17 Februar 2022

Mein unsterblicher Taschenrechner

Es muss Anfang der Achtzigerjahre gewesen sein, als ich den hier abgebildeten Sharp-Taschenrechner kaufte. Es handelt sich um das Modell EL-230. Im Lauf der Zeit tat der EL-230 mir hervorragende Dienste, half mir durchs Abi und im Alltag. 

Nach einigen Jahren – möglicherweise Anfang der Neunziger – begann ich mich zu wundern, dass dem arbeitsamen Gesellen nie der Strom ausging. Nein, der Taschenrechner kalkulierte, dividierte, zog Wurzeln, ohne je zu klagen oder aus Strommangel das Display abzuschalten.

Nichtsdestoalledem wanderte der EL-230 irgendwann in irgendeine Schublade in irgendeinem Büromöbel. Denn inzwischen war der Personalcomputer der neuste heiße Scheiß, und ich Hipster schaffte mir die erste Windows-Mühle an, einen Victor Vicki, und später einen Macintosh-Performa; Beginn einer langen und glücklichen Apple-Geschichte.

Mit diesen Vielfachkönnern waren natürlich auch einfache Berechnungen locker zu wuppen, und die große Zeit der Taschenrechner neigte sich ihrem Ende zu. Ich klackerte hinfort munter auf Tastaturen herum und vergaß die tapfere alte Sharp-Mähre. Bis gestern: Da räumte Ms. Columbo im Büro auf und aus, und was fiel ihr in die Hände? Der EL-230.

Was damit sei, fragte sie, ob er weg könne. Mit einem nostalgischen Lächeln nahm ich den Taschenrechner in die Hand. Flashbacks aus Abizeiten blitzten vor meinem inneren Auge auf. Dann drückte ich aus Jux und Dollerei einfach mal die On-Taste.

Es erschien eine Null. Der EL-230 meldete sich zurück zum Dienst. Er wartete auf eine Rechenaufgabe.

Ich war baffer als baff. Wie kann das sein bei einem Gerät aus den Achtzigern, bei dem nie, nie, nie die Batterien erneuert wurden? Solarzellen schieden als Erklärung aus, so was war damals noch Science-Fiction, und selbst wenn nicht, so hatte der EL-230 doch den Großteil seines geruhsamen Lebens im seligen Winter-, Sommer-, Herbst- und Frühlingsschlaf in sonnenfernen Schubladen verbracht. 

Hatte Sharp im EL-230 vielleicht einen Fusionsreaktor verbaut? Ist er atombetrieben? Oder handelt es sich dabei gar um das erste funktionierende Perpetuum Mobile der Wissenschaftsgeschichte?

Wie Sie sehen, hatte ich Fragen. Und das Internet natürlich Antworten. Rasch stieß ich auf den Brief eines Tschechen an Sharp, der begeistert schildert, wie er den EL-230 seit geschlagenen dreißig Jahren betreibt, ohne je die Batterie gewechselt zu haben. Pah, denke ich, nur dreißig? Meiner hat fast vierzig aufm Buckel! Laut Sharp beträgt die Lebensdauer der beiden verbauten 1,5-Volt-Batterien jedenfalls sagenhafte 10.000 Betriebsstunden, und da der clevere EL-230 sich automatisch abschaltet, wird auch kein Betriebsminütchen mit Nichtstun verschwendet.

Das erklärt natürlich alles: Mein EL-230 ist – trotz Abi und all der Fron in den Jahrzehnten danach – insgesamt halt noch keine 10.000 Stunden in Action gewesen. 

Und jetzt bauen wir eine solche Batterie einfach ins iPhone ein und schmeißen alle Ladekabel weg.




7 Kommentare:

  1. Die wurden damals mit Radionuklidbatterien bestückt, daher auch das Leuchten ihres Schulranzens bei Nacht!

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  2. Ich habe hier noch einen Casio Fx-81, muss ich so etwa Mitte der 80er Jahre gekauft haben. Hat auch noch keine Solarzellen, aber ist ein toller wissenschaftlicher Taschenrechner.
    Lange Rede, kurzer Sinn: Vor einigen Monaten reagierte er nicht mehr und ich musste tatsählich nach fast 40 Jahren die Batterien wecheln, die Original-Batterien von Casio. Auf der Rückseite entdeckte ich dann auch im Gehäuse den Stromverbrauch: 0,000000027 W.
    Aber kein Taschenrechner kann so schnell die Fakultät von 69 errechnen. (In der Schule haben wir "Wettrechnen" gemacht.)
    Those were the days. Ich habe ihn lieb. Der überlebt mich noch.

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  3. Meiner gibt 0,000000033 W als Verbrauch an – und ich habe ihn auch lieb.

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  4. Hallo liebe Leser

    ich hab das gleiche Modell von 1982,damals habe ich die Leitung einer Formkörperdruckerei übernommen und diesen Rechner auf einer Fachausstellung DRUPA oder so geschenkt bekommen.Zum Berechnen einer Abwickelung hat der gereicht.
    Über die Jahrzehnte ist mir das Ding immer wieder beim Aufräumen in die Hände gefallen und jedesmal drücke ich drauf und schaue erstaunt und stolz zu wie die 0 erscheint im Display.
    Hab auch schon daran gedacht ob die Energieversorgung extraterristischen Ursprungs ist.
    Ich hoffe wir lesen uns in 20 Jahre wieder zum ersten Öffnen und Nachschau ob die Batterie gewechselt werden muss.
    Gruss Sense

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    1. Nach der erschütternden Mitteilung von Kyr, der nach nur knapp 40 Jahren die Batterie wechseln musste, bin ich pessimistisch.

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  5. Anonym21:34

    Einmal im Jahr komme ich hier vorbei und lese dann einen Abend kichernd und schmunzelnd. Wie schön, dass es die "Rückseite der Reeperbahn" immer noch gibt. Möge Ihre Batterie noch lange halten!

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    1. Danke für die guten Wünsche! Schriebe ich mehr, könnte ich Sie dafür schelten, dass Sie nicht öfter vorbeischauen, aber so geht das natürlich nicht.

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