17 Oktober 2014

Kaum zurück, schon wieder weg

Zugegeben: Die beiden letzten Blogeinträge haben zweifellos dazu beigetragen, ein Zerrbild des Tirolers ins kollektive Gedächtnis der Menschheit einzubrennen, und das habe ich nicht gewollt. Der Wirt unseres Gästehauses etwa hielt sich von jeder Ausformung der Adipositas fern. 
 

Stattdessen machte er Witze. Eingedenk der beim St. Johanner Knödelfest durch die Straßen geführten Almkühe augenzwinkerte er beim Frühstück: „Auf der Alm kamma sich lieben/denn im Herbst wird abgetrieben.“ 

 
Auch so was wie Charme hat der Mann. Nachdem wir den Meldezettel abgegeben hatte, kam er hinter uns her gelaufen und monierte das eingetragene Geburtsdatum von Ms. Columbo – das sei gewiss falsch und müsse unzweifelhaft zehn Jahre später liegen. 

Hier dämmerte uns allmählich, welch raffinierter Rhetorik der Tiroler sich notgeboren befleißigen kann und muss, wenn es darum geht, den eigentlich begrenzten Genpool über Jahrhunderte am Brodeln zu halten. 

Doch längst sind wir wieder zurück auf dem Kiez, wo alles beim Alten ist. In der Bar 99 Cent in der Erichstraße zum Beispiel kostet wirklich weiterhin alles nur 99 Cent, sogar der Whiskey. Mit was sie ihn dort heimlich verdünnen, will ich lieber nicht wissen; jedenfalls erhält der Begriff Absturzkneipe dort seine höchste Ausformung.


 
Auch in der Hamburger Alm auf der Reeperbahn, liebe Touristen, wirbt man ausschließlich mit Getränkeangeboten, obgleich die hier zu sehende Tafel eher davidstraßenübliche Dienstleistungen zu offerieren scheint.

Derweil verabschiedet man auf einem Hausdach am Hafen grillend den Sommer, wie wir unlängst von der Clouds-Dachterrasse aus ungläubig beobachten konnten. Geländer? Netz? Doppelter Boden? Pah: Auf dem Kiez lebt man natürlich standesgemäß wild und gefährlich – und an dieser Grillparty sollte halt niemand teilnehmen, der sich vorher in der Bar 99 Cent einen schwankenden Gang angetrunken hat. Oder gerade dann – um zu zeigen, wie man neben Mietenwahnsinn und Bullenterror auch das überlebt.

Mit diesen halbherzig mahnenden Worten empfehlen wir uns in den nächsten Urlaub. Diesmal geht es – dem Bahnstreik und anderen Widrigkeiten hoffentlich tapfer trotzend – nach Südfrankreich. 

Und wer weiß: Vielleicht stehen hier schon ganz bald völlig klischeefreie Charakterisierungen einer mit dem Tiroler nur sehr weitläufig verwandten, aber mit Sicherheit genauso schrulligen Spezis – nämlich des gemeinen Südfranzosen.

Kommentare:

  1. Anonym16:03

    Fehlende Geländer wären beim Grillen auf Bitumenbahnen meine geringste Sorge.

    AntwortenLöschen
  2. Und wenn Sie die Verwandten in Südfranzösien nicht finden, so rate ich zu einer Rückfahrt mit Erfolgsgarantie durch die Schweiz. Gibt es doch käumstens Gründe dafür, Älpler in verschiedenen Staaten unterzubringen.

    AntwortenLöschen
  3. Wer wäre ich, einen guten Ratschlag nicht zu befolgen?

    AntwortenLöschen