25 März 2026

Der gestrandete Buckelwal

Gerade als wir am Montag abreisen wollten aus Timmendorfer Strand, wo wir ein entspanntes Wochenende im empfehlenswerten Country Hotel verbracht hatten, kam ein neuer Besucher an, allerdings unfreiwillig: ein etwa zwölf Meter langer Buckelwal. Er strandete auf einer Sandbank im Ortsteil Niendorf und kam nicht mehr weg.

Da ich noch nie einen echten Buckelwal zu Gesicht bekommen hatte, beschloss ich am Dienstag wieder dorthin zu fahren. Schließlich ist Niendorf keine anderthalb Stunden entfernt von Hamburg und zudem in Deutschlandticket-Reichweite.

Als ich die Mole vorm Hundestrand erreichte, wo der Wal in einiger Entfernung festsaß, war ich nicht der Einzige, der auf diese Idee gekommen war. Auf den Steinbrocken, die zungenartig in die Ostsee hineinragten, um die Wellen zu brechen, standen und saßen Familien mit Kindern, Männer mit Ferngläsern und eine Frau aus Zittau, die mir ungefragt ihr Herz ausschüttete. Über ein rücksichtsloses Ausflugsboot, das schon mehrfach das leidende Tier umkreist habe (gerade tuckerte es wieder vorbei), über die „bestimmt vierzig oder fünzig Schreie“ des Wals (es ist mehr ein tieffrequentes Brummen, wie ich feststellen konnte), darüber, dass sie schon gestern den ganzen Tag hier verbracht habe und die Steine warm würden, wenn man länger darauf sitze (sie hatte das selbst getestet), und dass manche hier sogar lachten, dabei gebe es keinerlei Grund zur Freude.


Ihr aufrichtiges Mitgefühl, das ihre Mitteilsamkeit befeuerte, rührte mich. Und wer mir jetzt mit Whataboutismen kommt à la „Aber was ist mit den Menschen in Gaza, Teheran, Beirut?“, dem halte ich entgegen: Man sollte Opfer nicht gegeneinander ausspielen. Ein Buckelwal in höchster Not hat ebenso ein Recht auf Empathie, und niemand von uns kann sich in so viele Persönlichkeiten aufspalten, dass er allem Leid der Welt gleichzeitig Tribut zollen könnte.

Während ich dort stand und die Frau aus Zittau mich zum zweiten Mal fragte: „Woher kommen Sie? Ach, das hatte ich ja schon gefragt“, befragte ich mich selbst: Bin ich ein sensationslüsterner Whale Watcher, der den Überlebenskampf eines mit mir eng verwandten Großsäugers als Entertainmentgelegenheit missbraucht? Bin ich schaulustig?

Doch als ich in mich hineinhorchte, fühlte sich nichts schaulustig, sondern nur schautraurig an: das dunkle Brummen des Wals, die zischende Atemfontäne, die er von Zeit zu Zeit ausstieß, seine hoffnungsarme Lage, die Hilflosigkeit der Rettungskräfte … Was denkt der Wal, was fühlt er, wie vergeht für ihn die Zeit, wie nimmt er den Verlauf des Tages wahr, die Dunkelheit und den Sonnenaufgang, das Gefangensein an diesem Ort? Macht er sich eine Vorstellung von der Zukunft? Ist er zu Hoffnungslosigkeit fähig?

Er muss hungrig sein, vielleicht sogar panisch, jedenfalls voller Adrenalin, und das seit Tagen. Als ich über die Steine zurückkletterte, über die zahlreichen toten Kormorane in den Spalten hinweg, war ich froh, hierhergefahren zu sein. Ich habe einen Buckelwal gesehen, mit eigenen Augen, und ich fühle mit ihm.

Käme er doch noch frei und schwämme schließlich davon Richtung Kattegat, es wäre die schönste Nachricht in dieser an schlechten Nachrichten überreichen Woche.


Update, 28.03.2026, 09:00: Wo ist er?

Update, 28.03.2026, 18:00: Erneut gestrandet – ausgerechnet vor einer Insel namens Walfisch in der Nähe eines Ortes namens Timmendorf! Dieser Wal hat Humor.




 

19 März 2026

Fundstücke (271–274)

Immer wieder wird uns armen Radfahrern brutalstmöglich verdeutlicht, welchen Stellenwert man uns im Stadtverkehr beimisst. Der hier in der Glacischaussee dokumentierte Fall eines fröhlich zugeparkten Fahrradstreifens ist besonders betrüblich, weil es dort momentan vor Ordnungskräften wimmelt, die den Verkehr wegen des Domaufbaus regeln. Ich fragte mich sogar verunsichert, ob vielleicht ich falschliege und die Straße momentan nicht nur für den Autodurchgangsverkehr, sondern auch für Radfahrer gesperrt sei, doch einer der Cops, den ich dahingehend befragte, verneinte das.




Zum Glück gab es diese Woche auch heitere Momente. So erfreute das Restaurant Riad in der Neustadt mein Herz mit würzigen Riesen für nur zweiundzwanzig Euro. Xavier Naidoo („Wir haben alle schon Menschen gefressen“) meidet den Laden bestimmt so vehement wie Hannibal Lecter eine Veggiemesse.


Apropos Restaurant: Beim Libanesen Hala Mignon, angesiedelt in der skurril benamten Straße Rutschbahn im Grindelviertel, musste ich auf dem Weg zum Herrenklo einem kapitalen Kronleuchter ausweichen, den man wohl in Versailles hat mitgehen lassen. 

Warum der Trumm allerdings auf dem stillen Örtchen sein überdimensioniertes Hängedasein fristet, statt im Speisesaal vor sich hin prunken zu dürfen, bleibt ein ungelöstes Rätsel, das ich am Abend unseres Besuches leider versäumte, durch Befragungen des Personals aufzulösen. Aber beim nächsten Mal, denn dort speist man vorzüglich – Levanteküche rules!




Seit der Abwesenheit von Christo (1935–2020) und Jeanne-Claude (1935–2009), die beide am selben Tag geboren wurden, aber in unterschiedlichen Jahren verstarben, erreichen Verpackungen im öffentlichen Raum nur noch selten die Wucht und Ausmaße ihrer Kunstwerke – wie die Reeperbahn zurzeit sehr uneindrücklich beweisführt.


 

13 März 2026

Klartext

„Sach ma, was heißt eigentlich Moin?“

„Guten Morgen, Guten Tag, Guten Abend. Hallo. Hi. Schön, dich zu sehen – je nach Kontext.“

„Und Moin Moin?“

„Dass du ’ne nervtötende Quasselstrippe bist.“

„Und Guten Moin …?“

„Nun, dass du noch heute geteert und gefedert zurück nach Stuttgart verfrachtet wirst.“

10 März 2026

Im Auge des Sturms

Kaum hatte ich mich entschlossen, hier eine mit mir eng verwandte Dame liebevoll zu bespötteln, weil sie innerhalb weniger Wochen zwei elektrische Espressomaschinen vollends ruinierte, indem sie sie gedankenverloren auf eine Ofenplatte stellte, gelang es mir, eine Kasserolle mit tomatensoßenlastigem Kichererbseneintopf auf unserem geerbten Perserteppich zu entleeren sowie wenig später ein Grappaglas derart effizient auf einem Fliesenboden zerschellen zu lassen, dass die Anzahl der kleinteilig zerbröselten Scherben die Gesamtfläche des zerdepperten Grappaglases um den Faktor vier überstiegen haben muss, ich schwör.

Dies bewegt mich, über beides – die ruinierten Espressomaschinen (im Foto Nummer zwei) und den ruinierten Perser – den Mantel des Schweigens zu breiten, ja, kein einziges Wort über beide Missgeschicke zu verlieren, sondern lieber den Blick zu lenken auf eine liebenswürdige Aufmerksamkeit, die mir meine weltweit liebste Hansestadt alljährlich zuteilwerden lässt. Denn stets begeht sie das Jubiläum meines Wiegenfestes mit einer dreiwöchigen Sause, Frühlingsdom genannt, und hofft, ich möge erscheinen und mir von den erschienenen Massen huldigen lassen. Doch da halte ich es wie mein Lieblingskünstler Bob Dylan: Nur wer sich rar macht, bleibt interessant.

Momentan scheint dies in hohem Maße für dieses Blog zu gelten. Denn obgleich sich meine Veröffentlichungsfrequenz seit Langem einer homöopathischen Dosierung nähert, stürmen seit Tagen Massen sonder Zahl die Rückseite der Reeperbahn. Die heutige Zugriffszahl von mehr als 58.000 ist ein einsames All-time-High, und das ist auch gut und schön, denn ich fühle mich grundsätzlich wohl im Auge eines Sturms – doch wüsste ich gern, was und wer ihn entfacht hat. Denn mit Google Analytics et cetera ist dieses Blog unterausgerüstet, weshalb ich auf Sie – also eine(n) der plus 58.000 – angewiesen bin.

Also Butter bei die Fische: Warum sind Sie hier? Wer hat Sie geschickt? Bitte nutzen Sie zahlreich die Kommentarfunktion, denn so lange ich mich in Ihren Erklärungen verliere, kann ich wenigstens keinen tomatensoßenlastigen Kichererbseneintopf auf dem geerbten Perser entleeren.

Danke vorab!




01 März 2026

Alles Käse auf dem Fischmarkt

Bei meiner Route über den Fischmarkt morgens um halb zehn passiere ich zunächst den uninteressanten Stand von Schnipsel-Dieter. Auch der von Schnibbel-Tim entfaltet keinen Liebreiz. Das gilt auch für die nächsten auf meinem Weg, nämlich die von Bananen-Fred, Fisch-Moritz und Schoko-Jonny. Nein, mein Begehr und einziges Ziel ist der Marktwagen von Käse-Tommi!

Hier besorge ich mir alle paar Monate eine ordentliche Weichkäsekompilation für fünfzehn Euro auf Vorrat, so auch heute. Die obendrauf platzierte eingeschweißte Portion Räucherfleisch moniere ich, und Käse-Tommi offeriert mir als Ersatz umstandslos eine Ziegenrolle. Her damit!

Auf dem Rückweg passiere ich die durchweg uninteressanten Stände von Schoko-Jonny, Fisch-Moritz, Bananen-Fred, Schnibbel-Tim und Schnipsel-Dieter, und ruck, zuck bin ich wieder zu Hause, wo man mich alsbald beim Portionieren der Weichkäsekreszenzen antreffen kann. Denn die ordentliche, nur in Kilogramm quantifizierbare Menge, die Käse-Tommi einem für fünfzehn Euro einpackt, wäre nur unter Gefahr für Leib und Magen bis zum recht nahen Ablaufdatum verzehrbar, weshalb sie stets mehrheitlich zunächst in der Tiefkühltruhe landet.

Sollten Sie jetzt reflexhaft aufschreien und mir aufgeregt mitteilen wollen, dass man Weichkäse keinesfalls einfrieren dürfe, weil seine Konsistenz nach dem Auftauen nicht mehr verzehrkompatibel sei, so rufe ich Ihnen entgegen: Das ist falsch! Aufgetauter Weich- geriert sich wie ebensolcher Hartkäse nämlich genauso wie zuvor: unbeschadet.

Nur sehr, sehr wenige Male in meiner jahrzehntelangen Geschichte des erfolgreichen Weichkäsetieffrierens wurde ich mit einem schmierig-schlabberigen Auftauresultat konfrontiert, was mich zur sofortigen Entsorgung zwang. Diese Vorfälle aber kann ich an einer Hand abzählen, während das Gegenteil eine Zahl an Händen erforderte, für die ich schon die halbe Einwohnerschaft des Kiez’ rekrutieren müsste.

Wen ich übrigens bei meiner kleinen Tourbeschreibung oben unterschlagen habe, ist der bundesweit bekannte Aale-Dieter. Dieses Monument von Marktschreier subsumiert man halt nicht einfach so unter Kantonisten wie Schnibbel-Tim. Wie eh und je – genauer gesagt seit Juni 1959! – steht Aale-Dieter auch heute Morgen hinter seinem Tresen. Der Sechsundachtzigjährige ist so hager geworden wie zäh geblieben – und weiterhin der unangefochtene Endgegner aller Aale.

In drei Jahren also möge Dieter (Aale- nicht Schnipsel-) bitte, bitte sein siebzigstes Fischmarktjubiläum feiern. Wenn ja, dann bin ich dabei. Wenn auch nur en passant auf dem Weg zu Käse-Tommi.


 

21 Februar 2026

Und wieder einmal nahe null

Jahre nachdem mein erster Versuch, mir testweise einen alkoholfreien Wein einzuflößen, wegen unmittelbar einsetzenden Speizwangs desaströs gescheitert war, wagte ich es unlängst erneut. Anlass war das gut gemeinte Geschenk eines fachkundigen Freundes, der mir hoffnungsfroh einen Pugibet Mademoiselle Sophie Rosé mit null Umdrehungen überreicht hatte (erstes Foto).

Nach meinem schmallippigen Dankeschön stellte ich die Flasche erst einmal beiseite. Elf Monate lang, um genau zu sein. Irgendwann wurde das Gefühl, meinem Freund ein Feedback schuldig zu sein, allerdings recht bedrängend. Also entkorkte ich den Pugibet. Und schmecke da: So schlecht wie bang erwartet war das rosa Schaumgetränk gar nicht. Sein halbtrockener Charakter übertünchte halbwegs die üblichen bittersauren Fehltöne, mit denen jeder anständige Wein sich zu Recht gegen den gewaltsamen Entzug seines zuvor in mühsamer Gärarbeit erworbenen C₂H₅OH wehrt.

Gab es auf diesem Gebiet etwa wirklich inzwischen etwas Trinkbares? Ich fühlte mich neu ermuntert, das herauszufinden, zumal meine Erfahrungen mit alkoholfreiem Bier zuletzt zunehmend erfreulicher geworden waren (Jever Fun, Perlenbacher). Vielleicht hatte sich ja auch auf Traubenbasis was getan; die Chemie ist ja eine Wunderwissenschaft. Diesmal orderte ich bei einem einschlägigen Händler ein Probierpaket mit drei Weinen, die siegreich aus einer Verkostung hervorgegangen waren. Expertise: Sie ist ja so wichtig.

Doch ach, es war wieder zum Weinen. Zwei der drei Sorten musste ich bereits nach dem ersten Schluck dem Ausguss übergeben (sic!), nur dem Pinot Bianco von Nett aus Duttweiler (zweites Foto) vermochte ich mit Ach und Krach und über mehrere Tage den Garaus zu machen. Ob es sich beim Wort „Reverse“ auf dessen Etikett um ein Wortspiel oder einen Tippfehler handelt, interessiert mich angesichts dieser Erfahrung nicht mehr die Bohne. Das dürfen Sie die KI gern selbst fragen.

Mein auf einem weiterhin sehr schmalen empirischen Fundament ruhendes Fazit lautet: Je trockener ein Wein ausgebaut ist, desto fataler wirkt sich die Ethanolabsenz auf seine Genießbarkeit aus. 

Sollten auch Sie sich also einmal in diese seltsame und (un)gefährliche Welt der alkoholfreien Weine begeben wollen, so achten Sie in Bacchus Namen wenigstens auf ordentlich Oechsle.





06 Januar 2026

Nichts Neues unter der Wintersonne

Der Winter hat Deutschland voll im Griff, auch den Kiez. Alles ruht, einsam wacht manch eine Schneekugel. Der abgebildete kapitale Trumm tut das in der Seilerstraße. Und wenn Sie genau hinschauen, werden Sie in Oberschenkelhöhe etwas sehen, was typisch ist für St. Pauli, doch selten so sichtbar: einen angedeuteten gelben Fleck.

Hier hat offenbar ein Vertreter der Klasse Mammalia sein Revier markiert. Und weil das in einer Höhe geschah, die für die Art Canis lupus familiaris eher untypisch ist, tippe ich auf ein zweibeiniges Säugetier. 

Warum auch sollte man ausgerechnet in diesem Jahr damit anfangen, die überall auf dem Kiez platzierten öffentlichen Toiletten zu benutzen?

Alles beim Alten also hier auf St. Pauli.