04 Januar 2022

Fundstücke (255)

Es wäre zu schön gewesen, hätte sich das neue asiatische Restaurant Red Bowl auf der Reeperbahn einfach gedacht: Lassen wir bei der „Nudel Box“ doch mal das l weg, und schon sind wir im Rotlichtviertel angekommen. Aber leider hat wohl nur irgendein Spaßvogel an der Tafel rumgewischt. Ich war’s nicht, ich schwör.

02 Januar 2022

Fundstücke (254)


Auf St. Pauli ist eben alles heiß, sogar die Kaltgetränke.

Entdeckt im Schaufenster des Pyjama an der Reeperbahn.

31 Dezember 2021

Der 17. offene Brief zu Silvester

Liebe diesjährige Bewerber um den Darwin-Award,

wie bereits im vergangenen Jahr, so kooperiere ich auch heuer bei meinem annualen Appell, von der silvesterüblichen Selbstverstümmelung abzusehen, mit der Bundesregierung. 

Die Ampelkoalition zeigte sich in den vergangenen Wochen erfreulich offen für meinen Vorschlag, einfach den Verkauf von Böllern zu verbieten, statt auf etwas zu setzen, was bereits in den vergangenen sechzehn Jahren jeweils durch erschütternde Abwesenheit glänzte: Ihr gesunder Menschenverstand.

Doch was müssen wir, die Bundesregierung und ich, aus den Nachrichten hören? Sie fahren einfach trotzig nach Belgien und Holland, um sich dann halt eben dort mit suizidalen Materialien sonder Zahl einzudecken. Denn Ihre verdammte verfassungsgarantierte Freiheit, sich mit Böllern, Raketen und Chinakrachern die Hör- und Sehkraft, Finger, Zehen und Eier zu atomisieren, ist Ihnen nun mal heilig.

Okay, das habe ich verstanden. Gleichwohl möchte ich Sie – wie immer seit 2005 – natürlich auch in diesem Jahr pflichtgemäß bitten, von Ihrem Vorhaben abzusehen. Wäre es nicht einmal – nur einmal! – eine ernsthafte Überlegung wert, Ihrer zugegebenermaßen schwergängigen IQ-Maschine ein Tröpfchen Schmieröl zu spendieren und so zu dem simplen Entschluss zu gelangen: Diesmal reserviere ich mir aber mal keinen Platz auf der Intensivstation?

Ich weiß, dieser Gedankengang erstaunt Sie bass. Darauf sind Sie noch gar nicht gekommen. Das hätte man Ihnen auch einfach mal sagen können. Aber jetzt wissen Sie es ja. Morgen in den Nachrichten werden Sie deshalb dank der Lektüre dieses Textes gar nicht vorkommen. Und das Beste: Sie nehmen keinem Ungeimpften das Intensivbett weg! 

Dafür schon jetzt herzlichen Dank. Kontrollieren werde ich das natürlich trotzdem. Morgen in den Nachrichten. 

PS: Alle Silvesterappelle gibt es unter dem Etikett „Silvester“ oder hier.

Foto: Gruppe anschlaege.de



Die gemütlichsten Ecken Deutschlands (172)


Gestern am Südstrand von Großenbrode, Ostsee.


27 Dezember 2021

Kalauer (16–18)



Still und heimlich mausert sich das nur scheinbar provinzielle hessische Herborn zur Kalauerhauptstadt Deutschlands. Hier drei Beweise, die mir heute unterkamen, ohne dass ich danach gesucht hätte.

Diese Zufallsfunde sprechen für weitere Vorkommen, die es alsbald zu entdecken gilt. Wir bleiben dran.

30 November 2021

Warum?

An der Fußgängerampel Mitte der Reeperbahn ist uns Fußgängern neuerdings das Überqueren der Straße qua Verbotsschild untersagt, auch bei Grün. 

Und wir, die wir die Reeperbahn nur allzu gerne weiterhin passieren würden und zu diesem Behufe mithilfe der tadellos funktionierenden Bettelampel auch den gesamten Verkehr auf einer der wichtigsten vierspurigen Straßen dieser Stadt einfach so stoppen können, dann aber doch nicht losgehen dürfen, wir fragen uns: 

Warum?

Thesen, Theorien und absurde Gedanken gern in den Kommentaren.

28 November 2021

Die böse Fee


„Wenn du drei Wünsche frei hättest“, sagte die gute Fee (zu dem Zeitpunkt dachte ich noch, es sei eine gute), „welche wären das?“

Ich musste nicht lange nachdenken.

„Gesundheit, Reichtum, Schönheit, in dieser Reihenfolge. Haben wir einen Deal?“
„Haben wir“, sagte die gute Fee. „Aber zu meinen Bedingungen.“
„Lass mich raten: Obergrenze beim Reichtum?“, scherzte ich.
„Nein. Aber ich behalte mir offen, ob ich dir alle drei Wünsche erfülle – oder doch nur zwei davon. Den dritten würde ich dann einfach in sein Gegenteil verkehren.“

66,66 Prozent Wunscherfüllung: Das klang doch immer noch höchst passabel. Bis ich das Ganze etwas tiefer durchdachte. Denn es könnte ja sein, dass ich a) zwar kerngesund und reich wie Bezos über die Erde schritte, dies aber als Mix aus Quasimodo und Elefantenmensch, bei dessen Anblick sogar Davidstraßenhuren schreiend davonliefen, selbst wenn ich mit 10.000-Euro-Scheinen wedelte.

Oder ich begänne mein neues Leben b) als Fantastilliardär mit dem Look des jungen Robert Redford, aber mit Lepra. Bliebe schließlich noch Variante c): ein vor Vitalität strotzendes Supermodel, das leider unter Brücken schlafen muss.

Hm.

„Dürfte ich denn denn eventuell“, fragte ich die gute Fee, „die Option ,vor Vitalität strotzendes Supermodel, das leider unter Brücken schlafen muss’ anklicken?“ Wenn ja, dachte ich insgeheim, dann wäre es mir angesichts meiner dann gegebenen physischen Vorzüge gewiss ein Leichtes, der finanziell prekären Situation zu entfliehen, und sei es nur übergangsweise als reich entlohnter Gespiele einer Blankeneser Witwe.

„Nun“, lächelte die mittelgute Fee, „eine Wahlmöglichkeit des Wünschers sehen die Vertragsbedingungen leider nicht vor. Du musst es schon meiner Lust und Laune überlassen, für welche Kombination ich mich schließlich entscheide. Aber“, fügte sie listig hinzu, „es kann ja auch sein, dass ich dir einfach alle drei Wünsche erfülle, und Schluss. Selbst getestet! Und viel Lob geerntet!“

Die böse Fee lachte glockenhell, was freilich das Alarmglockenbimmeln in meinem Hirn nicht zu übertönen vermochte. Und deshalb tat ich, was getan werden musste: das einzig Richtige.

Verdammt.

PS: Da die Fee sich nicht knipsen lassen wollte, muss ich mit einem nur leidlich passenden Symbolbild arbeiten. Entdeckt auf einer Elbfähre.



27 Oktober 2021

Unter Corona (15): Beim IQ-Test durchgefallen

O Blog, welch eine Brache! Aber es ist ja auch nix los auf St. Pauli. Abgesehen vom inzwischen längst wieder verhallten Lärm der schwarz gekleideten Rostocker Fußballfans vom vergangenen Wochenende.

Deren Intelligenzquotient war nicht nur ablesbar an der rhetorisch feinziselierten und choral vorgetragenen Kritik, die sie an ihrem Zweitligagegner übten („Scheiß-St.-Pauli!“), sondern auch an der Tatsache, dass sie ohne Eintrittskarten angereist waren. Ihr Verein nämlich, der FC Hansa Rostock, hatte das komplette Gästekartenkontingent zurückgegeben, und zwar aus Protest gegen die Unzumutbarkeit der 2-G-Regel, die der FC St. Pauli als Einlassvoraussetzung erlassen hatte.

Ich meine: Da fährst du los in Rostock in dem vollen Bewusstsein, dass du 150 Kilometer weiter in Hamburg mit Ansage gewaltigen Frust schieben wirst, weil du nicht ins Stadion darfst. Das weißt du vorher, und du weißt auch, dass dir dann nichts anderes übrig bleiben wird, als polizeieskortiert durch die Kiezstraßen zu ziehen und hilflos „Scheiß-St.-Pauli!“ zu brüllen.

Was treibt solche Leute an? Wie muss man sich ihre Prioritätensetzung im Leben vorstellen? Wen konnten sie mit ihrem überschaubaren Liebreiz zu einer romantischen Beziehung überreden? Wer nennt sie Schatz oder Papa?

Nein, das Universum hat es wirklich nicht leicht mit uns Menschen. Das gilt auch im Hinblick auf Corona. Diese Pandemie kommt mir immer mehr vor wie ein groß angelegter Intelligenztest. Und leider bestehen ihn manche nicht. Sie fallen sogar krachend durch, manchmal sogar mit letalen Folgen.

Ob diesbezüglich die Rostocker Fußballfans vom Wochenende beim Pandemie-IQ-Test im oberen Drittel abschneiden, wage ich zu bezweifeln. Masken habe ich jedenfalls keine gesehen in diesem dicht gepackten Block von ungefähr 200 Chorsängern. Aber wenn ihr eigener Verein gleichsam offiziell gegen eine Maßnahme zur Pandemieeindämmung protestiert, kann man es ihnen vielleicht nicht mal übelnehmen.

Jetzt sind sie jedenfalls wieder weg, zurück in Rostock. Dank der Fahrtkosten etwas ärmer, aber um keinerlei Erlebnis reicher. Mit Ansage.

O IQ, welch eine Brache!



28 September 2021

Die gemütlichsten Ecken Hamburgs (169)





Ambitionierte Quellwolken über der Elbe vor Blankenese.
Fotografiert heute Nachmittag an Bord der Fähre 62 Richtung Finkenwerder.


26 September 2021

Kant und Gammelfleisch

Was ich heute Morgen in meinem Fahrradkorb vorfand (und vor Ärger und Abscheu leider vergaß zu fotografieren), war folgendes Ensemble an Dingen, die vorher, beim Abstellen, noch nicht dort waren und dort auch keinesfalls hingehören:

 

– eine Edeka-Broschüre

– eine Burgerverpackung aus Styropor (zum Glück leer)

– eine zusammengeknüllte graubraune Papierserviette (stark gebraucht)

– ein mit Reis beflocktes handtellergroßes Stück Gammelfleisch, nasen- und augenscheinlich Lamm, sowie

– ein abgelutschter Eis-am-Stiel-Stiel mit halb eingetrockneten Vanilleeisspuren.

 

Ganz abgesehen davon, dass diese Kollektion keineswegs auf einen kulinarisch verfeinerten Geschmack ihres Schöpfers und Spenders hindeutet: Allem Anschein nach vermochte er auch im entscheidenden Moment nicht mehr den kategorischen Imperativ Immanuel Kants zu memorieren, der ihm anderenfalls in den Arm gefallen wäre mit der Erwägung, etwas am besten keinesfalls zu tun, sofern es – wenn es alle Erdbewohner täten – diese Welt nicht zu einem besseren Ort machen würde.

 

Also hieß es heute Morgen vorm obligaten Brötchenholen erst einmal spitzfingrig sauber machen. Was jetzt noch auf dem Drahtgittergeflecht des Fahrradkorbs verblieben ist, sind schwer zu entfernende Reisreste. Diesbezüglich hoffe ich auf unsere verlässlichsten Kumpel, die Mikroorganismen, welche in den nächsten Wochen (wahrscheinlich eher Monaten) doch bitte segensreich wirken mögen, danke schön vorab.

 

Ich befürchte allerdings, auch im kommenden Frühjahr dort im Korb noch Spuren mumifizierter Reiskörner vorzufinden. Und alles nur, weil irgendein Absolvent des gerade zu Ende gegangenen Reeperbahnfestivals im entscheidenden Moment ausnahmsweise mal nicht an einen unserer größten Philosophen gedacht hat.

 

Aber beim nächsten Mal wieder, da bin ich mir doch sehr, sehr sicher.


PS: Das Foto zeigt den Eingang der S-Bahnstation Reeperbahn, und zwar deshalb, weil ich, wie gesagt, den kontaminierten Fahrradkorb aus Ärger und Abscheu zu fotografieren vergaß.



24 September 2021

Die langweilige Katastrophe






Die App Katwarn hat sich für uns Kiezbewohner schon mehrfach als äußerst nützlich erwiesen. Zum Beispiel, wenn auf St. Pauli mal wieder eine scharfe Weltkriegsbombe entdeckt wurde, die sich nach einer missmutig ertragenen rund achtzigjährigen Zwangspause danach verzehrt, endlich doch noch ihrem Sinn und Zweck nachkommen und unser Viertel endlich nachhaltig verwüsten zu dürfen.

Allerdings ist die Lage nicht immer so ernst, wenn es Ping macht und Katwarn aufgeregt den Finger hebt. Gestern zum Beispiel warnte uns die App wieder einmal vor einer Sturmflut, und das klingt nach den Erfahrungen von anno neunzehnhundertzweiundsechzig (die Geburtsstunde des Mythos Helmut Schmidt) erst einmal nicht unbedrohlich. Die heutige Sturmflut sollte mit drei Meter neunzig über Normalhöhe Hamburg heimsuchen, doch anders als dereinst ist das Einzige, was eine solche Meldung bei eingesessenen Hafenanrainern hervorruft, das gelangweilte Heben einer bis anderthalb Augenbrauen. Und mehr ist die Meldung auch nicht wert.

Zugezogene wie ich lassen sich allenfalls dazu herab, den Termin des Scheitelpunkts der Welle zu ermitteln (gestern war er für 19:09 Uhr angekündigt), seufzend das Smartphone einzustecken, gemütlich zum Fischmarkt zu radeln und dort pflichtgemäß zu dokumentieren, wie Elbwasser träg über die Waterkant schwappt, Vorschulkinder in rosa Overalls durch Pfützen hüpfen, Abendstimmung sich über der wassersatten Elbe breitmacht – und wie diverse andere Fotografen und -innnen, die ebenfalls gemütlich zum Fischmarkt gepilgert sind, all das ebenfalls dokumentieren.

Kurzum: Eine Sturmflut ist hier am Hafen – trotz des aufgeregten Pings der Katwarn-App – längst keine Katastrophe mehr, sondern allenfalls Anlass eines Verdauungsspaziergangs nach dem Dinner.

Quod erat demonstrandum in der der heutigen kleinen Bilderstrecke.







18 September 2021

Bloggeburtstag Nr. 16


Wie im vergangenen Jahr bin ich auch diesmal erschütternd säumig, was meine Selbstgratulation zum Bloggeburtstag angeht. Na ja, das sechzehnte Wiegenfest ist nun einmal kein rundes, da darf man eher schon mal patzen.

Die oben zu sehende Statistik zu den Besucherzahlen reicht nur eine Dekade zurück, zeigt aber mit beschämender Konsequenz einen seit zwei Jahren anhaltenden Absturz. Wer als Blogger allerdings auch nur noch zwei oder drei Texte pro Monat veröffentlicht, darf sich keinesfalls wundern, wenn selbst ein dir noch so wohlgesinntes Webvolk sich kopfschüttelnd abwendet – oder zwischen zwei Beiträgen einfach vergisst, dass dieses Blog überhaupt existiert.

Jedoch scheint auch Google die Messmethode verändert zu haben, denn von einem Tag auf den anderen halbierten sich die Werte, und kein Mensch weiß, warum, ich am allerwenigsten. Vielleicht verübelt Google es mir auch, dass es hier vergebens nach einer Suchmaschinenoptimierung oder Werbeplätzen gesucht hat.

Einstweilen verabschiede ich mich gleichwohl mit der Aussicht auf Bloggeburtstag Nummer siebzehn, und bis dahin wird hier auch noch der ein oder andere Artikel zu lesen sein.

Ich schwör.

PS: Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass der neu angeschaffte Fahrradständer genau zwei Tage am Rad verblieb, ehe auch der mir wieder abgeschnitten wurde? Dann wissen Sie es jetzt.



07 August 2021

Die gemütlichsten Ecken St. Paulis (167)


Immer wenn ich durch den Alten Elbtunnel laufe, 
bin ich mir der 24 Meter hohen Wassersäule über meinem Kopf bewusst. 

Manchmal ein wenig zu sehr.


06 August 2021

Der Charaktertest

Im letzten Beitrag mit dem Titel „Und wieder ist ein Ständer weg“ informierte ich Sie und die staunende Welt über den erneuten Verlust meines Fahrradständers, den wohl jemand mit seit Jahren nicht stillbaren Kastrationsfantasien zu verantworten hat – gerade auf St. Pauli eine sehr kontraproduktive Störung.

Statt mir nun einen neuen Ständer zu besorgen, der alsbald wieder abgesägt würde, wie ein Blick in meine unbestechliche Glaskugel verriet, entschied ich mich zu einer Bastelstunde. Im Mittelpunkt: ein alter hölzerner Kochlöffel und eine Rolle Isolierband. Eine halbe Stunde später sah die Lage so aus wie auf dem Foto.

Allerdings spielte die Physik nicht mit. Zum einen war der Löffel etwas kurz, zum andern war er mit dem Bordmittel Isolierband nicht derart fixierbar, dass er davon abgehalten werden konnte, immer wieder zeitlupenhaft wegzuknicken. Meine Konstruktion war also nicht mal annähernd in der Lage, die selbstverständliche, mühelose Funktionalität des abgesägten Ständers auch nur vage zu imitieren. Immerhin kann ich mich seither wenigstens in der Gewissheit sonnen, weltweit der wohl einzige Radbesitzer von ganz St. Pauli zu sein, dessen Gefährt über einen ausklappbaren Kochlöffel verfügt.

Das Ganze bleibt also zunächst einmal unbehoben, deshalb widmen wir uns lieber Ms. Columbos Fahrrad, dessen Benutzung sie schon seit Langem aus Gründen, die hier nicht weiter von Belang sind, verschmäht. Seit Jahren fristet es in Ermangelung eines wettersicheren Unterstandes ein tristes Dasein auf unserem Balkon, mit allen Nachteilen, die Ero- und Korrosion so mit sich bringen.

Schon vorher war das Rad in einem Zustand, der mit „renovierungsbedürftig“ nur beschönigend beschrieben wäre. Eine der beiden Handbremsen ließ sich überhaupt nicht mehr zu einer Bewegung überreden, die andere zwar schon, indes zeigte sie keinerlei Wirkung. Die Lampen gingen weder vorn noch hinten, den Reifen gebrach es an Luft, das ganze Ding war ein einziges großes Elend. Und dann kamen auch noch die langen, einsamen Jahre auf dem Balkon hinzu, die Unbill wechselnder Jahreszeiten mit Regen, Frost und Hitzebrut, die den stetig herabrieselnden Großstadtdreck in gemeinschaftlicher Anstrengung zu einer bockelharten Schicht verbuken, deren Entfernung man nur noch einem Sandstrahler zutraute.

Die Frage war also: Was tun mit dieser Radruine? Sie weiter auf dem Balkon Platz beanspruchen zu lassen, während sie sehr, sehr langsam den Gang alles Irdischen ging, schien nicht mehr tragbar. Doch um sie zum Beispiel in den Stand eines Ersatzrades für mich zu versetzen, hätte ich gewiss 200 Euro – und damit weit mehr als den Restwert – in die Hand nehmen und sie zu einem die Hände über dem Kopf zusammenschlagenden Fachmann schleppen müssen – nur um das Rad nach Instandsetzung erneut auf dem Balkon den fatalen Folgen von Ero- und Korrosion auszusetzen. Und für 200 Euro habe ich ehrlich gesagt auf dem Flohmarkt schon Gebrauchträder gekauft, die sich drei Jahre lang weitgehend beschwerdefrei fahren ließen (ehe sie mir wieder geklaut wurden).

Nein, eine Rundumreparatur schied aus. In Absprache mit der Eigentümerin entschloss ich mich stattdessen zu einem Charaktertest der Nachbarschaft: Ich stellte das Fahrrad unten auf den Gehweg zu all den anderen dort versammelten Artgenossen – allerdings ohne es am Geländer festzuketten.

Was würde geschehen? Wie lange bliebe es wohl ungeklaut dort stehen in all seiner Verletzlichkeit? Würde jemand bei diesem Haufen Schrott überhaupt noch zugreifen? Und wenn ja, wie viel Zeit würde vergehen, bis sich ein GEWISSENLOSES RIESENARSCHLOCH OHNE WÜRDE, ERZIEHUNG UND RESTMORAL seiner bemächtigte?

Nun, es waren knapp 24 Stunden.

Ich finde, damit hat der Kiez den Charaktertest klar bestanden. 
Denn es hätten ja auch nur zwei Stunden sein können.

PS: Mein Kochlöffel ist übrigens immer noch dran. Weiß auch nicht, was da los ist. 



12 Juli 2021

Und wieder ist ein Ständer weg

Seit Jahren schnürt jemand durch St. Pauli und schneidet Fahrradständer ab. Natürlich ist es keineswegs sicher, dass es sich immer um dieselbe Person handelt, doch ich kann mir nur schwer vorstellen, dass diese selten anzutreffende Geistesstörung auf so kleinem Raum gleich zweimal vorkommt.

Nehmen wir also an, es handele sich um ein und dieselbe Person. Was wissen wir über sie? Sie sägt Fahrradständer ab, sodass sie unbrauchbar werden. Manchmal lässt sie das abgeschnittene Ende achtlos liegen, manchmal nimmt sie es mit. Handelt es sich bei dieser Störung um Penisneid im Freud’schen Sinne, der sich in einem Akt stellvertretender Kastration Linderung verschafft?

In diesem Fall hätten wir es möglicherweise mit einer Frau zu tun. Einer gefährlichen Frau. Denn vielleicht genügt ihr irgendwann kein Fahrradständer mehr. Sofern sie über einen Lebensgefährten verfügt, wünsche ich ihm alles erdenklich Gute. Und ein abschließbares Einzelschlafzimmer.

Mir hat diese Person bereits schätzungsweise viermal den Fahrradständer abgeschnitten. Ich hätte eine Strichliste führen sollen, dann könnte ich jetzt Genaueres sagen. In meinem letzten längeren Eintrag zu diesem lästigen Thema hatte ich um anonyme Informationen über die Motivlage gebeten, doch hat sich leider bisher niemand dazu bemüßigt gefühlt. 

Eine ebenfalls im erwähnten Blogtext von 2018 vorgestellte These halte ich übrigens für unplausibel. Dort hieß es, Ständerabsäger nutzten die abgesägten Reste zum Aufhebeln der Schlösser, um danach mit dem ganzen Rad vondannen fahren zu können. Aber mal im Ernst: Wenn ich losziehe, um Fahrradschlösser zu knacken, dann nehme ich mir doch entsprechendes Werkzeug mit, welches seine Praxistauglichkeit bereits im realen Einsatz nachgewiesen hat. Ein frisch abgeschnittener Alustummel wird damit doch nicht mithalten können und gewiss jede konstruktive Mitarbeit verweigern.

Wie auch immer: Motivationslage und Geschlecht der handelnden Person bleiben vorerst weiter im Dunkeln. Vielleicht lässt sie sich ja diesmal zu einem erhellenden Statement in den Kommentaren herab. Es interessiert mich wirklich!




28 Juni 2021

Die Frage ist nicht ob, sondern wann


Die Fassade gegenüber ist frisch gestrichen worden, gestern haben sie das Gerüst abgebaut. Heißt: Graffitischmiererei in drei, zwei, eins …

Mehr in aller Bälde.