05 Februar 2017

Löschen oder nicht?

Wenn man viele Jahre lang regelmäßig bloggt, kommt es immer mal wieder vor, dass sich jemand gestört fühlt von dem, was da geschrieben steht. 

Auch bei mir wurden schon einige Leute vorstellig, die mich empört, verärgert oder verängstigt um Korrektur, Löschung oder unzulässige Hintergrundinformationen ersuchten. Diese Woche war es wieder mal so weit. Aber der Reihe nach. 

Erstmals hatte ich im Juni 2009 jemand wegen eines Blogeintrags auf der Matte stehen. Damals war ich zufällig Zeuge geworden, wie ein notgeiles Paar öffentlich rammelte, und zwar auf einem Autodach, das gegen diese ungewohnte Belastung mit einer Delle protestierte. 

Das Beweisfoto des Vorgangs hatte ich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes natürlich mit Augenbalken versehen. Der Wagenbesitzer hegte allerdings einen Verdacht, wer seinem Wagen aufs Dach gestiegen sein könnte, und erbat die Herausgabe des unverfälschten Fotos. War natürlich nicht drin, aber er war am Ende auch ohne meine Hilfe erfolgreich.
 
Der nächste Vorfall ereignete sich nur einen Monat später. Unter unserem Balkon fand ein Polizeieinsatz mit gezückten Waffen, Gebrüll, Geschrei und überhaupt hohem Erregungspotenzial statt. Matt, der Kiezdokumentarist, zückte furchtlos die Kamera, filmte mit und bloggte darüber.

Zwar waren alle Beteiligten dank der 90-Grad-Aufsicht nur von oben oder hinten zu sehen, doch einer derjenigen, die sich auf Anweisung der Polizei in den Dreck der Seilerstraße zu werfen hatten, befürchtete erkannt zu werden und mailte mich an. Vor allem sein Arbeitgeber, glaubte er, könnte irritiert auf diese Aufnahmen reagieren. Nun, seinem Antrag wurde ex cathedra stattgegeben. Eine Steigerung der Arbeitslosigkeit in Deutschland liegt nicht im Interesse dieses Blogs.

Ein weiterer Fall trat im Oktober 2010 in mein Leben und war entschieden kurioser. Ich hatte im Eingang einer Kiezkneipe einen netten Hund mit St.-Pauli-Halstuch abgelichtet – und plötzlich sein Frauchen am Hals, welches ultimativ die Löschung dieses Fotos verlangte.

Ich erläuterte ihr die Rechtslage – Hunde haben, im Gegensatz zu Menschen, kein Recht am eigenen Bild – und verweigerte die Offlinestellung des Blogeintrags. Allerdings sicherte ich ihr zu, den Text sofort zu löschen, sofern der Hund persönlich mich darum bäte. Dies geschah bisher nicht, und deshalb ist das Foto immer noch online. 

Danach war sieben Jahre lang Ruhe, bis letzte Woche. Ein Eintrag vom April 2006 (!), der sich auf ein Erlebnis von 1995 (!!!) bezog, stieß jemand sauer auf. Dieser Jemand sieht durch die Überschrift „Leblos in der Lincolnstraße“ seinen Geschäftserfolg gefährdet – und würde sich „wirklich sehr freuen, wenn du zumindest den Titel ändern könntest“, wäre aber noch glücklicher, wenn ich „den Artikel gänzlich entfernen“ würde, zumal er „wirklich krass und auch nicht mehr zeitgemäß“ sei. Wichtigstes Argument: ein angeblicher Panikanfall der Mutter bei Lektüre meines Textes.

Ich lehnte ab. Nicht mehr zeitgemäß, führte ich aus, sei ja praktisch alles, was in der Vergangenheit gesagt, getan oder geschrieben wurde. Sollte man all das deswegen nachträglich löschen? So wie den Negerkönig aus Pippi Langstrumpf?

Um ihr die Seltsamkeit ihres Anliegens zu verdeutlichen, machte ich die Person auf zugängliche Zeitungsarchive aufmerksam, in denen sich Artikel über die Bandenkriege auf dem Kiez, über die Pinzner-Morde etc. befänden, alle höchstwahrscheinlich geschäftsschädigend und schlecht für ein mütterliches Herz. Aber so war die Welt nun mal, schrieb ich, und so wird sie immer gewesen sein. Das gelte auch für die Lincolnstraße.

Daraufhin änderte sie ihre Argumentation. Die Überschrift gäbe einem „ein schlechtes und mulmiges Gefühl“ und sei zudem gar nicht wahr, schließlich sei die Frau, die als leblos in der Lincolnstraße beschrieben werde, ja gar nicht tot gewesen.

Ich lehnte erneut ab. Daraufhin wechselte die Person erneut die Argumentationsstrategie – und behauptete, eine Bank habe ihr unter Bezugnahme auf meinen Blogtext einen Geschäftskredit verweigert.

Wow, welch eine Ehre für einen Kiezblogger – die Hamburger Bankenwelt entscheidet auf Basis meiner Blogtexte über Gedeih und Verderb des hiesigen Einzelhandels!

Ich fühlte mich enorm geschmeichelt von der Erkenntnis meiner bisher ungeahnten Wichtigkeit, wies den Antrag aber nichtsdestrotz letztinstanzlich zurück. „Dann bleibt dieser superwichtige Artikel“, kam es hochverschnupft zurück, „eben da, wo er ist, kann man nichts machen.“

Und das entspricht voll und ganz der Wahrheit.


28 Januar 2017

Kalauer (1–3)


 
Kalauer erleben seit einiger Zeit einen Boom. Parallel zur bestürzenden Analphabetisierung der Schreibsprache in den sozialen Medien entwickelt sich auf der anderen Seite des Spektrums die Lust am Sprachspiel, an der hintersinnigen Albernheit, am lustvollen Flachsinn mit doppelter, gelegentlich auch dreifacher Bedeutung.

Unter denen, die beruflich mit dem Schreiben zu tun haben, haben sich Kalauer flächendeckend durchgesetzt, ob im RTL-Edeltrashformat „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ (ein hustender Kandidat wird als „Bronchichi“ veräppelt) oder in den Überschriften der Onlinemedien („Gestickt eingefädelt“). Auch Mittelstand und Einzelhandel frönen längst dem Trend zum Wortwitz, und sei er noch so flach. 

Den Anfang machten vor einigen Jahren die Friseure (die Abbildung oben rechts zeigt ein klassisches Beispiel), inzwischen sind Bäckereien genauso am Start wie Foodtrucks und natürlich Hinz und Kunzt.  
 
Als jemand, der sich bekanntermaßen eine chronische Kalauerdiarrhö eingefangen hat (übrigens praktisch der einzige Durchfall, der mit Lustgewinn verbunden ist), kann ich diese Entwicklung natürlich nur von Herzen gutheißen – und plane sie künftig auch hier im Blog nach Kräften zu fördern und zu unterstützen.

Daher werde ich ab sofort an dieser Stelle regelmäßig Kalauersichtungen in freier Wildbahn fotografisch dokumentieren, um die Nachwelt nach Kräften beim Kopfschütteln zu unterstützen. Denn das ist gesund für die Nackenmuskeln.

Außerdem plane ich gemeinsam mit einem Gesinnungsgenossen ein mit hoher Wahrscheinlichkeit erschütterndes Druckwerk, welches die größte Konglomeration von Kalauern enthalten soll, seit Markgraf Gero das Gebiet der Lusitzi unterwarf. Und das war zirka 963.

Machen Sie sich also auf Unfassbares gefasst.

PS: Alle Fotomotive habe ich in Hamburg entdeckt.

20 Januar 2017

Pareidolie (115–117)


Manchmal, wenn dein Gemüse dich so anschaut, möchtest du glatt wieder zum Carnivoren werden. Von links nach rechts: Hokkaido, Kartoffel, Kohlrabi; alles entdeckt in unserer Küche.

PS: Eine ganze Galerie gibt es bei der Pareidolie-Tante.


16 Januar 2017

Echte S-Klasse



Immer mal wieder fahren die Luden an der Reeperbahn ihre italienischen oder amerikanischen Flundern spazieren. Es sind Wagen mit ungefähr einer Quadrillarde PS und einer Höhe, die sich numerisch erstaunlich eng am IQ ihrer Besitzer zu orientieren scheint. Oder an den Highheels ihrer Topangestellten.

In der Regel guckt man als St. Paulianer da gar nicht (mehr) hin, das wollen die doch nur. Bei dem oben abgebildeten Schmuckstück allerdings, das heute Nachmittag in der Seilerstraße parkte, kam ich nicht nur nicht umhin, es anzustarren, sondern sogar für die Ewigkeit abzulichten. Ein historischer Benz in Gold: wow. 

Einem Luden traue ich so was nicht zu, denn das Schmuckstück macht bestimmt keine 300 Sachen, und außerdem ist es deutlich über 100 Zentimeter hoch; das geht ja gar nicht.

Also: Wem von Ihnen gehört das? Und was machen Sie beruflich?

14 Januar 2017

Fundstücke (217)

Auf Straßen und Gehwegen rund um die Reeperbahn liegen u. a. Kippen, Restmüll und – Klischee, aber wahr – gebrauchte Kondome herum. 

All das überlässt man natürlich herzlich gern der Stadtreinigung, doch ich habe auf St. Pauli im Lauf zweier Jahrzehnte auch schon allerhand Aufklaubenswertes entdeckt – und dann auch aufgeklaubt. 

Zum Beispiel einen Satz Passfotos, diverseste Münzen aus aller Damen und Herren Länder, Kontoauszüge, Einkaufslisten, mindestens ein halbes Dutzend Euronoten bis hin zum Nennwert 50, einen Holzklapphocker, der seit Jahren hier im Flur unverdrossen seinen Dienst tut, einmal einen Personalausweis – und heute erstmals auch einen Führerschein. 

Lieber O., der du 1995 in Hamburg geboren wurdest: Du kannst dir dein Dokument auf der Davidwache abholen. Gegenüber dem diensthabenden Beamten habe ich dummerweise erneut auf jeglichen Finderlohnanspruch verzichtet. „Da wird er sich aber freuen“, meinte der Mann, und das wäre schön.

Über ein weiteres Fundstück stolperte ich unlängst im Edeka-Markt in der Paul-Roosen-Straße. Dort hatte ein Hersteller von Duftsteinen die super Idee, der Kundschaft seine Produkte in einer aufblasbaren Toilettenschüssel darzubieten. Kongenial isses scho, doch jeder Kaufakt wird damit auch zum Griff ins Klo – wenn Sie mir diesen kleinen Ausflug ins Reich der Reimkunst nachsehen mögen.

Übrigens gibt es hier auf der Rückseite der Reeperbahn nicht nur immer wieder was zu finden, sondern auch einiges zu verlieren. Jüngstes Beispiel: Durch einen technischen Fehler sind sämtliche Zugriffszählungen der zwischen August und Dezember veröffentlichten Blogtexte verlorengegangen.

Sie kommen also nicht umhin, all diese Texte erneut zu lesen, damit mir kein wirtschaftlicher Schaden entsteht. Dafür werde ich auch all Ihre Führerscheine und Personalausweise, die Ihnen in den Etablissements des Viertels abhanden kommen und mir anschließend in die Hände fallen, auf der Davidwache abliefern. Ohne Finderlohn zu verlangen!

„

31 Dezember 2016

Ein offener Brief zu Silvester – diesmal als Selbstzitat


Seit geschlagenen zehn Jahren versuche ich hier jeweils zu Silvester die schlimmsten Folgen dieser Veranstaltung zu minimieren.

Heute verzichte ich auf eine weitere Variante dieses Appells und verweise auf den ersten Beitrag von 2006 – sozusagen die Mutter aller Bemühungen um Ihre Gesundheit.

Bitte studieren Sie den verlinkten Text aufmerksam. 
Nichts zu danken.


Foto: Gruppe anschlaege.de

29 Dezember 2016

540 Verrisse


Einige Anfragen aus der Gruppe jener, die bedrucktem Papier generell den Vorzug vor elektronischer Tinte geben, haben mich bewogen, das E-Book „3000 Plattenkritiken“ nun auch als gebundenes Hardcover drucken zu lassen.

Während das E-Book weiterhin mit fluffigen 2,99 Euro übern Tisch geht, erzwingen die Grundkosten für das kiloschwere Druckwerk indes einen etwas höheren Preis, den zu nennen ich mich an dieser Stelle nicht traue, der aber für schockresistente Interessenten einfach zu ermitteln ist, nämlich hier.

Wer sich zunächst mit einer Teilmenge des Rezensionskonvoluts begnügen möchte, hat dazu jetzt ebenfalls die Gelegenheit. Denn ich habe aus dem Gesamtwerk all jene Kritiken destilliert, die zu einem letztlich wenig schmeichelhaften Urteil über das betroffene Album kommen. Es heißt „540 Verrisse. Ziemlich schlechte Platten aus drei Jahrzehnten“ und ist ab sofort als Taschenbuch erhältlich – natürlich zu einem erheblich moderateren Preis als der Gesamtklotz. (Der meistverrissene Künstler ist übrigens Neil Young; ich konnte es selbst kaum glauben.)

Die Veröffentlichung von „540 Verrisse“ hatte für mich allerdings die zwingende Folge, unmittelbar nach Diktat zu verreisen und mich in die Obhut des Zeugenschutzprogramms für Musikrezensenten zu begeben. Der Text, den Sie in diesem Augenblick lesen, wurde daher aus dem Exil auf den Malediven übermittelt, wobei „Malediven“ ein Pseudonym für den weitaus faderen Ort ist, an dem ich mich in Wirklichkeit aufhalte.

Mit jedem Kauf von „540 Verrisse“, „3000 Plattenkritiken“ oder „Der Frankensaga – Vollfettstufe“ helfen Sie mir, mein künftiges Leben im Untergrund zu finanzieren, inklusive all der falschen Bärte und blickdichten Sonnenbrillen. Dafür schon mal vielen Dank vorab.

Für Signierstunden stehe ich trotz allem weiterhin zur Verfügung; Treffpunkt allerdings nur in einem Land meiner Wahl. Und seien Sie zeitlich bitte flexibel.

22 Dezember 2016

Der störrische Käseshop

Gerade weil ich so ein zufriedener Kunde dieses holländischen Onlinekäseshops war und bin, musste ich unbedingt etwas gegen die Blamage unternehmen, die er sich vierzehntäglich mit seinem Newsletter leistete. Endgültiger Auslöser war dieser Passus aus der Ausgabe vom 25. September:


Zwar war die selbstreferentielle Pointe dieser Argumentation nicht ohne philosophischen Reiz, doch ob sie auch dem Zweck des Newsletters dienlich war, schien mir zweifelhaft. Also schrieb ich eine Mail an den Käseshop:
Guten Tag, als Stammkunde finde ich es sehr bedauerlich, wie viele Fehler sich auf Ihrer deutschsprachigen Website und in Ihrem Newsletter finden. Das könnte durchaus Ihren Geschäftserfolg beeinträchtigen. Da ich freiberuflich als Lektor arbeite, möchte ich Ihnen hiermit vorschlagen, Ihre Texte Korrektur zu lesen, sie also stilistisch und orthografisch zu perfektionieren. Denn ich finde, die Genussfreude, die Ihr Shop ausstrahlt, sollte auch sprachlich bestmöglich vermittelt werden. Viele Grüße von einem deutschen Bröckelkaas-Liebhaber.
Lange passierte nichts. Stattdessen kam der nächste Newsletter, darin Sachen wie diese:


Das bewog mich, mein Angebot zu wiederholen – und prompt bekam ich nun doch noch Post, sogar vom Geschäftsführer persönlich, Herrn P. Er wisse, gab er zu, dass die Webseite „nicht zu 100% gut gramaticaal Deutsch“ sei, womit er völlig richtig lag. Eine Korrektur hingegen, führte er weiter aus, koste Geld, das man im Moment nicht habe. 

Daran freilich sollte es nicht scheitern, Käseshop! Ich antwortete also folgendermaßen:
Lieber Herr P., wir könnten uns auch auf eine Zahlung in Naturalien einigen. Wie wäre es z. B. mit monatlich 2,5 Kilo Bröckelkäse inkl. Versand gegen die Korrektur Ihres Newsletters? Auch das Checken Ihrer kompletten Website würde ich mir in Käse honorieren lassen; über die Menge müssten wir reden. Sie sehen: Ich bin WIRKLICH ein Fan Ihrer Produkte!
Aus Sicht des Käseshops musste dieses Angebot, wie ich fand, wirken wie ein Pferdekopf im Bett, nur ohne die mittransportierte Gewaltmetaphorik. Denn ein muttersprachlicher Profi würde sich ihrer Publikationen annehmen, hinterher wäre alles picobello, und sie müssten nicht mal einen Kredit aufnehmen, sondern könnten in Käse blechen, der eh räderweise bei ihnen herumlag.

Zweifellos war dieser Vorschlag ein Coup. Unser Haushalt sah paradiesischen Zeiten entgegen, mit stapelweise Old Amsterdam und kristallinisiertem vierjährigem Gouda in allen Speisekammerregalen. Noch vor Herrn P.s erneuter Antwort kam aber erst mal der nächste Newsletter, ein echter Tiefschlag. Er illustrierte auf düpierende Weise die Fruchtlosigkeit all meiner bisherigen Bemühungen:


Wenig später folgte eine Mail von Herrn P. Er bedankte sich für das freundliche Angebot, indes: „Wir haben im Moment andere Prioritäten. Vielleicht kommen wir zu Ihrem Angebot zurück. Es ist auf den Weg der Wahl.“

Wenn ich das richtig verstand, disputierte man also in intensiven Gremiensitzungen über das Lektorierungsangebot aus Hamburg, wog das Für und Wider ab, rechnete Kosten-Nutzen-Analysen durch. Derweil verfertigte die Newsletterredaktion unverdrossen das nächste Schreiben an die Kundschaft. Darin informierte man nicht nur über all das, was aus vergorener Milch Köstliches werden kann, sondern auch über die Vorzüge des Versands:


Dies weckte in mir den unschönen Eindruck, als habe sich seit Beginn meines Dialogs mit dem Käseshop die Gesamtlage eher verschlechtert. Die Diskussion, die ich angestoßen hatte, schien mir mehr Fluch als Segen zu sein. Ich weiß nicht, ob ich allmählich paranoid wurde, aber der Schluss des Newsletters schien sogar mir persönlich zu gelten, und nach einer fruchtbaren Geschäftsbeziehung roch das nicht gerade:


Seither Funkstille. Irgendwie habe ich das Gefühl, der Käseshop will mich nicht. Wenn er allerdings glaubt, ich würde darob beleidigt alle Verbindungen kappen, dann hat er sich geschnitten.

Denn allmählich geht unser Bröckelkäsevorrat zur Neige.

Update v. 23.12.2016: Heute dann der nächste Tiefschlag per Webseite

   


15 Dezember 2016

Pareidolie (114)


Wenn das Fitnessgerät, an dem du gerade trainierst, das Gewicht, das du aufgelegt hast, aufrichtig bestaunt:

Darf man sich dann geschmeichelt fühlen?

 
PS: Eine ganze Galerie gibt es drunten in Wien bei der Pareidolie-Tante.

11 Dezember 2016

Der Franke macht endlich Druck!

Als 2011 mein E-Book „Die Frankensaga“ erschien, wünschten sich nicht wenige eine Druckausgabe. Seither sind fünf Jahre vergangen, die Zahl der Geschichten wuchs – und jetzt ist es Zeit für eine stark aufgeblähte, sogar um den genialen Michael-Rudolf-Text „Franken! Schluss! Aus! Sense!“ ergänzte Neuausgabe.

Und was soll ich sagen: Es gibt sie neben der E-Book-Version – gerade auch im Hinblick auf Weihnachten, wenn Sie wissen, was ich meine – nun auch gedruckt, also zum Anfassen und Aufblättern, entweder bei Amazon oder bei epubli und eigentlich auch sonst überall.

Anlässlich dieses Ereignisses erlaube ich mir Ausschnitte aus dem neuen Vorwort zu zitieren, denn besser könnte ich es auch nicht sagen. Voilà:

Seit der gefeierten Erstauflage der Frankensaga wurde das Material immer kalorienreicher. Während die Republik in die knöchernen Hände der Vegetarier und Veganer fiel, leistete ein Mann auch im vergangenen Halbjahrzehnt tapferst Widerstand, indem er unverdrossen Nürnberger Rostbratwürste und all ihre engen Verwandten vertilgte: der Franke.

Und ich war und blieb in all diesen Jahren sein Eckermann – eine Erkenntnis, die zu gleichen Teilen von Stolz und Selbstekel flankiert ist. Nun also kommt die exorbitant erweiterte Frankensaga in der Vollfettstufe – eine erschütternde Sammlung persönlich erlebter Geschehnisse, bei denen mehr Tiere zu Schaden kamen als in der Gesamthistorie aller kasachischen Zoos. Und ergänzt um die definitve Frankenanalyse des unvergleichlichen Michael Rudolf.

Das Lesen all dieser Texte erfolgt ausdrücklich auf eigene Gefahr. Sollten Sie aber alle bisherigen Staffeln von „The Walking Dead“ ohne Harm überstanden haben, wird Ihnen auch dieser erschütternd tiefe Einblick ins Leben des Franken nichts anhaben können. Oder nur wenig.

Eine Garantie dafür lasse ich mir aber nicht aus den Rippen leiern. Ich bin nicht rechtsschutzversichert.



Die Frankensaga – Vollfettstufe
Taschenbuch, 9,80 Euro, ISBN: 9783741874000
Hardcover, 17,99 Euro, ISBN: 9783741873966
E-Book, 3,99 Euro, ISBN: 9783741874680





09 Dezember 2016

Warten auf Kerry

Nein, Modernismus oder gar Ranschmeißerei an den Zeitgeist kann man unserer Hausverwaltung keineswegs vorwerfen. 

Der erstmalige (!) Neuanstrich unseres Treppenhauses seit mindestens drei, wenn nicht acht Jahrzehnten – unser Haus wurde um 1906 errichtet – orientiert sich koloral eher an dem, was wir draußen vor der Haustür gewöhnlich an menschlichen Körperflüssigkeiten und -feststoffen vorfinden, vor allem an Wochenenden.*

Insofern eine adäquate Farbwahl, zu der man die Entscheidungsträger nur beglückwünschen kann. Ja, ich würde so weit gehen, diese Wahl als mutiges Statement gegen die Gentrifizierung des Viertels zu deuten, als ein Manifest des widerständigen Traditionalismus – umgesetzt konsequenterweise exakt in der Farbe, die bisher schon unsere Treppenhauswände zierte. Wir müssen uns also nicht mal umgewöhnen. 

Nur das charmant Abgeranzte, die Rußspuren an den Türrahmenritzen, die abgeplatzten Flächen: All das ist halt jetzt nicht mehr da. Aber das kriegen wir wieder hin in den nächsten drei, wenn nicht acht Jahrzehnten. Schließlich sind wir St. Paulianer.

Aber wir haben auch unser Päckchen zu tragen, vor allem, wenn gerade OSZE-Konferenz ist. Gestern an der Fußgängerampel am Casino stieß ich auf eine Menschenmenge, deren mentaler Zustand sich bereits bei meiner Ankunft am Siedepunkt bewegte. Denn sie wurde grundlos am Überqueren der Straße gehindert. Wie der leicht verschüchterte Polizist, der uns in Schach zu halten versuchte, erläuterte, müssten wir warten, bis die Kolonne des US-amerikanischen Außenministers vom Stephansplatz aus kommend die Kreuzung überquert habe.

Allerdings war von Kerrys Kolonne weit und breit nichts zu sehen. Und die Mitglieder der von der Straße geteilten Menge trennten nur je sechs Meter von der anderen Seite, dem Ziel aller Träume. Doch der Cop – Typ graumelierter Studienrat, unbewaffnet – ließ uns nicht.

Eine Radfahrerin war die erste, die den Aufstand wagte. Sie fuhr einfach los und rief: „Ich muss zur Arbeit!“ Eine Frau in Joggingkleidung ergänzte schrill: „Ich hab’s eilig!“ Der Polizist bekam allmählich einen runden Rücken und eine Gesichtsfarbe, die mich an unser Treppenhaus erinnerte. „Das haben wir doch alle“, lächelte er lahm und schaute bang runter Richtung Stephansplatz.

Doch von dort kein Kerry, nirgends. Hier aber eine zweigeteilte Menschenmenge, die wütend mit den Hufen scharrte, mittlerweile schon halb auf der Straße stand und immer lauter murrte. Anweisungen der Ordnungskräfte brauchen halt immer auch eine sich sinnlich erschließende Plausibilität, und die hätte in dieser Situation nur der heranbretternde Herr Kerry herstellen können. Oder wenigstens ein anschwellender Sirenenton.

Das sah nun auch der Polizist ein: Er beugte sich dem Druck des Volkes. „Okay“, sagte er seufzend, und alle strömten herüber und hinüber, von links nach rechts und rechts nach links. Und dann eilten sie davon, um auch heute endlich wieder unbehindert von Phantomen wie Kerry und Konsorten dem Sinn ihres Lebens nachgehen zu können: einer abhängigen Beschäftigung. 

Abends sah ich Kerry im Fernsehen, er war also doch noch gekommen. Im Wohnzimmer roch es ein wenig nach Farbe.


*Das gilt übrigens auch für die Ästhetik dieses Blogs, wie mir gerade dämmert.

03 Dezember 2016

Fundstücke (216)


Vielleicht mache ich es wie Nico Rosberg und trete auf dem Höhepunkt meiner Karriere zurück.
 
Entdeckt auf Amazon, in den Kindle-Musikcharts.

23 November 2016

Ein Gebirge für 2,99 Euro: „3000 Plattenkritiken“


Langjährige Freunde und Freundinnen dieses Blogs wissen, dass ich nicht nur auf der Rückseite der Reeperbahn mein Dasein friste, sondern auch gefühlt 26 Jahre lang als Musikjournalist gearbeitet habe. 

Erstaunlicherweise waren es – wie ich unter Zuhilfenahme eines handelsüblichen Taschenrechners herausgefunden habe – wirklich 26 Jahre. Den Rezensionsoutput dieser halben (nein: ganzen) Ewigkeit habe ich jetzt kurzerhand zu einem wahrlich monströsen E-Book zusammengefasst.

Es heißt „3000 Plattenkritiken“, was gelogen ist, denn in Wahrheit sind es sogar 3109 Plattenkritiken. Letzteres hätte aber nicht so süffig geklungen. 

Man bekommt also für den lachhaften Preis von 2,99 Euro sogar mehr, als draußen draufsteht. Eine positive Produktenttäuschung – daran darf sich der restliche Handel gern ein Beispiel nehmen; ich denke, darin sind wir uns alle einig.

Das E-Book „3000 Plattenkritiken. Gute und schlechte Musik aus drei Jahrzehnten“ hat die ISBN-Nummer 9783741869433 und ist in allen nur denkbaren Formaten erhältlich – als Epub, Mobi, für alle Apps, Reader und Tablets, und zwar u. a. bei epubli. (Lassen Sie sich bitte nicht von den Vorschauen abschrecken; auf dem Reader sieht das Buch viel besser aus.)

Es wäre mir eine übergroße Freude, wenn Sie dieses E-Book (das übrigens – Obacht! – genau 555 Platten verreißt) erwürben, empfählen, likten, verschenkten oder retweeteten. Und spätestens wenn Sie erfahren – was in genau zwei Sekunden der Fall sein wird –, dass der großartige Jan Plewka das Vorwort verfasst hat, wird sich Ihre Restskepsis augenblicks ins Nirwana absentieren.

Apropos: Nirvana werden natürlich auch rezensiert in diesem Buch. Und Adele. Pole. Dylan. Bowie. Springsteen. Bohren & Der Club Of Gore. Eva Cassidy. Esbjörn Svensson. Depeche Mode. Motörhead. Antony & The Johnsons … Also im Grunde alles, was seit 1989 eine Platte veröffentlicht hat und danach nicht rechtzeitig auf den Bäumen war.

Besonders würde ich mich natürlich über Rezensionen freuen, zum Beispiel auf Amazon. Oder in Musikblogs; dafür stelle ich gern Leseexemplare zur Verfügung – Mail mit Blogverlinkung genügt.
Verrisse werde ich natürlich tapfer wegstecken.*

*mir weinend schönsaufen


Update 25.11.2016: Zurzeit rangiert das Buch in den Amazon-Kindle-Musikcharts in den Top 20. Wie sagte Bob Dylan, als er den Nobelpreis kommentierte: „Isn’t that something?“


Update 18.12.2016: Jetzt gibt es das Buch auch im Hardcover – allerdings dank der hohen Grundkosten für ein 572-Seiten-Werk im DIN-A4-Format nicht ganz billig



19 November 2016

16 November 2016

Pareidolie (113)


Wenn das Fitnessgerät, an dem du gerade trainierst, mimisch exakt deinen Gefühlszustand simuliert: 
 
Ist das dann schon künstliche Intelligenz? 
 

PS: Eine ganze Galerie gibt es drunten in Wien bei der Pareidolie-Tante.

15 November 2016

Guter Rat ist mini

Neulich Abend ist der seltene Fall eingetreten, dass ich einmal vorausschauend agiert habe. 

Während der Rückfahrt vom Palazzo-Zelt (Foto) herrschten Minustemperaturen, und deshalb stellte ich hier auf St. Pauli mein 7-Gang-Fahrrad bewusst im fünften Gang ab. Die diesbezüglich sich bereits im vergangenen Winter als sehr anfällig geoutete Schaltung sollte nämlich kontrolliert auf diesem Niveau einfrieren – damit stellte ich sicher, am nächsten Morgen nicht durch die Stadt juckeln zu müssen wie ein Frettchen auf Speed. 

Und siehe da: Volltreffer. Zwar sind selbst die Hamburger „Berge“ im fünften Gang eine Herausforderung, aber so viele gibt es auf meinen Standardstrecken zum Glück nicht. Zusammengefasst: Wenn ich mich dereinst einmal unter Folter für einen Einheitsgang beim Fahrrad entscheiden müsste, so wäre es unzweifelhaft der fünfte. 

Apropos Fahrrad: Bestimmt wundern Sie sich, warum meins bereits seit Monaten nicht mehr gestohlen wurde. Ich mich auch, denn von einem Nachbarn erfuhr ich zu meiner Beunruhigung vor kurzem von den Unzulänglichkeiten meines sündhaft teuren Faltschlosses, dem ich bisher auf ähnliche Weise vertraute wie Tim Wiese dem Proteingehalt von Bisonhack. 

Faltschlösser nämlich, so hatte es ihm ein Polizist der Davidwache erzählt, wo mein Nachbar aus einem Sie-wissen-schon-Grund aufgeschlagen war, hätten Diebe inzwischen zum brachialen Aufrüsten gezwungen. Sie nutzten neuerdings handelsübliche Wagenheber, mit denen man sonst Anderthalbtonner aufbockt, um diese Schlösser schlichtweg aufzusprengen. Und weg ist ist das Rad. 

Seitdem mein Nachbar das weiß, verwendet er nicht nur ein Faltschloss (was immerhin bei Dieben, die zufällig gerade keinen Wagenheber zur Hand haben, noch immer für Haareraufen und Zähneklappern sorgt), sondern auch ein extrem kleines Bügelschloss. Es muss so klein sein, dass man nicht mit einem Wagenheber dazwischenkommt. 

Dieser Bericht sorgte bei mir, der ich bisher von geradezu kindlichem Glauben an die Macht meines Faltschlosses beseelt war, nicht nur für brutalstmögliche Beunruhigung, sondern auch für die sofortige Anschaffung eines kleinen Bügelschlosses. 

Wenn Sie also bisher dachten, dieses Blog sei eher mittelmäßig unterhaltsam als maximal lehrreich, so verspüren Sie nun eine erfreuliche Produktenttäuschung. Und rennen hoffentlich los, um sich ein Minibügelschloss zu kaufen, ehe es wieder mal zu spät ist.

Gern geschehen.




06 November 2016

Die gemütlichsten Ecken von Schleswig-Holstein (105)




Entdeckt auf einem Deich in der Nähe von Haselau. 

Dort oben entlangzuspazieren war übrigens weniger pittoresk als exkremental, wenn Sie verstehen, was ich meine.


13 Oktober 2016

Bob Dylan und ich haben den Nobelpreis



Heute hat Bob Dylan den Literaturnobelpreis bekommen. Grund genug, hier und jetzt mal wieder meinen Rang als wahrscheinlich weltweit fanatischster Dylan-Coversongsammler überzubetonen.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich damit begann, systematisch Coverversionen von Bob-Dylan-Songs zu sammeln. Ich weiß nur, dass es keineswegs an Vorbehalten gegen Dylans Stimme oder Gesangsstil lag, was viele Leute ja ins Feld führen, wenn sie begründen wollen, weshalb dieses oder jenes Cover angeblich „besser“ sei als das Original.

Nein, Dylan ist ein einmaliger Interpret seiner selbst und seine Stimme ein Wunder der Natur, von Anfang an. Mittlerweile erinnert sie zwar eher an die verkohlten Ruinen einer metallverarbeitenden Fabrik, aber auch das hat seine Reize. Jedenfalls lag es nicht im Mindesten an einer Aversion gegen Dylan selbst, dass ich Covers zu sammeln begann, sondern an der puren Brillanz seiner Songs.

Stücke wie „Desolation Row“, „Wedding song“, „The ballad of Frankie Lee and Judas Priest“ oder „Don’t think twice“ sind so wunderbar komponiert, ihre Melodieführung so hinreißend, dass mir das Immerwiederhören der Originale irgendwann einfach nicht mehr reichte. Nein, meine Gier nach Varianten wurde im Lauf der Jahre immer größer – zumal man als Musikfan im Lauf seiner Sozialisation sowieso immer wieder mit verblüffenden Neu-, Um- und Ausdeutungen von Dylans Songs konfrontiert wird. Van Morrisons dramatisch zwischen Verlustangst und Angstlust schwankendes „It’s all over now, baby blue“ wird jeder Mensch mit Geschmack irgendwann kennen- und liebenlernen, ob er nun 1940 geboren ist oder 2001.

Ich jedenfalls begann vor einigen Jahren systematisch damit, alle – alle! – Bearbeitungen von Dylan-Kompositionen zu sammeln. Zunächst schlachtete ich die eigene LP- und CD-Sammlung aus, parallel dazu recherchierte ich Veröffentlichungen und schaufelte mir unzählige Coverblogs in den RSS-Reader (ich LIEBE das Internet!), um keine Interpretation zu verpassen, sei sie alt, abgelegen, scheußlich oder neu. Ich kaufte, kopierte, lud runter – kurz: Ich warf ein riesiges Dylan-Coversongsschleppnetz aus, und zwar mit recht passablem Erfolg.

Es gibt übrigens Fanatiker, die katalogisieren jedes einzelne gecoverte Stück, was eine unschätzbar wertvolle Quelle ist, aber auch ein steter Quell der Qual. Denn natürlich sind die bereits deutlich über 30.000 verzeichneten Studioeinspielungen von Dylan-Songs niemals alle zu beschaffen, und das frustriert schon ein bisschen. Andererseits gibt diese Tatsache mir auch die beruhigende Gewissheit, dass die Suche immer weitergehen kann und wird.

Denn das wäre ja das Schlimmste für einen Jäger und Sammler: dereinst den letzten, allerletzten Schatz gehoben zu haben.

Mein entsprechender iTunes-Ordner verzeichnet momentan jedenfalls nur rund sieben Prozent aller bekannten Covers, das sind exakt 2171 Stück mit einer Laufzeit von gut sechs Tagen – oder, digital gesprochen, 17,26 Gigabyte.

Darunter befinden sich epische Progrockversionen („All along the watchtower“, Affinity), ranschmeißerische Anschmachter („He was a friend of mine“, Cat Power), wildestes Cowpunkgeprügel („Blowin‘ in the wind“, Me First & The Gimme Gimmes), japanischer Kleinmädchenkitschpop („Mr. Tambourine man“, Kumisolo), superglitschige Schnulzepen („Wigwam“ von Drafi! Deutscher!!), virtuose Mash-ups („All along the love lockdown (Bob Dylan vs. Kanye West), ToTom) oder unfassbar grottige Poprockfassungen einer galizischen Amateurcombo namens 7 Ivvas.

Es gibt buchstäblich kein Genre, das es nicht gibt im Kosmos der Dylan-Covers, und jede einzelne Adaption beweist nur eins: wie inspirativ und befeuernd die jeweilige Originalkomposition ist. Kurz: Dylan hätte nicht nur den Literaturnobelpreis verdient, sondern auch den Musiknobelpreis. Den ich hiermit anrege.

All die oben genannten Künstler und Künstlerchen und auch all seine Fans verleihen diesem Songdichter letztlich seine Bedeutung – und deshalb hat nicht nur Bob Dylan heute den Nobelpreis bekommen, sondern sie alle. Wir alle. Auch ich. Aber nicht die, die ihn für einen schlechten Sänger halten. Sie haben irgendetwas nicht richtig verstanden.

Unter diesem Link finden Sie alle zurzeit von mir verwalteten Coversongs. Die Liste ist, wie Sie sicherlich schon ahnten (oder befürchteten), außerordentlich vorläufig.

Aber so was von.


PS: Dieser Text ist die aktualisierte Fassung einer Vorschau auf eine von mir 2011 konzipierte Dylan-Sendung beim Internetradio Byte.fm.

PPS: Das Foto zeigt mich im Kreise Gleichgesinnter bei der Zelebration von Dylans 75. Geburtstag im Mai diesen Jahres.

Update vom 6. Januar 2017: Inzwischen ist der Bestand auf 2335 Coversongs gewachsen, nicht zuletzt dank einiger liebenswerter Leser dieses Blogtextes. Dafür ein aufrichtiges Dankeschön!



 

01 Oktober 2016

Von seltsamen Menschen


Zentralfriedhof Wien, vormittags. Wir stoßen auf eine pompöse Grabstätte in Klavierlackoptik, die anscheinend auf Anweisung eines geschmacksverirrten Etablissementbesitzers gezimmert wurde.

Das Foto in seiner ganzen grauenvollen Pracht spricht hoffentlich Bände – man beachte neben den ganzen Marien- und Engelsstatuen sowie den Pferdegespännen links und rechts der Säulen besonders die auf beiden Seiten vorm Kitschgeländer applizierten Barhocker.

Besonders skurril: Auch die noch gar nicht als Ewigkeitsverbringer aktiven Mitglieder der Familie Mijailović sind schon mit Fotos und Geburtsdaten präsent, nämlich das Ehepaar Milan (*1944) und Dragana (*1949). Milan prostet uns sogar wohlgemut zu, und dazu hat er auch allen Grund, schließlich kann er’s noch.

Zwei ältere Wienerinnen stehen kopfschüttelnd davor. Eine der beiden hat sogar Insiderinformationen. Die Mijailovićs, also Milan und Dragana, erzählt sie, kämen täglich her, um den Klavierlack zu wienern. Diese Woche scheinen die beiden es aber noch nicht geschafft zu haben, denn eine Staubschicht mindert erkennbar die Strahlkraft ihrer designierten Wohnstatt.

Sollten Sie das nächste Mal in Wien sein und den aktuellen Reinheitsgrad der Mijailović’schen Ruhestätte selbst überprüfen wollen: Sie befindet sich in Gruppe 31 a, nicht allzu weit weg von Johann Strauß und Franz von Suppé.

Seltsame Menschen aber gibt es keineswegs nur in Wien, sondern auch auf St. Pauli. Kaum zurückgekehrt, wollte ich ein großes Glas Nutella erstehen, weil sich, wie mir zugetragen wurde, ein 10-Euro-Bahngutschein darin befinden solle, und für so was haben Ms. Columbo und ich ständig Verwendung.

Bei Edeka in der Rindermarkthalle (der gleichen Einkaufshalle, wo es den unlängst an dieser Stelle thematisierten Wucheramericano gibt) suchte ich also die Süßwarenabteilung auf und fand die entsprechenden Nutella-Vorräte – doch meist ohne Gutscheine: Bei fast allen nämlich waren sie gestohlen worden.

Die Gutscheine befinden sich, wie das Bild links dokumentiert, sichtbar im Deckel. Man muss diesen also, um ranzukommen, abschrauben, hinter die Pappbarriere vordringen und dann den Beleg rausfriemeln.

Fairerweise hatten sich die wenigsten dieser charakterlich desorientierten Mitbürger die Mühe gemacht, den Deckel wieder ordentlich zuzuschrauben – wohl eine Art Hinweis für Kaufinteressenten auf eventuell jetzt vorhandene hygienische Mängel der betroffenen Schokonusscreme.

Wenn Sie mich jetzt fragen wollen, welche seltsamen Menschen mir lieber sind – die, die uns trotz ihrer Quicklebendigkeit prophylaktisch von Grabmälern zuprosten, oder jene, die ihre Restwürde bei Edeka abgeben, indem sie Nutella-Gläser behumsen –, dann tun sie das ruhig.




27 September 2016

Der weltweit mieseste Espresso von ganz Wien


Hiermit möchte ich eine Reisewarnung für Wien aussprechen. Nicht für die ganze Stadt natürlich, aber für das Café am Raimundhof.

Ein uns grundlos übel gesinntes Schicksal ließ uns gestern dort einkehren, angelockt von der Verheißung eines Espressos und dem auf der draußen platzierten Tafel offerierten Apfelstrudel.

Der Espresso war völlig ungenießbar – als hätten die Bohnen nach der Röstung zwei Jahre unter verfaultem Heu verbracht. Noch niemals in meiner Kaffeekonsumptionskarriere habe ich ein aufgebrühtes Getränk dieser Provenienz nicht ausgetrunken, hier aber war es mir unmöglich.

Und der Apfelstrudel schmeckte, als sei „Coppenrath & Wiese in der Mikrowelle ermordet worden“ (O-Ton Ms. Columbo). Also, meine Damen und Herren, wenn Ihnen Ihr Leib und Leben und die Erinnerung an Wien wichtig sind, dann meiden Sie unbedingt das Café am Raimundhof!

Zumal der Wirt, als ich ihm schonend die Ungenießbarkeit seines Gebräus nahezubringen versuchte, mit Unverständnis reagierte („Döhs is unser gonz nommaler Kaffee.“) Selbstverständlich landete die unglückselige Tasse demzufolge – obgleich nur zur Hälfte konsumiert – auch auf der Rechnung. Also bleiben Sie bloß da weg! Gehen Sie lieber ins Café Ritter, obwohl man dort keine Kartenzahlung (österreichisch: „Bankomat“) akzeptiert.

Wo ich mich in Wien nicht rangetraut habe, ist eine hierzulande spezifische Variante meines Lieblingsgetränks, nämlich der „Oilesso“. Als Purist, der weder Zucker noch Milch noch Alkoholika an seinen Espresso lässt, ist mir auch die Zutat Kürbiskernöl, welcher ich in anderen Zusammenhängen sehr zugeneigt bin, äußerst suspekt.

Beide Seiten können dabei, wie ich vermute, nur verlieren. Hat jemand sich schon einmal todesmutig einem derartigen Verkostungsexperiment ausgesetzt? Ein Erfahrungsbericht würde mich interessieren, denn ich mag auch Horrorfilme.

Eine interessante Erkenntnis vermittelte uns das Sightseeing. Nach über vier Stunden Wanderns durch Wien, nach knapp 17 Kilometern also, hätten lediglich anderthalb Hamburger Royal mit Käse ausgereicht, um die dabei verbrauchten Kalorien wieder komplett aufzufüllen.

Das spricht eindeutig für den Nährwert von Fast Food – und ebenso für das in bergsteigerischer Hinsicht überschaubare Anspruchslevel von Wien.

Natürlich sind wir nicht nur zu Fuß unterwegs gewesen, sondern auch in der Straßenbahn. Dort fielen mir Sitze ins Auge, die für bestimmte bedürftige Bevölkerungsgruppen reserviert waren: Schwangere, Mütter mit Kind, Blinde – und Harry Rowohlt.

Leider kann der das Privileg nicht mehr in Anspruch nehmen. Es ist zum Heulen.