sind, Geschlechtsrollen … Ich finde es sehr interessant, wie jemand einen Charakter konstruiert, der von seiner echten Persönlichkeit abweicht. Sie gehen shoppen und probieren neue Kleider an.
Matt: Im Net wird geschrieben wie gesprochen, in deinem Buch auch. Keimt da eine neue Art Literatur?
Herz: Es wäre schrecklich, wenn man mich dafür verantwortlich machte! Das Net ist interessant, weil es weder Fisch noch Fleisch und an den Rändern zu Hause ist. Es ist ironisch, dass im Net geschrieben wird, denn es funktioniert wie eine orale Kultur. Leute, die im Internet tippen, gebrauchen Buchstaben, aber sie fühlen sich nicht als Gemeinschaft literarischer Individuen, die Briefe entwerfen. Es ist keine Gruppe Belletristen des 19. Jahrhunderts. Es sind Leute, die miteinander quatschen, und so fühlen sie sich auch. Wenn du siehst, wie Diskussionen im Net ablaufen, merkst du schnell, dass das Idiom viel eher ein gesprochenes als ein geschriebenes ist. Dass all das in Ascii-Text abläuft, finde ich ironisch. Natürlich ist das gut, weil die Leute wenigstens lesen. Ich glaube, dass seit den Comics kein anderes Medium mehr Teenager Lesen gelehrt hat. Gut, sie lesen nicht Dickens, aber sie lesen! Und sie merken’s nicht mal. Als jemand, die schreibt, finde ich das tröstlich. Ich mag Worte.
Matt: Du hast mal den Kultautor William Gibson getroffen, der das Wort Cyberspace erfunden hat. Er soll nicht mal eine E-Mail-Adresse haben.
Herz: Ich habe William Gibson gefragt, warum er nicht im Net sei. Und er sagte: „Weil ich glaube, dass sein Gewicht mich erdrücken würde.“ Ich wusste nicht, wie er das meinte. Doch als ich für mein Buch recherchiert habe, verstand ich es – denn dem Net verdankte ich einen Nervenzusammenbruch, ich konnte es nicht mehr aushalten. Wie auf einer Party, auf der dich plötzlich Platzangst überfällt. So fühlte ich mich; und ich glaube, so hat er es gemeint.
Matt: Aber wie wusste er das?
Herz: Weil er ein sehr intuitiver und hochintelligenter Mensch ist. Weißt du, wenn Gibson ins Internet ginge, wäre das die erste Szene einer hard day's night – mit all diesen verzweifelten Groupies, die ihn umdrängten …
Matt: Wie wirkt denn dein Buch auf die Leser – strömen sie ins Net?
Herz: In den E-Mails, die ich bekomme, steht zum Beispiel: „Ich hab dein Buch gelesen, mich eingeloggt und finde es toll.“ Oder: „Oh, mein Gott – das Buch erinnert mich total an mich selber!“ Solche Leute erschrecken mich …

• J.C. Herz: Surfen auf dem Internet (Rowohlt 1996, 320 S., 38 DM)

(Eine gekürzte Version dieses Interviews erschien im August 1996 in der Zeitschrift „Kultur!News“, die sich inzwischen glücklicherweise ihres Binnnenausrufezeichens entledigt hat)

20 Juli 2014

Man muss nicht mal ein Schelm sein, um …

Zugegeben, ich freue mich  immer, wenn meine berüchtigte Sprach- und Satzzeichenpedanterie mal kein Augenrollen unter allen Anwesenden hervorruft, sondern selbst Skeptiker durch pure Evidenz zu überzeugen vermag. 

Ein solches unmittelbar einleuchtendes Beispiel liefert die Firma Geile aus dem nordhrein-westfälischen Westerkappeln, wovon ich mich heute an Bahnsteig 3 des Bahnhofs Kassel-Wilhelmshöhe überzeugen konnte. 

Bereits ein einfacher Bindestrich hätte ausgereicht, um den Pennäler in mir nicht wachzuküssen. Doch das sorgsam eingebaute Deppenleerzeichen lässt für Interpretationen kaum noch Spielraum.

Deshalb ist es – auch für die Art künftiger Geschäftskontakte – durchaus wichtig zu erwähnen, dass die Firma Geile Schokoriegel- und Instantcappuccinoautomaten herstellt und keineswegs Vibratoren.

Aber nicht, dass dagegen irgendwas zu sagen gewesen wäre; dass das mal klar ist.


12 Juli 2014

Fundstücke (193)


Keine Ahnung, ob ein im Sattel steckender (gebrauchter!) Zahnstocher ein effektiver Schutz vor Fahrraddieben ist, aber eins ist sicher: 

Wer immer sich das Rad aneignet und damit flieht – übersehen sollte er dieses Detail besser nicht.

Entdeckt in der Seilerstraße.