23 April 2020

Unter Corona (5): Die Herbertstraße hat den Blues


Nicht nur Restaurants, Bars, Fitnessclubs und Frisörläden haben zu, sondern auch Puffs. Für St. Pauli natürlich ein besonders schmerzlicher Zustand. Zu den Hauptbetroffenen gehört eine stadtteilspezifische Institution mit weltweiter Bekanntheit: die Herbertstraße. Wobei sie natürlich nicht zugesperrt ist – wie auch, sie ist schließlich keine private, sondern eine öffentliche Straße. 

Allerdings ist sie zurzeit völlig verwaist, die hundert Meter lange Pflasterstraße hat den Blues. Ein beispielloses Elend, das unbedingt dokumentiert und somit verewigt gehört. Deshalb ging ich gestern bei schönstem Frühlingswetter dort vorbei. 

Einen Fotoapparat zu zücken gehört in der Herbertstraße normalerweise zu den tödlichsten aller Todsünden, und wer das in der Vergangenheit wagte, bekam sofort Riesenärger mit loszeternden Huren, aber alsbald auch mit deren Luden, und vor allem Letzteres ist – wie ich mir von gewöhnlich gut informierten Kreisen habe erzählen lassen – ganz und gar nicht zu empfehlen. Da bleibt es selten beim Zetern, nein, da fällt blitzschnell Elektroschrott an und manch ein Schneidezahn aus, und melden Sie dieses Ungemach mal auf der benachbarten Davidwache – die Kollegen dort hegen mehr Sympathie für hurenrächende Luden als für Fotospanner wie Sie, versprochen.

Jedenfalls wirkte die Ruhe in der Herbertstraße geradezu meditativ. In den Schaufenstern, wo sonst die bestens drapierten Damen Modalitäten verhandeln, liegen nur noch ihre Handtücher auf depressiven Drehstühlen herum. Immerhin wirkt das Interieur allzeit bereit; man hat den Eindruck, als wäre es binnen Minuten reaktivierbar. Und wer weiß, vielleicht wird das auch bald schon nötig sein. Denn warum sollten Frisöre wieder öffnen dürfen, aber die Herbertstraße nicht? Körperkontakt ist Körperkontakt.

Wenn Sie, liebe Leserinnen, also eine Zone, die für Sie außerhalb von Pandemien generell tabu ist, einmal unbehelligt inspizieren wollen, so tun Sie das am besten bald. Und wenn es nur zum Meditieren ist, mitten in der Stadt.






21 April 2020

Unter Corona (4): Vom Ausmisten

Seit die Pandemie Besitz ergriffen hat von der Welt, ist vieles anders, nicht nur im Großen, auch im Kleinen. Wenn man durch das gelähmte Hamburg läuft, fällt zum Beispiel auf, wie viel zu Verschenkendes plötzlich die Gehwege verziert. Anscheinend kommen die Menschen vor lauter Lockdownlangeweile endlich einmal dazu, die Bestände zu sichten. 

Vor allem Bücherkisten stehen draußen herum, heute sah ich zudem zwei Paar Damenschuhe sowie CDs und Handyschutzhüllen. Allerdings gibt es bisher keine Hinweise darauf, dass irgendetwas davon auch nur einen der rar gesäten Passanten interessiert. Ausnahme: eine Pappschachtel mit (natürlich noch verschlossenen) Chipstüten, die am Wochenende bei uns im Treppenhaus stand. Keine zwei Stunden später war sie leer – und das sogar ohne unsere Mithilfe. Wir sind eher chipsophob.

Eine zweite Auffälligkeit betrifft einen erheblich unappetitlicheren Sachverhalt: Überall in der Stadt tauchen plötzlich Hotspots eingetrockneter Vogelkacke auf. Beide, Mensch und Tier, scheinen in der Not also auszumisten. Das Guanophänomen läuft allerdings aufs Merkwürdigste einer hier in Hamburg gerade breit diskutierten Entwicklung zuwider, nämlich der unter den Tauben grassierenden Hungersnot. 

Seit die vom Lockdown zum Konsumverzicht verdonnerten Menschen mangels Gelegenheit weniger Müll unsachgemäß entsorgen, müssen die armen Vögel darben. Wie sie es aber schaffen, im Gegenzug die Produktion von Exkrementen mächtig anzukurbeln, dürfen uns gern die Ornithologen erklären. Oder noch besser die Physiker, denen dieser aufregende Fall eines taubeninduzierten Perpetuum mobile – man steckt oben weniger rein, bekommt hinten aber mehr raus – sicherlich viel zu forschen aufgibt. Vielleicht liefern uns diese seltsamen Vögel damit sogar die Lösung aller künftigen Energieprobleme?

Die heute Nachmittag auf dem Heiligengeistfeld herumstaksenden Tauben schien das Dramatische ihrer Situation indes kaum zu kümmern. Es wurde fröhlich herumgebalzt, man umtänzelte und bestieg sich munter; ja, diese vögelnden Vögel taten ganz so, als gäbe es doch ein Morgen. Ein tröstlicher Gedanke, der augenblicklich meinen Tag erhellte. 




18 April 2020

Fundstücke (245)

Bei dem Werbespruch „Wir kleiden Sie zauberhaft ein“ hätte ich – aber das mag an mir und meinem wahrscheinlich einfach zu konservativen Modegeschmack liegen – nicht zwangsläufig das beispielhaft abgebildete Outfit erwartet. 

Dieser konservative Modegeschmack versucht mir gerade einzureden, es sei augenscheinlich nicht immer von Übel, wenn ein Geschäft dank höherer Gewalt zwangsgeschlossen wird, aber das wäre unfair, deshalb wehre ich mich in aller Form gegen diesen Gedanken und schäme mich dafür.

Entdeckt auf der Reeperbahn, St. Pauli.



06 April 2020

Fundstücke (244)


„Früher“, sagte Ms. Columbo heute Nachmittag beim Anblick dieser Schaufensterinfo, „nannte man das Adoption.“

Entdeckt in der Wohlwillstraße, St. Pauli.


05 April 2020

Unter Corona (3): Nur die Dealer arbeiten noch

Hamburg – und damit natürlich auch St. Pauli – ist zurzeit komplett touristenfrei. Der im vergangenen Juni an dieser Stelle dokumentierte feuchte Traum aller Gentrifzierungsgegner wurde also schneller wahr als gedacht. Wenn auch aus ganz anderen Gründen.

Die Stadt liegt leise und leer in der Frühlingssonne. Ein böiger Ostwind fegt um die Ecken. Wenn man lange Spaziergänge macht – zum Beispiel vom Jenischpark im Westen, wohin man in einem leeren Bus der Linie 111 fuhr, zurück nach St. Pauli –, sollte man nicht zu viel getrunken haben und auch unterwegs nichts nachgießen, denn neben der Gastronomie sind auch die öffentlichen Toiletten geschlossen. Wir bewältigten die Herausforderung mit Bravour, aber knapp. 

Unter den wenigen, die ihr Geschäft nicht geschlossen haben, sind die üblichen afrikanischen Dealer an der Balduintreppe. Sie stehen dort zu viert im Karree. Zwischen ihnen klafft der behördlich angeordnete Mindestabstand von mehreren Metern, sodass wir als Spaziergänger sogar hindurchlaufen können, ohne gesetzesbrüchig zu werden. Man möchte den Herren danke sagen für ihre Einsicht in die Notwendigkeit. Wie es allerdings aussähe, wenn sie gerade ein Geschäft abwickelten, also Geld entgegennähmen und dafür Ware rüberreichen müssten, das können wir nicht sagen; denn als wir vorüberliefen, herrschte dealtechnisch gerade Ebbe.

In der Bernhard-Nocht-Straße hing ein Plakat mit der Aufschrift: „Wer hamstert ist zu faul zum Plündern“, und wie fast immer ist unabhängig von der getroffenen Aussage schärfstens zu monieren, dass sie kontaminiert wird von einem kapitalen Rechtschreibfehler, hier ein abwesendes Komma. Warum haben jene mit Botschaften so selten die Fähigkeit, sie auch korrekt auszudrücken? Gibt es da vielleicht sogar einen Zusammenhang? 

Jedenfalls werden Korrektoren und Lektoren weiterhin gebraucht, auf allen Ebenen. Was mir die Gelegenheit gibt, noch einmal freundlich auf meinen Blogeintrag vom 15. Januar hinzuweisen. 




22 März 2020

Mit ohne Autos


Den Ernst der Lage erkennt man auf St. Pauli an zwei Dingen: 

1. keine Huren auf der Straße
2. freie Parkplätze

Auf diesem Foto sehen sie unten einen leeren Streifen. Es ist eine Parkbucht unter unserem Balkon in der Seilerstraße. Mit ohne Autos. Am Samstagabend.

Mehr muss man nicht wissen.



21 März 2020

Unter Corona (2): Des Virus nützliche Idioten

Was nützt einem in diesen Zeiten schon der brav eingehaltene Zweimeterabstand zu entgegenkommenden Spaziergängern, wenn keuchende, schwitzende, tropfende Jogger regelmäßig diese Lücke nutzen, um hindurchzulaufen? Heute Vormittag in Planten un Blomen (Foto) passierte uns das mehrfach. 

Außerdem rannte eine Läuferin mit Kopfhörern derart nah an mir vorbei, dass es beinahe zur Kollision gekommen wäre. Aber wahrscheinlich dachte sie, dass Anrempeln ja gar kein Übertragungsweg sein kann, weil der Virologe Drosten das in seinem Podcast noch nie erwähnt hat (sofern sie je von Drosten oder diesem komischen Virus, das heißt wie ein Bier, gehört hat). Und für das Trio russischer Jungs, das uns wenig später frohgemut palavernd überholte, war Social Distancing auch eher ein sehr fremdes Fremdwort.

Warum ich das alles erwähne: weil es erklären soll, warum ich die Wirksamkeit der offiziellen Appelle und Aufrufe, die uns davon abhalten sollen, zu Virenschleudern zu werden, eher skeptisch betrachte. Die Scheißegalhaltung vieler Mitbürger wird uns nicht nur mehr Infizierte, mehr Schwerkranke und letztlich mehr Todesopfer einbrocken, sie wird uns in Bälde auch einige bürgerliche Freiheiten kosten – und leider auch viele gute Argumente dagegen. Oder hat wenigstens die FDP noch ein paar überzeugende in petto? Ich zweifle.

Ab Montag dürften demzufolge verschärfte Ausgangsbeschränkungen in Kraft treten, die auch unsere tägliche Runde durch Planten un Blomen – den ausgedehnten Park, der vom Millerntorplatz auf St. Pauli bis zum Messegelände mitten durch die Stadt mäandert – ernsthaft gefährden könnte.

Zum Glück ist unsere Wohnung vom einen bis zum anderen Ende fünfzehn Meter lang. Wir müssten sie nur vierhundertmal ablaufen, und schon hätten wir einen ausgefallenen Spaziergang durch Planten un Blomen kompensiert. Und das sogar bei besserer Musik!



18 März 2020

Fundstücke (243)


Gut, St. Paulianer wählen zwar keine Rechten, aber ansonsten sind wir wohl auch nur ganz normale Durchschnittsdeutsche. Entdeckt bei Edeka, Paul-Roosen-Straße.

16 März 2020

Unter Corona (1): Von okay auf null


Am Samstag waren wir morgens noch mal im Fitnessclub und abends mit Freunden im Portugiesenviertel essen, am Sonntagvormittag huschten wir noch mal ins Kino („Bombshell“) und lustwandelten danach durch Planten un Blomen, wo unbeeindruckt Krokusse blühen und der Bärlauch die ersten zarten Spitzen reckt – und ab sofort ist das alles, das öffentliche Machen und Tun, auf unabsehbare Zeit vorbei. 

Hier auf dem Kiez sind die Nächte gespenstisch still geworden, es ist schlimmer als an Karfreitag, an der Davidstraße steht nicht eine Hure mehr. Und über den Dächern der Reeperbahn schimmern Dutzende Sterne mehr als sonst, weil der heruntergedimmte Hafen weniger Lichtsmog gen Himmel schickt. Unser aller CO2-Bilanz wird gezwungenermaßen fantastisch ausfallen dieses Jahr.

Weniger fantastisch hingegen sind die Aussichten vieler Selbstständiger, und davon haben wir einige im Freundes- und Bekanntenkreis. Katha zum Beispiel ist freie Fitnesstrainerin. Die Verfügung des Hamburger Senats, ab sofort stadtweit alle Fitnessclubs dichtzumachen, ist so logisch wie notwendig, nur bricht für Katha damit von einem Tag auf den anderen das komplette Einkommen weg. Von okay auf null. Wie lange sie nun von ihren Reserven leben muss und wie lange die reichen werden, weiß niemand. 

Und die selbstständige Profifotografin Anne, bisher gut ausgelastet nicht nur mit Porträt- und Hochzeitsfotografie, sah in den vergangenen Tagen von jetzt auf gleich sämtliche Aufträge der nächsten Wochen wegbrechen. Was tun zur Überbrückung? Auf ihrer Webseite ihren Bilderkatalog zum Kauf anbieten, um in der nächsten Zeit halbwegs über die Runden zu kommen. 

Annes Selfie, das diesen Blogeintrag illustriert, gehört natürlich auch zum dort angebotenen Portfolio – und soll zum einen zeigen, mit welcher Künstlerin es potenzielle Bildkäufer überhaupt zu tun haben, und zum anderen, was die Frau fotografisch und gestalterisch und als Model so drauf hat. Wer sich auf ihrer Seite umschauen und sich über die Modalitäten ihres Katalogverkaufs informieren möchte, klicke gern auf diesen Link.

Und ansonsten gilt auch unter Corona das, was der Slampoet Rainer Maria Rilke schon 1902 so ähnlich in Verse goss: „Wer jetzt kein Netflix hat, braucht es umso mehr.“ 

Foto: Anne Hufnagl 


06 März 2020

Vielleicht Salzsäure?

Heute kam ein Mann mit zwei Bierhumpen aus der erst neulich erwähnten Kiezkneipe Tippel II, als ich dort gerade die Straße überquerte. Beide Gläser waren halb gefüllt mit einer farblosen Flüssigkeit, augenscheinlich Wasser. Was will er damit, und wo will er hin?, fragte ich mich im Vorübergehen. 

Die Antwort gab er prompt. Der Mann ging nämlich stracks zum roten Hängemülleimer und kippte das, was immer auch die Humpen halb füllte, dort hinein. 

Unter den bizarren Verhaltensweisen, die uns im Lauf der Jahrzehnte auf dem Kiez begegnet sind, gehört diese aus dem Stand und fortan zu den bizarrsten. Was hätte dagegen gesprochen, beide Gläser in die Botanik am Wegesrand zu entleeren, zumal es eh von oben tröpfelte? Warum stattdessen in den Mülleimer? Handelte es sich bei der glasklaren Flüssigkeit vielleicht gar nicht um Wasser, sondern um etwas, mit dem keinesfalls ein Busch oder Bäumchen gegossen werden darf – vielleicht um so was wie … Salzsäure?

Aus dieser Überlegung ergäben sich allerdings dermaßen viele und durchaus verstörende Folgefragen, dass ich Sie damit gerne an dieser Stelle alleine lassen möchte.


24 Februar 2020

Wenn der Kiez die Wahl hat

Das hier dokumentierte Abstimmungsverhalten in unserem Wahllokal auf St. Pauli ist zwar alles andere als repräsentativ, aber durchaus nicht unerfreulich.

So ließen wir Rotlichtviertelbewohner – Ab­ra­ka­da­b­ra, Simsalabim! – die völkisch-nationalen Rassisten spurlos im anonymen Sammelbecken der Sonstigen verschwinden. Und der Partei Die Partei (der ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, bereits seit mindestens sechs Jahren die Mitgliedsbeiträge schulde) schanzten wir fast doppelt so viele Stimmen zu wie der CDU.

Nein, das harte Pflaster von St. Pauli ist seit jeher kein gutes für Rechte und Rechtsaußen und diesmal erst recht nicht. Träte die Antifa auf dem Kiez unter eigenem Namen an, müssten sich wahrscheinlich sogar sämtliche Parteien links der Mitte sehr warm anziehen. Oder warum stellt nicht gleich der FC St. Pauli eine eigene Liste auf? Politisch genug ist unser kleiner Stadtteilverein doch allemal, und wer sagt, dass sich nur Parteien zur Wahl stellen dürfen? Niemand, Herr Göttlich!

Für die Bürgerschaft würde es natürlich trotzdem nicht reichen, da wären schon die stadtweit immer noch vielköpfigeren HSV-Fans vor – und zwar nicht erst, seit sie am Samstag die bitterste Heimniederlage des Jahrtausends zu verdauen bekommen haben.

Wie Sie sehen, meine Damen und Herren, war das vergangene Wochenende für mich ein von Behagen und wohligem Genuss geprägtes, zumal zu allem Überfluss auch noch mein Herzensverein seit Kindertagen, der 1. FC Köln, in Berlin auf unverhoffte Art und Weise zu reüssieren wusste. Manchmal fügt sich eben alles zum Besten, und das Leben wäre nicht lebenswert, wenn man selbst solche Tage nicht genösse bis zur Neige.

Und jetzt, liebes Wahlvolk in der Restrepublik, bitte zu Hause nachmachen, das mit dem Ab­ra­ka­da­b­ra und Simsalabim. Danke.

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16 Februar 2020

03 Februar 2020

Von Mäusen veräppelt

Vielleicht erinnern Sie sich: Unlängst schrieb ich unter dem Titel „Sie nagen einfach nicht“ über unseren flächendeckenden Mäusebefall und bemängelte den unzulänglichen Appetit der Nager auf unsere Giftköder. Auch die überall verführerisch aufgestellten Schlagfallen umliefen die Possierlinge weiträumig. 

Die Vergrämungsprofis um den alten Fahrensmann Herrn B., die die Lage inzwischen fast wöchentlich neu beurteilen, blieben so ratlos als wie zuvor. Wenn wir mal wieder eine Sichtung schilderten, begannen die Herren nur halb verhohlen die Stirn in Falten zu legen – fast als dächten sie, wir bildeten uns die Mäusepopulation nur ein.

Um unserer Glaubwürdigkeit gegenüber B. und seinem Platoon auf die Sprünge zu helfen, habe ich deshalb neulich bei Aldi eine billige Wildkamera geschossen (ursprünglich 89 Euro, jetzt nur noch 29). Und siehe: Gleich in der ersten Nacht erwies sich das Gerät als Volltreffer. Zunächst fotografierte es eine Maus, die es sich unter unserem Esstisch wohl sein ließ. Auch ein lustiges Herumhoppeln war verschwommen dokumentiert. 

Tatsache war also, dass die Mäuse uns gleichsam auf der Nase herumtanzten, und ich konnte es beweisen. In unmittelbarer Nähe von Gift und Fallen hatten sie Spaß und Freude, aber ebenso wenig Todesmut wie Hunger. Ich empfinde so was als ziemlich düpierend. 

Doch erst das dritte Foto, entstanden in derselben Debütnacht, zerschmetterte mich vollends. Zu sehen ist es oben. Es zeigt eine Maus, wie sie aus unmittelbarster Nähe die Wildkamera inspiziert und wahrscheinlich sogar beschnuppert. Wäre ihr Schnütchen nicht abgeschnitten, ich bin mir sicher, wir sähen sie lächeln.

Heute habe ich den wieder einmal unverhofft hereinschneienden Herrn B., der in unserer Wohnung inzwischen buchstäblich jeden Spalt kennt, die Beweisfotos gezeigt und sogar einen interessanten kleinen Mäusefilm, der zwei Nächte später entstand.

Herr B. wirkte hilflos. Gift, murmelte er, habe das im Film zu sehende Tierchen sicherlich noch nicht gefressen, dafür sei es „zu schnell“. In zwei Wochen will er wiederkommen. Ich hoffe, er bringt Zeit mit. Ich werde in Beweismaterial schwimmen.


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24 Januar 2020

Wo das Büchsenbier regiert

Juhu, endlich mal ein Getränkekiosk auf St. Pauli! Mann, der hat am Nobistor eingangs der Reeperbahn echt gefehlt. Und so was wie die bisher dort ansässige St.-Pauli-Textilreinigung braucht schließlich kein Mensch. 

Dass Letztere all meine Charles-Tyrwhitt-Hemden und Schurwollanzüge besser kannte (und vor allem liebevoller behandelte) als ich selbst: geschenkt. Der Vorteil, dort demnächst billiges Vorglühbüchsenbier abgreifen zu können, das später am Abend in Form von Kotze und Pisse an unseren Haustüren und -wänden landen wird, macht diesen „Verlust“ mehr als wett.

Mir fielen auf dem Kiez übrigens spontan noch weitere Standorte für neue Getränkekioske ein. Zum Beispiel Pepis Friseurgeschäft in der Seilerstraße oder Albertos winzige Änderungsschneiderei schräg gegenüber. Und wozu taugt eigentlich noch das kleine Restaurant Thai-Town in der Taubenstraße, das eh seit Jahr und Tag mehr schlecht als recht vor sich hinkrebst – wäre das nicht ein wunderbarer Standort für einen Getränkekiosk? Dito die „Fahrrad-Börse“ in der Talstraße, die der stets melancholisch lächelnde türkische Inhaber eh gerade aufgegeben hat. Ich meine, Gebrauchträder bekommt man auch jederzeit samstags auf dem Schlachthofflohmarkt – und zwar billiger, weil geklaut.

Seit Jahren stehen außerdem hier unten an der Straßenecke gegenüber vom Tippel II die Räumlichkeiten der ehemaligen Postfiliale leer – Vorschlag: ein Getränkekiosk! Und wieso gibt es überhaupt noch diesen anachronistischen Winzplattenladen im Souterrain der Simon-von-Utrecht-Straße namens MinigrooveDa fiele mir spontan eine perfekte Anschlussverwendung ein.

In der Nähe des Großneumarktes habe ich gestern einen Ersatz für die St.-Pauli-Textilreinigung gefunden. Mit Übernachtservice haben sie es dort aber leider nicht so. Mein Hemd kann ich erst in einer Woche wieder abholen. 

Und das vergleichen Sie jetzt bitte mal mit dem Sofortservice eines Getränkekiosks!



20 Januar 2020

Der Midas von St. Pauli


Der Maler 4000 ist oft zu Gast im Haus und wurde nicht nur deshalb bereits mehrfach in diesem Blog verewigt. Jetzt ist er reif für eine weitere Erwähnung. Denn er ist wesentlicher Protagonist einer noch bis zum 1. Februar laufenden und äußerst unterhaltsamen Gruppenausstellung in der Galerie Feinkunst Krüger nahe dem Großneumarkt. Wir können die Unterhaltsamkeit beurteilen, wir waren auf der Vernissage – und einige seiner neuen Bilder habe ich auf dem Nachbarbalkon trocknen sehen

4000 findet seine Motive, wie man sieht, immer wieder auch auf St. Pauli, darunter die Fassade der Kiezkneipe Tippel II, die unverhohlen ein bestimmtes Zielpublikum anspricht und von unseren Balkonen aus zu sehen ist. 

Nachdem ich bei Feinkunst Kröger das Gemälde zur Erinnerung und Dokumentation abgelichtet hatte, beschloss ich, mit der realen Vorlage ebenso zu verfahren und mir beide Motive einmal näher anzuschauen. Und der Vergleich zwischen Kunstwerk und Foto enthüllte Verblüffendes. Denn zwei Elemente der Wirklichkeit hat 4000 – der sich ansonsten um jedes Detail bis hin zum Sky-Schild kümmerte – weggelassen während seiner Malsitzung: Laternenpfahl und Baum. 


Dass auf einem Motiv aus dem Rotlichtviertel ausgerechnet die beiden phallischsten Bestandteile der Vorlage fehlen – das lasse ich jetzt einfach mal so stehen. Und komme zu einem weiteren 4000-Werk, das bei der Ausstellung zu sehen, aber nicht mehr zu erwerben ist; eines, das diesmal nicht der Sphäre der Mal-, sondern der Konzeptkunst zugeordnet werden muss: ein nach ordnungsgemäßem Gebrauch plattgedrückter und danach achtlos entsorgter Plastiktrinkbecher mit Halm, vom Künstler locker schwingend aufgehängt in einem schwarzlackierten Holzrahmen.

4000 gluckst vor Vergnügen, wenn er erzählt, wo er den Becher fand (im unten an der Straße geparkten Autoanhänger eines Nachbarn), woher er den Rahmen hat (aus dem Sperrmüll) und was ihm schließlich ein Ausstellungsbesucher klaglos für all das bezahlte (250 Euro).

Der Mann macht buchstäblich aus Müll Geld. Wobei der Müll erst mal zu einer Idee werden musste, die sich in einem Objekt materialisierte und somit einen bezifferbaren Wert gewann, der sich wiederum erst dadurch verifizieren ließ, dass jemand den entsprechenden Kaufpreis entrichtete.

Aber warum fehlen Baum und Pfahl vorm Tippel II? Das wird noch zu klären sein – demnächst auf dem kurzen Dienstweg von Balkon zu Balkon.





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15 Januar 2020

Buchen Sie mich!


Aufregende Zeiten: erstmals im Berufsleben nicht mehr abhängig beschäftigt, yeah! Morgens nach ausgiebigem Frühstück erst mal zum Sport und in die Sauna, dann ein Siebträgerespresso im Homeoffice … 

Was ich eigentlich damit sagen will: 
Sie können mich buchen. 

Nicht als Industriemechaniker, Barkeeper oder DHL-Boten, aber als Lektor, Korrektor und Autor – Hauptsache, es hat irgendwas mit Texten zu tun. Also mit richtigen Texten – und nichts mit SEO-optimiertem Wörtergerümpel. Aber Korrektur lesen würde ich natürlich auch das (seufz)

Mehr zu meinem Profil und dem, was ich zu bieten habe, gibt es hier.

Anfragen – natürlich auch völlig unverbindliche – gerne per Mail, die Sie oben rechts auf dieser Seite unzulänglich verschlüsselt vorfinden. 

Wir lesen uns!


02 Januar 2020

Fundstücke (241)


Was man nicht so alles entdeckt, wenn man mit Google Maps über St. Pauli fliegt … 

Ich scheine der Erste zu sein, dem das aufgefallen ist, denn es gibt webweit keine weiteren Bildtreffer mit diesem Motiv. 

Was wohl der Vermieter dazu sagt – gehört so was nicht zu den genehmigungspflichtigen baulichen Eingriffen …? ;)

01 Januar 2020

31 Dezember 2019

Ein etwas anderer Silvesterappell (Vol. 15)

Liebe Vertreter der – wie kolportiert wird – intelligentesten Spezies auf diesem Planeten, die Sie momentan noch vollumfänglich bestückt sind,

Ihren Vorgängern habe ich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten mit einem jährlich wiederholten Silvesterappell nahezubringen versucht, wie sie all ihre Gliedmaßen einigermaßen heil durch die Nacht hätten bringen könnten, wenn sie es denn gewollt hätten.

Doch allein: Es fruchtete nie. Keiner der 14 Appelle wirkte. Im Gegenteil: Am Neujahrstag waren die Gazetten voller Meldungen über tragische Verluste an Augen, Fingern, Händen und gar Leben. Ihre Vorgänger hörten also nicht auf mich; dieser traurigen Wahrheit muss ich mich schonungslos stellen.

Deshalb versuche ich es heute einmal anders herum. Ich möchte Sie, die Nachfolger Ihrer Vorgänger, hiermit eindringlich ermuntern, die Lunten Ihrer Böller rücksichtslos zu kupieren – und zwar knapp genug, dass ein Wegrennen nach dem Entzünden unmöglich ist.

Lassen Sie bitte Ihre Raketen im Wohnzimmer steigen, verwenden Sie unbedingt Chinakracher als Zigarren und Feuerräder in unmittelbarer Gardinennähe. Stopfen Sie z. B. den Pyroland-3Klang-Bombenrohr-Glitterflitter der nächstbesten herumstehenden Person ins Dekolletee, und wenn Sie planen, das neue Jahr mit einer scharfen Waffe zu begrüßen – warum nicht in Form eines russischen Roulette mit fünf bestückten Patronenkammern?

Tun Sie das, meine Damen und Herren und Taucher, dann werden Sie überleben, versprochen. Zumindest wenn es stimmt, was ich aus statistischen Gründen als gegeben annehme: dass nämlich dieser traditionelle Silvesterappell der Kontraindikator schlechthin ist. Alles spricht dafür – lesen Sie einfach die entsprechenden Einträge aus den Jahren 2005 bis 2018!

Und jetzt auf in den Kampf, Kameraden! Wir, die Vertreter der – wie kolportiert wird – intelligentesten Spezies auf diesem Planeten, sehen uns im neuen Jahr. Diesmal aber wirklich.

Foto: Gruppe anschlaege.de


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25 Dezember 2019

Weihnachten auf dem Kiez


Weihnachten: die einzigen Tage im Jahr, an denen auf St. Pauli die freien Parkplätze (Foto) im gleichen Maße zunehmen wie die Zahl hackedichter Rumkrakeeler sinkt. Und die auf einmal touristenfreie Reeperbahn wird zur alleinigen Domäne der Heimat- und Obdachlosen. 

Weihnachten auf dem Kiez: Ja, das hat was. Alle Jahre wieder.