31 Oktober 2026

Wieder mal die 112

Kurz nach 22 Uhr: Das Stöhnen unten auf der Straße ist noch hier im zweiten Stock zu hören, trotz geschlossener Fenster. Vom Balkon aus sehe ich zwei Männerbeine hinter einem geparkten Transporter hervorragen. Sie zappeln hilflos. Oben dran hängt ein Mann, der stöhnt.

Ich will nichts überstürzen, beobachte die Lage, sammle Informationen. Der Mann schafft es nicht, seine Position zu verändern oder gar aufzustehen. Er liegt jetzt still da. Drei junge Frauen nähern sich, stutzen kurz, schauen zu ihm hinab und gehen weiter. Zwei Männer schlendern ungerührt vorbei. Dann einer, der sich nicht beim Telefonieren stören lässt.

Okay, ich habe genug gesehen. Ich ziehe mich an, verspreche Ms. Columbo, vorsichtig zu sein (Messer! Spritzen!), und gehe hinunter.

„Hallo? Können Sie mich hören? Wie geht es Ihnen?“
Keine Reaktion.

Er ist kahl und um die sechzig, liegt regungslos auf dem Rücken, den Hinterkopf auf dem harten Pflaster. Wenn ich das wäre, etwa nach einem Überfall, bei dem man mir eins mit der Bierflasche übergezogen hätte, würde ich mir wünschen, jemand wählte die 112. Also wähle ich die 112.

Ob der Mann ansprechbar sei.
Nein.
Ob er atme.
Ja.

Okay, man schickt einen Notarztwagen. Ich warte. Weitere Passanten kommen vorbei, niemand kümmert es, dass dort ein anscheinend bewusstloser Mann auf dem Gehweg liegt. Nur drei mit Bierflaschen ausgestattete Jungs bleiben stehen und – als sie hören, dass ich bereits den Notruf gewählt habe – fragen, ob ich Unterstützung brauche. Gute Jungs.

Eine zähe Viertelstunde später kommt der Rettungswagen, mit Blaulicht, aber ohne Sirene. Möglicherweise hat meine Auskunft, der Mann atme, nicht die Alarmstufe Rot ausgelöst. Mit einem Winken bringe ich den Wagen zum Halten. Zwei Männer steigen aus, geben mir mit den Worten „Danke, wir kümmern uns“ zu verstehen, dass Laien hier nicht mehr gebraucht werden.

Als ich die Jacke wieder auf die Garderobe gehängt, die Haushose und Schlappen angezogen habe, gehe ich zur Balkontür, um zu schauen, wie die Lage sich entwickelt. Soeben verlässt der Notarztwagen die Szenerie. Hinter dem Lieferwagen ragen keine Beine mehr hervor. Der Mann hockt jetzt gegenüber an der Hauswand und starrt ins Nichts.

Ich beginne diesen Text zu schreiben. Etwa eine Viertelstunde später höre ich jemand „Hallo?“ rufen, was selbst hier oben bei geschlossenen Fenstern zu hören ist. Ich trete ans Fenster. 

Der Mann liegt regungslos auf dem Rücken an der Hauswand, sein Hinterkopf auf dem harten Pflaster. Zwei Männer und eine Frau stehen im Halbkreis vor ihm. Einer telefoniert. Er hat die 112 angerufen. Gute Leute.

Zehn Minuten später kommt der Rettungswagen, mit Blaulicht, aber ohne Sirene. Drei Männer steigen aus, leuchten dem Mann ins Gesicht, setzen ihn hin, sprechen ihn an. Keine Reaktion.

Dann holen sie eine Tragbahre aus dem Wagen und nehmen ihn mit.


 

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