01 Juli 2014

Der würdelose Pinkelgreis

Telefonzellen gibt es ja kaum noch, und die letzten haben es auch nicht immer leicht. Am Wochenende wurde die vor der Postfiliale von gleich vier Toilettenhäuschen bedrängt. 

Der ältere Herr, der von dort – also der Telefonzelle – eine ganze Weile lang irgendwohin telefonierte, ertrug die Umgebung dennoch mit jener Gelassenheit, die Menschen eigen ist, die IMMER NOCH kein Smartphone besitzen. 

Am Tag vorher übrigens – da stand die Phalanx der Dixiklos dort noch nicht stramm – hatte ich einen anderen Mann dabei ertappt, wie er an unserer Hauswand sein Wasser abschlug. 

Sein Resthaar war so weiß wie sein Schnauzer, was durch seine Solariumsbräune besonders betont wurde. Eine halblange Shorts hielt seinen Wohlstandsbauch nur unzureichend im Zaum, und die hellen Kniestrümpfe, die in Sandalen ausliefen, waren sorgsam auf sein zeltartiges rotes Polohemd abgestimmt. 

Ich stellte ihn zur Rede, was ihm offenkundig nicht zupass kam. Jedenfalls erstarb sein Strahl sofort, hastig steckte er sein tropfendes Gerät zurück in die Bux – und suchte sich mit der Ausrede zu rechtfertigen, es einfach nicht mehr ausgehalten zu haben. 

Schneidend verwies ich den Mann auf die nicht nur gefühlt 184 mit sanitären Einrichtungen wohlausgestatteten Bars, Restaurants, Kneipen und Spielsalons in unmittelbarster Umgebung, darunter die Eisdiele Lieblings, von deren Außenbereich man ihn behaglich stracciatellaschleckend beim Urinieren hätte zusehen können, wenn auch nur von hinten. 

„Aber ich hab’s an der Prostata!“, jammerte der würdelose Greis, doch ich war nicht in der Stimmung, ihn mit vorgeschützten fadenscheinigen Diagnosen davonkommen zu lassen. „Pinkeln Sie NICHT an unser Haus!“, schnarrte ich schroff, und er trollte sich murrend. 

Heute morgen, als ich die Postfiliale aufsuchte, sah ich ihn erneut. Ich an seiner Stelle hätte zwar den Ort der Schmach hinfort gemieden, aber jeder Mensch ist halt anders. 

Er fuhr in einem silbergrauen Mercedes vor, obwohl – ohne dass ich genau sagen kann warum – mir ein Moped logischer vorgekommen wäre. 

Kommentare:

  1. Anonym20:52

    "In einem MERCEDES???"
    Ich bin jetzt genauso schockiert wie die Dame in der damaligen Werbung.
    Ich hätte eher vermutet, der Greis kommt mit einem Fahrrad heran gerollt. Sorry, weiß auch nicht, warum.
    Danke, dass ich ab jetzt kein Stracciatellaeis mehr essen kann, ohne an den Pinkelgreis - genialer Ausdruck! - zu denken.

    MfG Textkanone (bzw. Sie wissen schon)

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    1. Ja, leider ist dieses Blog schon für einige Traumata verantwortlich, vor allem aber – wenn Sie das tröstet – bei mir.

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  2. Raoul05:17

    "Telefonzellen gibt es ja kaum noch, und die letzten haben es auch nicht immer leicht. Am Wochenende wurde die vor der Postfiliale von gleich vier Toilettenhäuschen bedrängt."

    Und ich dachte immer, Telefonzelle und Toilettenhäuschen wären mittlerweile eine Symbiose eingegangen. Auch wenn die Bezeichnung "Telefonzelle" bestehen bleibt.

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    1. Da sehen Sie mal wieder, dass man auch die plausibleste Theorie immer aufs Neue mit der Wirklichkeit abgleichen muss.

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  3. Olaf aus HH16:50

    Hallo Herr Matt,
    danke dafür - ich wußte, Sie würden etwas dazu schreiben.
    Heute nachmittag (06.07.2014) hatte ich auch an das Bezirksamt HH-Mitte (Genehmigungsbehörde) eine entspannte freundliche e-mail geschickt, die zu lang ist, um sie hier zu zitieren.
    Ich schicke Sie Ihnen per e-mail direkt. Wenn Sie wollen, zitieren Sie gerne daraus.

    Beste Grüße
    Olaf

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  4. Anonym13:31

    Seien Sie doch nicht so körperfeindlich!

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