Dieser goldene Mercedes-Oldtimer, der bei vierunddreißig Grad im Schatten vor der Millerntortiefgarage von besseren Zeiten träumt, erfreute heute mein vor Schweiß tränendes Auge. Was Sie zum Glück nicht hören können, ich aber schon, ist der Soundtrack dazu. Ich sage nur zwei Worte: Harley Days. Seit heute sind sie im Gange.
Im Lauf der vergangenen zwei Jahrzehnte betrieb ich hier im Blog eine diesbezügliche Stressbewältigungsstrategie, die vor allem aus herzhaften Beschimpfungen bestand. So titulierte ich die Teilnehmer dieser Veranstaltung aus der Hölle unter anderem so: Harley-Hirnis, Bikebanditen, Zweitaktzombies, Chromtanktaliban, Bandanablödiane, Chopperschimpansen, Nietenlederlumpen, Motorradmarodeure, PS-Pestbeulen, Kuttenclowns oder rollende Bierbäuche.
All das führte jedoch nie dazu, dass die fünfunddreißigtausend Teilnehmer ihre Anreise im darauffolgenden Jahr beleidigt gecancelt hätten. Nein, diese herumöttelnden Terrortruppen kamen unermüdlich wieder. Doch auch ich kann Wiederholung: Alljährlich beschimpfte ich sie erneut ob ihrer hirn- und sinnbefreiten Lärm- und Abgaseruptionen, ich schüttelte die Fäuste wider sie, und ja, ich fiel sogar mehrfach vor dem Wettergott auf die Knie und erflehte Dauernieselregen oder wenigstens apokalyptische Hagelstürme. Beidem gab er allerdings regelmäßig nicht statt.
Unversehens aber scheint mir der Wettergott an diesem Wochenende ein Versöhnungsangebot zu unterbreiten, in Form einer im Juni noch nie da gewesenen Hitzewelle. Bei der Vorstellung, wie es sich wohl anfühlen mag, bei vierunddreißig Grad im Schatten und siebenundsechzig plus in der Sonne in einer schwarzen Ledermontur bei lebendigem Bierbauch gesotten und gegart zu werden, wird mir ganz kommod zumut.
Außerdem – und das ist der Clou – sehen sich die Veranstalter bei diesen klimatischen Bedingungen außerstande, diesmal den sonntäglichen Höhe- und für uns Tiefpunkt zu gestatten, nämlich die Abschlussparade der Fünfunddreißigtausend. Das bedeutet: Uns bleibt in diesem gebenedeiten Jahr der übliche Dauerschallpegel über Stunden und Stunden erspart. Danke, Wettergott! Danke, Hitzewelle! Klimawandel, sei gepriesen!
Der goldene Mercedes-Oldtimer, der bei vierunddreißig Grad im Schatten vor der Millerntortiefgarage parkt, kann weiter von besseren Zeiten träumen.

Jetzt muss ich Sie aber doch mal kritisieren. Zweitaktzombies? Mit Zweitaktern hat ein Harley Motor soviel zu tun, wie der der Papst mit Frauen (eigene, meine ich natürlich) Ansonsten freue ich mich natürlich über ihre, wenn auch nur rudimentäre, textliche Rückkehr. Mit den besten Grüßen aus dem Sauerland.
AntwortenLöschenUnd das sagen Sie mir erst jetzt, fünfzehn Jahre nachdem ich erstmals gegen diese Veranstaltung loslederte? Na, herzlichen Dank auch.
LöschenIch bin da ganz bei ihnen. Wobei meine persönliche Schmerzgrenze bereits deutlich vor 35.000 Harleys erreicht ist. Mir reichen schon jene Menschen, die an einem sonnigen Wochenende beschließen, sich mit ihren Cabrios, Quads oder sonstigen motorisierten Freizeitgeräten zu Herden zusammenzuschließen und der Umgebung ihre Existenz akustisch mitzuteilen.
AntwortenLöschenBesonders rührend finde ich die unausgesprochene Annahme, dass eine Ausfahrt erst dann wirklich gelungen ist, wenn sie noch drei Ortschaften weiter als Ereignis wahrgenommen wird.
Insofern begrüße ich jede Wetterlage, die Menschen dazu bewegt, ihre verfickten Statussymbole stehen zu lassen und stattdessen einen stillen Schattenplatz aufzusuchen, möglichst weit weg von Hamburg! Für die Anwohner ist das dann die erholsamste Form gelebter Mobilität.