Wir sitzen in der Kiezbar 3 Freunde in der Clemens-Schulz-Straße (s. unpassendes Beispielfoto), als ein Hinz-&-Kunzt-Verkäufer hereinkommt und seine Zeitschrift anbietet. Ich möchte ihm eine abkaufen und krame nach Kleingeld.
„Darf ich Sie um eine kleine Spende bitten?“, fragt der Mann. Er ist ungefähr in meinem Alter und wirkt nicht sonderlich abgerissen. Nur seine dentale Situation war sicher schon mal besser.
Ich nicke, komme auf ungefähr zweiachtzig, reiche sie ihm und harre der Ausgabe Hinz & Kunzt. Allerdings hat der Verkäufer, wie er nur moderat verdruckst verdeutlicht, das mit der Spende etwas anders gemeint.
Er möchte die Zeitschrift nämlich am liebsten gar nicht herausrücken („Die kann ich woanders noch gut gebrauchen“), sondern für die Spende lieber eine immaterielle Gegenleistung erbringen.
„Kann ich Ihnen stattdessen etwas vortragen?“, fragt er, „ein Lied vielleicht oder ein Gedicht?“ Das Angebot überzeugt mich sofort. Angesichts des mittelmäßigen HipHops, den die ansonsten verehrungswürdige Barkeeperin heute aufgelegt hat, scheint mir ein Lied allerdings zu große Dissonanzgefahren zu bergen, weshalb ich mich für ein Gedicht entscheide.
Und nicht nur deswegen. Sondern auch wegen meiner frühen Vergangenheit als gescheiterter Lyriker („Auf Wiedersehen, Haferhalm“, Hugendubel, 1984, ein Sammelband mit praktisch ausschließlich schlechten Gedichten, was das Büchlein im nostalgisch verbrämten Rückblick zumindest sehr homogen erscheinen lässt. Immerhin war es im Offsetverfahren auf Sympathikus-Werkdruckpapier gedruckt, holzfrei weiß mit zweifachem Volumen.).
„Ein fremdes oder ein selbstverfasstes?“, fragt der Hinz-&-Kunzt-Verkäufer, der die Hinz & Kunzt eigentlich gar nicht verkaufen will. Natürlich das selbstverfasste.
Augenblicklich beginnt er mit routiniert fester Stimme ein Poem über das Wesen des Künstlertums zu deklamieren, dessen vollendetes Versmaß mir Ver- und Bewunderung abringt.
Nach einem herzlichen Lob geht er zufrieden hinaus in die Kieznacht, in die nächste Bar, zum nächsten Mildgestimmten, der eine Spende rausrückt und ihm die Zeitung dennoch lässt.
So was erlebt man nur auf St. Pauli. Und auch wenn die Sozialromantiker unter Ihnen jetzt wieder mal aufgeregt und rotwangig mit den Flügeln flattern: So richtig intensiv gelesen habe ich die Hinz & Kunzt eh noch nie.
Also, das erlebt man wohl wirklich nur auf St. Pauli. Ein Gedicht hat uns hier noch niemand vorgetragen. Obwohl - unsere Heftverkäuferin (hier der "Straßenkreuzer") schreibt selbst Gedichte, die im Heft abgedruckt sind. Hier wie da schlummern offensichtlich richtige Talente.
AntwortenLöschenDas mit dem Heft-nicht-lesen ist sicher kein Einzelfall. So gut wie die Hefte bei näherer Betrachtung tatsächlich gemacht sind, eigentlich sind sie doch Mittel zum Zweck - nämlich eine Aufgabe mit Einkommen für die Verkäufer. Ich glaube auch, dass jeder Beteiligte das weiss. Umso besser und kein Grund, sich dafür rechtfertigen zu müssen.
Einen Rechtfertigungsdruck spüre ich auch gar nicht … ;)
AntwortenLöschenDie Hauptstadt ist ja Hochburg aller Schnorrer, Zeitungsverkäufer und unerwünschten Musikanten in öffentlichen Verkehrsmitteln. Auf meinem täglichen Heimweg liegt die Begegnungsquote Nihilistin <-> Schnorrer bei 2 bis 6 (auf 30min Fahrzeit). Hier muß man sorgfältig auswählen, wem man gibt, sonst droht ein Nervenzusammenbruch (schließlich will ich ja auch noch Lesen und nicht permanent Kleingeld zusammenkratzen. Außerdem stinken viele Leute,und die Musik ist oft Scheiße)
AntwortenLöschenWem ich aber immer gebe, ist der junge Kerl, der sich durch die UBahn-Wagen rappt. Und zwar auf sehr persönliche Art: Er startet, in dem er über 2-3 ausgewählte Fahrgäste was Nettes rappt, und erzählt dann kurz seinen Tag oder sein Leben. Solche Talente (wie das Ihrige auch) muß man fördern, das unterschreibe ich sofort.
Im Saal II gab es vor einigen Jahren mal eine ähnliche Begegnung mit einem poetischen Bettler. Nur dass er uns statt eines eigenen Gedichts den Anfangstext vom Raumschiff Enterprise vorzutragen vermochte: "Der Weltraum, unendliche Weiten ...".
AntwortenLöschenAm schlimmsten ist aber übrigens dieser riesengroße, schlaksige Bettler mit Zottelbart und schwarzen Haaren. Man kann ihn sowohl in der Schanze als auch in der Innenstadt und auf dem Kiez antreffen. Er sagt nie ein Wort, sondern stellt sich nur mit seinem Spendensammel-Kaffeebecher neben einem auf und guckt einen bedrohlich scharf an. Dann doch lieber ein nettes Gedicht.
Ich stimme Ihnen diesmal(!) zu, dieser Herr hatte nämlich den großen Vorteil, ein ihm bereits bekanntes Werk zu rezitieren, so daß er sich auf Rhythmus und Duktus konzentrieren konnte. Anders als der Herr damals in der Hasenschaukel, aber das diskutierten wir ja bereits ausführlich.
AntwortenLöschenIch schlage übrigens vor, daß wir den Laden übernehmen, wenn die verehrungswürdige Bardame“ (tm) zu ihrem neuen Leben ans andere Ende der Welt aufgebrochen ist.
Dann sollen uns mal weibliche Blogger als verehrungswürdige Barkeeper bezeichnen. Wollt ich immer schon einmal genannt werden.
Spitzenidee. Aber was mache ich, während Sie hinterm Tresen die Shaker schütteln – Ihren Ascher ausleeren?
AntwortenLöschenSeine Chromaxt polieren... ;-)
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Lieber Matt, Sie hätten derweil (!) ganz andere Aufgaben zu bewältigen: Sie läsen dem Publikum, welches hierfür einen ganz und gar freiwilligen und, wenn schon nicht kärglichen, doch schon überschaubaren Obolus zu entrichten hat, ohne dabei entrechtet zu sein, aus dem grandiosen Spätwerk Auf Wiedersehen, Haferhalm – THE RETURN!“, welches zu schreiben Ihre erste, vornehmste Aufgabe würde, die eine oder andere, niemals jedoch beide Passagen vor.
AntwortenLöschenDas ist der bescheidenste Vorschlag, der mir je unterbreitet wurde. Könnte ich stattdessen vielleicht die Toiletten putzen? Bitte!
AntwortenLöschenSie leben doch nun lang genug auf dem Kiez, um zu wissen, daß Toiletten dort NIEMALS geputzt werden.
AntwortenLöschenMatt, als hätten Sie, seitdem ich Praktikantin bei Ihnen bin, nur ein einziges Mal die Toiletten selbst geputzt!?
AntwortenLöschenTja, wer sich jetzt noch fragt, wer denn in der Bar die Toiletten putzen müsste, ist entweder naiv oder glaubt noch an den heiligen Toilettenmann, den Schutzpatron aller ungeputzten Klosetts weltweit!
Apropos Praktikum: Ich habe Sie bereits seit ungefähr zwei Jahren nicht mehr in Ihrer gemütlichen Laubkuhle im Bloggarten angetroffen. Ich weiß nicht, ob ich das noch länger tolerieren kann.
AntwortenLöschenGP, stimmt, man pieselt ja immer die Reste des Vorgängers mit seinem eigenen … Oh, ein Eichhörnchen!
ZWEI JAHRE!? Wie zur Hölle konnten Sie so lange ohne mich auskommen? Und warum fällt Ihnen das jetzt erst auf???
AntwortenLöschenMoooment mal, ja? Ich habe dort jeden Tag vorbeigeschaut, um mich zu wundern. Manchmal habe ich sogar nächtelang am Kuhlenrand GEWACHT! So.
AntwortenLöschenVielleicht hätten Sie einfach mal anklopfen sollen? So etwa: KLOPF, KLOPF!
AntwortenLöschenWo denn? Es gibt ja nicht mal eine Tür!
AntwortenLöschenMan kann auch an Laub klopfen - sofern man es richtig richtig will!
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