13 Oktober 2016

Bob Dylan und ich haben den Nobelpreis



Heute hat Bob Dylan den Literaturnobelpreis bekommen. Grund genug, hier und jetzt mal wieder meinen Rang als wahrscheinlich weltweit fanatischster Dylan-Coversongsammler überzubetonen.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich damit begann, systematisch Coverversionen von Bob-Dylan-Songs zu sammeln. Ich weiß nur, dass es keineswegs an Vorbehalten gegen Dylans Stimme oder Gesangsstil lag, was viele Leute ja ins Feld führen, wenn sie begründen wollen, weshalb dieses oder jenes Cover angeblich „besser“ sei als das Original.

Nein, Dylan ist ein einmaliger Interpret seiner selbst und seine Stimme ein Wunder der Natur, von Anfang an. Mittlerweile erinnert sie zwar eher an die verkohlten Ruinen einer metallverarbeitenden Fabrik, aber auch das hat seine Reize. Jedenfalls lag es nicht im Mindesten an einer Aversion gegen Dylan selbst, dass ich Covers zu sammeln begann, sondern an der puren Brillanz seiner Songs.

Stücke wie „Desolation Row“, „Wedding song“, „The ballad of Frankie Lee and Judas Priest“ oder „Don’t think twice“ sind so wunderbar komponiert, ihre Melodieführung so hinreißend, dass mir das Immerwiederhören der Originale irgendwann einfach nicht mehr reichte. Nein, meine Gier nach Varianten wurde im Lauf der Jahre immer größer – zumal man als Musikfan im Lauf seiner Sozialisation sowieso immer wieder mit verblüffenden Neu-, Um- und Ausdeutungen von Dylans Songs konfrontiert wird. Van Morrisons dramatisch zwischen Verlustangst und Angstlust schwankendes „It’s all over now, baby blue“ wird jeder Mensch mit Geschmack irgendwann kennen- und liebenlernen, ob er nun 1940 geboren ist oder 2001.

Ich jedenfalls begann vor einigen Jahren systematisch damit, alle – alle! – Bearbeitungen von Dylan-Kompositionen zu sammeln. Zunächst schlachtete ich die eigene LP- und CD-Sammlung aus, parallel dazu recherchierte ich Veröffentlichungen und schaufelte mir unzählige Coverblogs in den RSS-Reader (ich LIEBE das Internet!), um keine Interpretation zu verpassen, sei sie alt, abgelegen, scheußlich oder neu. Ich kaufte, kopierte, lud runter – kurz: Ich warf ein riesiges Dylan-Coversongsschleppnetz aus, und zwar mit recht passablem Erfolg.

Es gibt übrigens Fanatiker, die katalogisieren jedes einzelne gecoverte Stück, was eine unschätzbar wertvolle Quelle ist, aber auch ein steter Quell der Qual. Denn natürlich sind die bereits deutlich über 30.000 verzeichneten Studioeinspielungen von Dylan-Songs niemals alle zu beschaffen, und das frustriert schon ein bisschen. Andererseits gibt diese Tatsache mir auch die beruhigende Gewissheit, dass die Suche immer weitergehen kann und wird.

Denn das wäre ja das Schlimmste für einen Jäger und Sammler: dereinst den letzten, allerletzten Schatz gehoben zu haben.

Mein entsprechender iTunes-Ordner verzeichnet momentan jedenfalls nur rund sieben Prozent aller bekannten Covers, das sind exakt 2171 Stück mit einer Laufzeit von gut sechs Tagen – oder, digital gesprochen, 17,26 Gigabyte.

Darunter befinden sich epische Progrockversionen („All along the watchtower“, Affinity), ranschmeißerische Anschmachter („He was a friend of mine“, Cat Power), wildestes Cowpunkgeprügel („Blowin‘ in the wind“, Me First & The Gimme Gimmes), japanischer Kleinmädchenkitschpop („Mr. Tambourine man“, Kumisolo), superglitschige Schnulzepen („Wigwam“ von Drafi! Deutscher!!), virtuose Mash-ups („All along the love lockdown (Bob Dylan vs. Kanye West), ToTom) oder unfassbar grottige Poprockfassungen einer galizischen Amateurcombo namens 7 Ivvas.

Es gibt buchstäblich kein Genre, das es nicht gibt im Kosmos der Dylan-Covers, und jede einzelne Adaption beweist nur eins: wie inspirativ und befeuernd die jeweilige Originalkomposition ist. Kurz: Dylan hätte nicht nur den Literaturnobelpreis verdient, sondern auch den Musiknobelpreis. Den ich hiermit anrege.

All die oben genannten Künstler und Künstlerchen und auch all seine Fans verleihen diesem Songdichter letztlich seine Bedeutung – und deshalb hat nicht nur Bob Dylan heute den Nobelpreis bekommen, sondern sie alle. Wir alle. Auch ich. Aber nicht die, die ihn für einen schlechten Sänger halten. Sie haben irgendetwas nicht richtig verstanden.

Unter diesem Link finden Sie alle zurzeit von mir verwalteten Coversongs. Die Liste ist, wie Sie sicherlich schon ahnten (oder befürchteten), außerordentlich vorläufig.

Aber so was von.


PS: Dieser Text ist die aktualisierte Fassung einer Vorschau auf eine von mir 2011 konzipierte Dylan-Sendung beim Internetradio Byte.fm.

PPS: Das Foto zeigt mich im Kreise Gleichgesinnter bei der Zelebration von Dylans 75. Geburtstag im Mai diesen Jahres.

Kommentare:

  1. Ich könnte Ihre Sammlung bei Bedarf um Juliane Werdings "Die Antwort weiß ganz allein der Wind" ergänzen.

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  2. So viele Watchtowers und ausgerechnet der von Paul Weller fehlt? Das mag ich gar nicht glauben.
    Mit den Coverversionen fing das bei mir an, Byrds, Baez und so etwas, Sie wissen schon, die "schöneren" Stimmen. Den Spruch "Nobody sings Dylan like Dylan" habe ich erst Jahre später kapiert.
    Coverversionen mag ich aber immer noch, wenn sie von Künstlern wie Thea Gilmore kommen jedenfalls, ich fand schon die Hollies damals höchst überflüssig.

    Viel Erfolg beim Ausbau der Sammlung. :)

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  3. Frl. Uschi, Zaphod: Wenn Sie so liebenswürdig wären und mir die fehlenden Songs rüberreichten, würde ich Sie beide mit einem virtuellen Handkuss belohnen – oder beliebiger Austauschware aus meiner Sammlung.

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  4. Anonym08:54

    Welcher der drei Herren sind Sie denn? Ich nehme mal an die goldene Mitte? Die Hemden Ihrer beiden Mitstreiter sind genauso kultig, wie ein Cover von Dylan. :-)

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    1. Verdammt, was hat mich verraten …?

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  5. Eine Leserin21:01

    Falls es auch Übersetzungen sein dürfen, ich nenne ein echtes Schätzchen mein Eigen:
    "DYLAN:DEUTSCH - Es ändern sich die Zeiten" von Ernst Schultz (der von "Ihre Kinder")
    20 Songs, einer schöner als der andere, vom Meister autorisiert.
    http://www.ernst-schultz.de/

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  6. da Soizbuaga10:24

    Moinsens Herr Matt

    Hab mich mittlerweile in unzähligen nebligen, eiskalten, regnerischen oder überhitzten Mittagspausen oder Abendstunden der letzten glaub ich zwei Jahre durch Ihren werthen Blog gelesen, was zunehmend leichter wurde durch abnehmende Zahl der Postings.

    Habs meist sehr genossen, Hamburch respektive St. Pauli kennenzulernen und zu verstehen und
    habe den Eindruck, einige der Kommentator*innen schon ewig zu kennen ...

    Der FC steht leider ziemlich unten in der Tabelle, drunter gehts ja kaum noch. Wohl etwas unter Wert.

    ... black is the color and nine is the number ... Mr. Bob hat sich leider zu einem arroganten Grantscherm gewandelt, großartig ist er aber immer noch ...
    Achja, Ihre Musik-Tipps der ersten Jahre vermisse ich auch etwas.

    So, nun hab ich den ersten Blog-Kommentar meines Lebens (60+) geschrieben und mit einigen Deppen-Bindestrichen versehen. Pulitzer-Preis-verdächtig ist er ja nicht gerade, werde aber an meiner Schreibe arbeiten und mailde mich gerne wieder.
    In diesem Sinne ein nettes Wochenend gewynscht.

    Gryße vom Soizbuaga

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    1. Verehrter Soizbuaga, das freut mich aber, dass ich Anlass für dieses späte und umso erfreulichere Debüt bin! Die geschickt in ein Lob verpackte Kritik an der abnehmenden Blogfrequenz versuche ich mir zu Herzen zu nehmen; zuletzt lief es ja auch wieder etwas besser …

      Danke für die langjährige Treue. Das motiviert mich. Ehrlich.

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  7. Olaf aus HH23:48

    Herr Matt -
    Sie haben im allerwesentlichen einfach recht. Er ist gut, gar wunderbar zu meinen Zeiten (60-/70er Jahre) eine Art "Advisor". Und ruft einfach nicht an in Stockholm beim Nobelpreiskommitee... Er weiß wohl, warum. Hoffentlich aus Trotz und Protest ob dieser Irrnis dieser Zeiten. Gefällt mir sehr. Den Preis hat er m. E. ohne Frage verdient. Wer Bob Dylan ehrt, muß mit so etwas rechnen. Das ist ja das ehrenwerte.

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  8. Olaf aus HH00:02

    Ups... Von Doc Watson (mein persönlicher Gott der Country-Gitarre) hatte ich eben noch nicht geschrieben, mein persönlicher Favorit.
    Hören Sie hier mein(en) Lieblingslied/ -song, bestens passend zu meinem Leben (vielleicht zu anderen Biographien auch ?): All along the road...

    https://www.youtube.com/watch?v=68VbE6ve-DE

    Ich habe von einem wunderbaren Freund vor Jahren eine ca. acht Stunden dauernde mp3-Datei/ -CD mit wohl all seinen Songs geschenkt bekommen. Abends einschlafen, am Morgen aufwachen mit Doc Watson. Besser geht es nicht wirklich. Listen to wisdom. ;-)
    Nein - ich bin kein Roboter.

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    1. Ja, Watson ist ein ganz Großer. Ich schätze vor allem auch seine Stimme, seinen Gesang. Und mein Lieblingssong von ihm ist die Mordballade „Omie Wise“. Herzzereißend. (Aber leider nicht auf YouTube.)

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    2. Olaf aus HH00:45

      Öhm... Also danke...
      Hier von YouTube (Jutuhp):

      Clarence Ashley:
      https://www.youtube.com/watch?v=mXD4plLrIgg
      https://www.youtube.com/watch?v=AETrgY0bzcA

      Roscoe Holcomb:
      https://www.youtube.com/watch?v=AETrgY0bzcA&list=RDmXD4p

      und ein gewisser Bob D., der sich in diesen Tsgen einfach nicht beim Nobelpreiskommitee melden will:
      https://www.youtube.com/watch?v=7qMjMJMAIs0

      Es gibt noch mehr Interpreten...
      Und hier noch "Knoxville Girl", ein tragischtrauriges Stück, ein Stück, das dem allem in nichts nachsteht (die Louvin Brothers):

      https://www.youtube.com/watch?v=KhMiKeSffns
      und ähnlich traurig:
      https://www.youtube.com/watch?v=qKJbscNE2rk

      All best to you !
      Und immer noch kein Roboter.



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    3. Olaf aus HH00:53

      Ich bin es noch einmal (nachtaktiv): Hier kommt der Text zu Omie Wise:
      https://www.cowboylyrics.com/lyrics/watson-doc/omie-wise-1525.html

      Ich werde ihn mit diesem Lied irgendwo in der Internetsecondsonstwasworld finden.
      Bis irgendwann. Good night for today (25.10.2016).
      Nein - kein Robot"t"er

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  9. Gleichfalls. Und danke für die schönen Entdeckungen, irgendwo da draußen!

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