24 April 2024

Der Fernsehsessel des Schreckens

Von: Matt Wagner
An: XXX-Möbelservice

Guten Tag, Herr M.,

meine Mutter (Kundennummer: 71844XX) hat mich gebeten, Ihnen diese Mail zu schreiben. Der Grund: Sie ist sehr unglücklich mit der Haltbarkeit des bei Ihnen erworbenen Fernsehsessels, und das möchte sie gerne kundtun.

Nachdem das Möbel bereits ein Jahr nach dem Kauf Zerfallserscheinungen zeigte, haben Sie es damals freundlicherweise und mit allen Anzeichen des Bedauerns ausgetauscht. Dafür war meine Mutter auch sehr dankbar. Allerdings zeigte auch das Ersatzteil bereits nach kurzer Zeit größere Schwächen, die sich mittlerweile zu derart ernsthaften Mängeln ausgewachsen haben, dass der Sessel nicht mehr benutzbar ist. Die beigefügten Beispielfotos, die ich beim letzten Besuch anfertigen konnte, sprechen eine erschütternd deutliche Sprache.

Meine Mutter stört sich vor allem an der kurzen Lebensdauer des Fernsehsessels, die nur mit erheblichen Mängeln bei der Verarbeitungsqualität zu erklären sind. Mein Eindruck, das sage ich ganz unverhohlen, ist derselbe. Überall bröckelt und fasert es, Risse tun sich auf, Spalten klaffen, Schrauben fallen unmotiviert aus dem Möbel, und zu allem Überfluss haben dessen Rollen auch noch den Linoleumbelag im Wohnzimmer großflächig zerstört. Auch das dokumentiert eines der Fotos.

Ein derartiger Totalschaden ist mir nach nur gut dreijährigem Gebrauch wirklich noch nicht untergekommen – und meine Mutter, eine Dame von über 80, ist ehrlich gesagt nicht gerade eine Vandalin, die Fernsehsesselweitwurf als Freitzeitbeschäftigung betreibt.

Nein, dieses Möbelstück verkraftet selbst die ganz normale Benutzung durch eine hochbetagte Rentnerin nur für eine bedrückend kurze Zeitspanne. Man sollte doch wirklich einen fast 500 Euro teuren Fernsehsessel nicht alle drei Jahre austauschen müssen, selbst wenn er nur mit Kunstleder bezogen ist, es sich also wahrscheinlich nicht um Ihr Super-duper-Spitzenmodell handelt, oder?

Natürlich weiß meine Mutter, dass all Ihre Garantie- und Gewährleistungsfristen sich längst verflüchtigt haben. Aber es ist ihr wichtig, Sie an ihrem Unmut teilhaben zu lassen. Und ich kann ihr da nur beipflichten: Ein Möbelstück aus Ihrem Laden sollte sich nicht binnen kurzer 36 Monate unter einem gleichsam auflösen, obwohl man einfach nur jeden Tag darauf sitzt und „Wer weiß denn so was?“ guckt.

Mit freundlichen Grüßen
i. A. Matt Wagner

Von: XXX-Möbelservice
An: Matt Wagner

Sehr geehrte Kundin, sehr geehrter Kunde,

vielen Dank für Ihre E-Mail, die wir Ihnen hiermit zunächst einmal automatisch bestätigen möchten.

In Kürze erhalten Sie eine persönliche Antwort auf Ihre Anfrage. Bis dahin bitten wir Sie um etwas Geduld und danken Ihnen schon im Voraus für Ihr Verständnis.

Sofern Sie einen Vertrag widerrufen haben, bestätigen wir mit dieser E-Mail den Eingang des Widerrufs.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr
XXX-Möbelservice

Von: Matt Wagner
An: XXX-Möbelservice

Guten Tag,

meine Mutter hat sich erkundigt, wie Sie auf ihre traurigen Erfahrungen mit dem Fernsehsessel reagiert haben, und ich musste ihr leider mitteilen: bisher nur mit einer automatischen Eingangsbestätigung.

Das ist nun bereits mehr als zwei Wochen her, aber ich bin sicher, dass Sie noch reagieren werden. Mit dieser optimistischen Prognose habe ich auch meine Mutter vertröstet.

Vielen Dank vorab für Ihre Mühe.

Mit freundlichen Grüßen
Matt Wagner

Von: XXX-Möbelservice
An: Matt Wagner

Sehr geehrter Herr Wagner,

bitte entschuldigen Sie zunächst unsere pandemiebedingte späte Reaktion.

Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass der Gewährleistungsanspruch von 24 Monaten bereits verstrichen ist und wir die Reklamation nicht anerkennen können.

Gerne können wir einen Sachverständigen mit der Begutachtung und eventuellen Reparatur der Ware beauftragen. Wir bitten aber um Verständnis dafür, dass wir Ihnen die Kosten von Euro 150,00 in Rechnung stellen.

Bitte geben Sie uns schriftlich Bescheid, ob Sie mit dem Besuch des Außendienstmitarbeiters unter den genannten Bedingungen einverstanden sind. Einen anderen Vorschlag können wir leider nicht unterbreiten.

Für Ihr Verständnis danke ich und wünsche einen schönen Tag.

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Viele Grüße
Ch. H.
- Möbelkundenservice –

Von: Matt Wagner
An: XXX-Möbelservice

Sehr geehrte Frau H.,

vielen Dank für Ihre Mail, über die ich mich gefreut habe. Zwar weniger über den Inhalt als über die Tatsache, dass Sie doch noch geantwortet haben. Die Umstände sind aber auch besondere, das ist nachvollziehbar.

Wie ich bereits in meinen vorangegangenen Mails geschildert habe, handelt es sich bei dem Fernsehsessel um einen Totalschaden. Das ist auch ohne einen Besuch Ihres Außendienstmitarbeiters unzweifelhaft. Deshalb wären die 150 Euro leider rausgeschmissenes Geld. Es braucht also zwecks Inaugenscheinnahme oder gar Reparatur niemand von Ihnen zu kommen, wirklich nicht.

Aber: Wenn Sie den Sessel kostenlos abholen und entsorgen könnten, wäre das etwas, gegen das sich meine Mutter keinesfalls wehren würde. Denn das wuchtige Möbel beansprucht natürlich trotz seiner völligen Funktionslosigkeit viel Raum, der so nicht anderweitig nutzbar ist. Ihren hauseigenen Qualitätskontrolleuren hingegen würde die Sesselruine mit Sicherheit wertvolle Erkenntnisse über die zahlreichen Schwachstellen der Konstruktion liefern, wovon künftige Fernsehsesselgenerationen enorm profitieren könnten.

Wäre das nicht der versöhnliche Abschluss einer doch recht unerfreulichen Geschichte, die meiner Mutter viele Fernsehabende verdorben hat? Für Terminvorschläge, die ich dann mit ihr abstimmen würde, bin ich jederzeit offen.

Ich bin guter Dinge, dass Sie diesem – wie ich finde – salomonischen Vorschlag zustimmen, und grüße Sie hiermit herzlich.

Ihr
Matt Wagner

Von: XXX-Möbelservice
An: Matt Wagner

Sehr geehrter Herr Wagner,

gut, dass Sie sich melden.

Bei Bestellung von Polstermöbeln, welche durch ein Speditionsunternehmen ausgeliefert werden, kann die Abholung und Entsorgung von Alt-Polstermöbeln beauftragt werden. Die Kosten hierfür betragen 75,00 EUR pro Abholungsstück.

Bitte beachten Sie, dass eine Entsorgung von dem alten Sessel ohne Neubestellung nicht möglich ist.

Für weitere Fragen bin ich gerne für Sie da! Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

Viele Grüße aus P.

Ihre
Ch. H.
- Möbelkundenservice –

Von: Matt Wagner
An: XXX-Möbelservice

Sehr geehrte Frau H.,

nach unserer bestürzend fruchtlosen Konversation in den vergangenen Monaten habe ich meiner Mutter nun geraten, beim Ersatz für ihren ruinierten Fernsehsessel auf das möglicherweise verlässlichere Produkt einer beliebigen anderen Lieferfirma zu setzen. Hauptsache, nicht von Ihnen.

Ich hoffe und nehme stark an, Sie können das nachvollziehen.

Freundliche Grüße
Matt Wagner


(Seitdem Funkstille)

PS: Diese Korrespondenz liegt schon etwas zurück, deshalb die Bemerkungen zur Pandemie. Meine Mutter hat längst einen neuen Fernsehsessel. Und er zerfällt nicht!


7 Kommentare:

  1. J. Straßgütl25.04.24, 14:22

    Hatte der Preis seinen Preis?

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  2. Tja, für 500 € bekommt man nun mal in der Regel nur so einen Schrottsessel. Auch hier bewahrheitet sich der Satz eines leider schon verstorbenen Freundes (seines Zeichens Fensterbauer, tut hier aber nichts zur Sache, warum schreibe ich
    es dann?): Wer billig kauft, kauft zweimal.

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  3. Es gibt ja den Ausspruch „ Ein Satz mit X, das war wohl nix“. Und dieses Unternehmen trägt das X gleich dreimal im Namen…

    Wir haben auch so unsere Erfahrung mit dieser Firma gemacht im letzten Jahr. Kaum eine Lieferung ist heil und fehlerfrei eingetroffen. Schlecht verpackt, schlecht vor gebohrt, Schrauben fehlten, schief geklebt, usw. Allerdings fiel die Reklamation dann immer noch unter Garantie, und da hat sich XXXLutz durchaus kulant gezeigt. Es gab finanzielles Entgegenkommen. An einem Gutschein für den nächsten Einkauf wäre ich da allerdings auch nicht so interessiert. Man muss schon gutes Werkzeug zu Hause haben, um all diese Fehler abzuarbeiten!
    Das nützt allerdings im Falle des Sessels Ihrer Mutter ja auch nichts mehr. Da hilft kein Werkzeug, und mit Kulanz können Sie da wohl auch nicht mehr rechnen. Kopf hoch, und anderswo einkaufen!

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    1. Es handelt sich NICHT um die von Ihnen erwähnte Firma.

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    2. Oh, hätte glatt gepasst!

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