31 März 2016

Rewe hat keine Eier!

Neulich, in dieser kleinen Pension in Schwerin, lag die „Bild am Sonntag“ neben dem Tresen. Dafür würde ich selbstverständlich niemals Geld ausgeben, aber wenn sie schon  rumliegt, kann man sie ja auch mal aufschlagen. 

Am interessantesten war eine doppelseitige Anzeige von Rewe, in der die Kette sich unter der Überschrift „Mit jedem Einkauf Gutes tun“ auf die Schulter klopft – für einen Grundpreis von 176.500 Euro. So viel kostet nämlich eine vierfarbige Doppelseite in der BamS. 

Besonders fesselte mich das vorgestellte „einzigartige Pilotprojekt“ namens „Spitz & Bube“. Dabei handelt es sich um eine Eiervariante, bei deren Produktion den Legehennen nicht die Schnäbel abgeschnitten und – noch lobenswerter – keine männlichen Küken geschreddert, sondern aufgezogen werden. Ihr Leben ist hinfort geprägt von Müßiggang und Rumpicken. So etwas könnte ich mir auch für mich vorstellen.

Ich muss vorwegschicken: Ich sehe mich als Flexitarier. Zu Hause esse ich kein Fleisch, aber wenn ich irgendwo ein Rinderfilet vorgesetzt bekomme, dann zicke ich nicht rum. Das Rind wurde aufgezogen, um gegessen zu werden. Es gibt sein Leben, um ein anderes zu erhalten; das ist nicht völlig ohne Sinn. 

Ganz anders bei der Massenherstellung von Eiern. Die nutzlosen männlichen Küken wandern dabei samt und sonders in den Häcksler oder die Gaskammer. Sie werden wie Abfall behandelt, und das sollte nicht sein.

Deshalb suchen wir seit einiger Zeit nach Alternativen – und dann kommt unverhofft der zweitgrößte Einzelhändler der Republik mit Eiern um die Ecke, die nicht mit toten Küken bezahlt werden müssen, sondern nur mit ein, zwei Euro mehr pro Packung. Das ist super, sagten wir uns einhellig, da melden wir doch gleich mal Nachfrage an, um so peu à peu die Republik in puncto Eiern umzukrempeln.

Also tat ich in Schwerin etwas, was ich sonst nie selten tue: Ich entnahm der BamS die 176.500 Euro teure Doppelseitenanzeige, faltete sie, schmuggelte sie mit nach Hamburg, ging in den nächstbesten Rewe am Großneumarkt und verlangte nach „Spitz & Bube“-Eiern.

Man hatte noch nie davon gehört.

Ich zeigte die Anzeige vor, man ging damit zum Chef. Der hatte noch nie davon gehört. Allerdings sei man nur ein kleiner Markt, das Gesamtsortiment gäbe es nur in den großen.

Nächster Versuch im Portugiesenviertel, auch kein großer Markt, aber einer, der auf dem Weg lag. Der Ablauf unseres Besuchs ähnelte auf verblüffende Weise dem ersten: Die Anzeige erzeugte Stirnrunzeln, Verblüffung, Ratlosigkeit.

Wollte Rewe uns veräppeln? Aber sind 176.500 Euro dafür nicht ein paar Tacken zu viel …?

In Altona gibt es zum Glück einen wirklich riesigen Rewe-Markt. Er liegt an der Max-Brauer-Allee und bildet fast ein eigenes Stadtviertel. Dort – ich war mir ganz ein bisschen sicher – würde ich endlich meine schredderfreien Eier erwerben können. 

Zunächst schnürte ich eine Weile erfolglos um die außergewöhnlich beeindruckende Eierauslage herum. Bestimmt hatte ich die „Spitz & Bube“-Sorte nur übersehen; das kann passieren bei einem exorbitanten Sortiment wie diesem. Jedenfalls war es erneut erforderlich, eine Rewe-Kraft mit meinem lodernden Bedürfnis, das eine bundesweite Anzeige unlöschbar geweckt hatte, zu behelligen.
 
Ich sprach eine Verkäuferin an, natürlich bewaffnet mit meinem besten Argument, der BamS-Anzeige, die so teuer war wie eine 130-Quadratmeter-Wohnung mit Fußbodenheizung und Schwimmbad in Schwerin. 

Die Verkäuferin hatte noch nie davon gehört. Aber möglicherweise, sagte sie, könne man eine „Spitz & Bube“-Packung für mich bestellen. 

Darauf also lief alles hinaus: Rewe gibt eine knappe Sechstelmillion Euro dafür aus, dass ein Kunde, nachdem er sich in drei Läden die Hacken wundgelaufen hat, eine Packung Eier bestellen kann. Mit ungewissem Lieferzeitpunkt.

Bisher dachte ich immer, man macht Werbung für etwas, das man auch hat. Sinn und Zweck einer solchen Investition – so meine naive Vorstellung – ist doch die Refinanzierung. Am Ende soll der durch die Anzeige generierte Gewinn höher sein als ihre Kosten. Aber vielleicht habe ich in diesem Punkt den Kapitalismus auch einfach falsch verstanden.

Ich schlich mich jedenfalls frustriert zu unserem Stamm-Edeka-Laden. Ob sie vielleicht ebenfalls Eier anböten, die ohne den Massenmord an fiepsenden Küken produziert worden wären? Immerhin habe Rewe so etwas neuerdings im Angebot, wie aus dieser Anzeige (ich zeigte sie vorwurfsvoll vor) unzweifelhaft hervorginge.

Bedauerlicherweise nicht, doch man versprach mit leichter Panik im Blick (verdammt, Rewe ist schon so weit, und dabei sind die nur die zweitgrößten hinter uns …!), sich zu erkundigen. Morgen könne ich wieder nachfragen.

Und verdammt: Das tue ich auch. Diese Spitzbuben kommen mir nicht davon.


Kommentare:

  1. Hallo Herr Wagner,

    unsere Spitz & Bube-Eier sind vorerst leider nur in Nordrhein-Westfalen und im Norden von Rheinland-Pfalz erhältlich. Es tut uns leid, dass Sie deshalb Unannehmlichkeiten in den REWE-Märkten Ihrer Region hatten. Unser Pilotprojekt ist absolut neu – die Eier sind erst ab kommenden Montag, 4. April in den Märkten der benannten Bundesländer erhältlich. Das kann auch ein Grund sein, warum unsere Kollegen in Hamburg von dem Projekt noch nichts gehört haben.

    Weil wir der Meinung sind, dass wir mit diesem Projekt viel bewegen und ein großes Zeichen für mehr Tierwohl setzen können, haben wir es in die Anzeige mit aufgenommen. Mit einem in der Handelsbranche einzigartigen Pilotprojekt setzen wir neue Standards in der konventionellen Legehennenhaltung. Bei den Eiern von „Spitz & Bube“ wird sowohl auf das Schnabelkürzen bei den Hennen als auch auf das Töten der männlichen Küken verzichtet. Möglich macht dies die Rasse „Sandy“, auf die der Erzeuger für das Projekt umgestellt hat. Eine positive Eigenschaft der Rasse ist, dass sie gute Voraussetzungen für die Haltung mit ungekürztem Schnabel mitbringt. So verzichtete die Brüterei auf das schmerzhafte Schnabelkürzen. Parallel wurden die männlichen Tiere in einem Maststall aufgezogen und gemästet. Das heißt, dass bei diesem Pilotprojekt die männlichen Küken in der Brüterei am Leben gelassen wurden. Gerade der Verzicht auf das Töten der unerwünschten Küken stellt bei der konventionellen Eiererzeugung eine Neuheit dar, die es vorher so noch nie gab.

    Das Stutzen der Schnabelspitze ist eine Prozedur, die zurzeit noch bei fast allen Legehennen-Küken in konventioneller Boden- und Freilandhaltung durchgeführt wird. Es soll die gegenseitige Verletzungsgefahr einschränken, löst das Problem des Federpickens und Kannibalismus jedoch nicht. Bei den Legehennen für Spitz & Bube werden Strohballen und bedarfsgerechtes, gentechnikfreies Futter eingesetzt, um die Sandy-Legehennen im konventionellen Freilandstall zu beschäftigen. Die Hochschule Osnabrück begleitet das Projekt mit Tausenden Tieren wissenschaftlich.

    Sollten zu diesem Projekt oder anderen Nachhaltigkeits-Themen noch weitere Fragen offen sein, können Sie sich gerne an uns wenden: nachhaltigkeit@rewe-group.com

    Beste Grüße
    Ihre REWE Group

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  2. Dann sollten Sie alsbald damit auch nach Hamburg kommen – und ihre Filialleiter dazu verdonnern, bundesweite Rewe-Anzeigen wenigstens zur Kenntnis zu nehmen … ;)

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  3. Ist das der Edeka am Großneumarkt? Dann hätte er noch einen Käufer für diese Eier...

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    1. Nein, der in der Paul-Roosen-Straße. Die wollen in drei Jahren so weit sein, beschied man mir heute. Phh.

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  4. Also, erlauben Sie mir die Anmerkung, warum den Großen nachlaufen, wenn sie in der Breite sowieso nicht liefern können. Eier aus biologischer Landwirtschaft erfüllen die Kriterien schon lange.

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    1. Das stimmt leider nicht. Die schreddern die Küken ebenfalls.

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  5. Mein kleiner, unbedeutender Rewe-Markt im kleinen, unbedeutenden Lüchow (Wendland) führt Hähnlein-Eier, da überleben die männlichen Küken auch. Aber schon die zweite Filiale am Ort (neuer, größer, "grün" gebaut) führt nur die üblichen Marken ...

    Beste Grüße
    Maike Paul

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  6. Jaja, REWE schreibt sich Nachhaltigkeit und son Kram auf die Fahnen.
    Ich habe ein Jahr lang einen Selbstversuch gestartet um dort zur Vernichtung "freigegebene" Lebensmittel zu retten...und das ist alles mehr als erschreckend:

    http://48sv.twoday.net

    Wenn sich dieser Zustand nicht bessert sehe ich auch fuer die Innovation gegen Kuekenschreddern schwarz.

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  7. Olaf aus HH22:54

    Herr Matt - schön, daß Sie darüber schreiben, sehr vielen Dank dafür. Ich habe mir jahrelang die Hacken für alles mögliche Gute/ Nötige/ Sinnvolle abgelaufen (damals war das Flugblätter verteilen, Unterschriften sammeln und Demonstrieren) und mag langsam nicht mehr - ehrlich gesagt. Ich bin jetzt sechzig Jahre alt und schäme mich dafür, was wir der Folgegeneration überlassen. Sie sind noch jung, aber wir haben uns in den 70ern/ 80ern mit der Polizei wegen AKWs geprügelt. In Brokdorf, Grohnde, Kalkar, Malville (F). Und anderes (Chemieindustrie- und sonstwas -Standorte) es hat nicht gereicht. Sorry dafür. Ob es um Tierhaltung, Verkehrsmittel, Umwelt-, Natur-, Menschen- und sonstigen Lebensinteressenschutz geht: Ihre Generation wird das durchstehen müssen. Machen wir/ Ihr/ Sie alle weiter. Es wird nicht aufhören. In ca. 20 Jahren werde ich dahin = tot sein und Ihr alle noch am Leben sein und Ihre/ Eure Kinder auch.Tut etwas...
    Olaf Möller aus Pauli/ Altona

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    1. Zweierlei: 1. Wir sind eine Generation. Ich gehe auch rasant auf die 60 zu. 2. Wenn man sieht, was die 70er- und 80er-Generation für Spuren in der Gesetzgebung (Lebensmittelrecht, Atomausstieg, Umweltbestimmungen) erreicht hat, ist das beeindruckend viel. Wir leben zurzeit in einer ganz erheblich saubereren Umgebung als damals – und das wäre anders, wenn niemand auf die Straße (und in die Wahllokale) gegangen wäre.

      Somit: chapeau!

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    2. Olaf aus HH02:16

      Herr Matt- o.k., wir haben damals alles versucht und uns auch "strafbar" gemacht. Aber es könnte mehr sein/ es hätte mehr werden können, sollen, werden.
      Und ich dachte, Sie wären jünger ;-)
      Alles Gute an Sie und die Ihren.

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  8. Moin Matthias,
    ein sehr schöner Artikel, ich bin darauf gestoßen, da ich gerade einen Rewe Werbeprospekt für Norddeutschland in der Hand halte, wo für diese Eier geworben wird.
    Google hat mich dann zu deinem Blog gebracht.

    Schade, dass es die Eier hier noch nicht zu kaufen gibt, aber ich hätte eine tolle Alternative für Dich!
    Gehe mal zum Edeka in der Rindermarkthalle, dort gibt es Eier vom Bauckhof, die die Initiative "Bruderhahn" unterstützen. Ein paar Regale weiter kannst Du auch die "Brüderhähne" kaufen, allerdings nur Gekühlt. Aber immerhin hatten sie länger als ein paar Minuten auf dieser schönen Erde.

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    1. Hallo Mads, dieser Tipp ist Gold wert, vielen Dank!

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  9. Anonym10:18

    Dass du diesem Thema in deinem reichweitenstarken Blog Raum schenkst und "vor deiner Haustür" so beharrlich dranbleibst: Gefällt mir. Sehr.

    Herzliche Grüße aus Südhessen in die alte Heimat,
    Sandra

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    1. Danke! Inzwischen ist Rewe raus aus dem Rennen – Edeka hat gewonnen, mit Bauckhof-Eiern.

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  10. Auf die Bauckhof Eier wollte ich gerade verweisen... die haben mit der Bruderhahn-Initiative angefangen. Mal ganz abgesehen davon schmecken die Eier auch einfach richtig gut. Ich gönne mir ab und den Luxus bei meinen Heimfahrten nach Hamburg, direkt bei denen vorbei zu fahren.

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  11. Anonym08:41

    Dein Text ist super, richtig gut geschrieben auch!!!
    Gestern habe ich meine Packung Spitz&Bube Eier gekauft, in Düsseldorf, und ich bin echt happy. Eine Freundin hatte mir davon erzählt bzw. mich auf die Zustände aufmerksam gemacht. Hatte es einfach lange Zeit verdrängt, wie mit den Hühnern und en männlichen Küken umgegangen wird...

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  12. Wäre schön wenn derartiges auch in Freiburg angeboten würde

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    1. Gehen Sie doch einfach mit diesem Text zu Ihrem örtlichen Edeka-Center und machen Sie Druck. Nur Nachfrage schafft Angebot.

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