25 Januar 2015

Mein erstes und letztes Interview mit Edgar Froese

Schon wieder geht es hier nicht um den Kiez, sondern um Musik, leider. Denn am 20. Januar ist, wie gestern bekannt wurde, einer meiner großen musikalischen Helden gestorben: Edgar Froese, Kopf, Gitarrist und Keyboarder der Berliner Elektroniklegende Tangerine Dream. 
Im vergangenen Frühjahr konnte ich ihn anlässlich der bevorstehenden Deutschlandtour interviewen. Zum Berliner Auftritt bin ich natürlich angereist, denn trotz all meiner Verehrung für die frühe Schaffensphase der Band: Live gesehen hatte ich sie bis dahin nie – was vor allem daran lag, dass sie überall anders Superstarstatus und somit viele Touranlässe hatten, nur in ihrem Heimatland nicht. 
Hier also mein Edgar-Froese-Interview, das im April 2014 in kulturnews gedruckt wurde. In seiner letzten Antwort erwähnt er das „Ende seiner Tage“, aber mit Trotz und Stolz.

Unverkäuflich
Edgar Froeses Band Tangerine Dream ist eine Weltmarke – und beehrt endlich mal wieder die alte Heimat. Ein Interview über Grammys fürs Klo, doofe Labels und den Reiz von Tarantino.

Herr Froese, die herausragenden Vertreter der Berliner Elektronikschule – Sie, Klaus Schulze, Manuel Göttsching – haben Weltgeltung, aber ausgerechnet in Deutschland merkt man davon wenig. Wie sehr fuchst sie das?
Edgar Froese: Es berührt mich überhaupt nicht, da es den Ausgleich gibt, in vielen anderen Teilen der Welt für seine Arbeit geschätzt und respektiert zu werden. Deutschland war und ist für uns eine Erinnerung an die Anfangszeiten einer elektronisch orientierten Rockmusik, nicht mehr und nicht weniger, und das ohne jede Bitterkeit.

Bei den frisch Grammy-gekrönten Kraftwerk ist das anders. Hat die Düsseldorfer Konkurrenz sich einfach besser vermarktet?
Froese: Derartige Vergleiche setzen ein sehr kleinkariertes Konkurrenzdenken voraus, und so etwas ist mir völlig fremd. Es ist doch ein sehr positives Zeichen, wenn Kollegen, die auch in Deutschland musikalische Geschichte geschrieben haben, in anderen Teilen der Welt dafür honoriert werden. Letztlich kommt eine progressive Bewertung neuer Entwicklungen allen Musikern zugute.

In den 90ern wurden jedenfalls auch Sie ständig für Grammys nominiert, allerdings ohne Erfolg. Wäre es Ihnen wichtig, diese Trophäe irgendwann mal mal in der Vitrine stehen zu haben?
Froese: Sollten wir den Grammy eines Tages erhalten, habe ich in einer Ecke meiner hausinternen Badezimmertoilette schon einen Platz reserviert. Bis dahin steht dort eine wunderschöne Donald-Duck-Replika.

Ihre aktuelle „Phaedra Farewell“-Tour greift den Titel Ihres 1974er-Albums auf. Diese Aufnahme bräuchte – wie viele aus der Virgin-Ära – dringend ein weiteres Remastering, welches die Räumlichkeit und Transparenz besser herausarbeitet.
Froese: Vieles, was musikalisch und tontechnisch verbessert werden könnte, liegt in den Händen jener Plattenfirmen, mit denen wir damals unter Vertrag standen. Somit ist es deren Aufgabe, diese Verbesserungen vorzunehmen. Dass diese Firmen durch Unwissenheit und Inkompetenz oft an diesen notwendigen Aufgaben scheitern, darf man uns nicht anlasten.

„Phaedra“ mit seinem fast 18-minütigen Titelstück war 1974 hoch in den britischen Charts, was aus heutiger Sicht unglaublich anmutet. Warum waren Käufer damals offener für Experimente als heute?
Froese: 1974 existierte auf dem Tonträgermarkt nichts Vergleichbares. Dadurch hatten wir es leichter, auf diese neuen Klänge und rhythmischen Strukturen aufmerksam zu machen. Heute arbeitet fast jede Band mit Synthesizern, und es ist schwieriger, bahnbrechend neue Musik kommerziell auszuwerten.

Auch Ihre „Tatort“-Single „Das Mädchen auf der Treppe“ war 1982 in den Hitlisten. Sie sollen das damals als „Betriebsunfall“ bezeichnet und sich entschuldigt haben. Hatten Sie Angst, an Glaubwürdigkeit einzubüßen, wenn Sie plötzlich neben Abba und Nicole gelistet werden?
Froese: Ich habe mich für diese Produktion nie entschuldigt, da es musikalisch genau die Musik war, die in diesem „Tatort“ sinnvoll angelegt war. Dass daraus ein Hit wurde, konnten wir nicht planen, und es war auch nicht vorhersehbar, insofern könnte man es als „Betriebsunfall“ bezeichnen, allerdings mit positiven Nebenerscheinungen.

Insgesamt haben Sie zu über 60 Filmen Soundtracks beigesteuert und mit den größten Regisseuren gearbeitet. Welchen weiteren Namen würden Sie sich gern noch als Kerbe in den Colt ritzen?
Froese: Wir haben keinen Western vertont, deshalb besitze ich für Gravuren dieser Art auch keinen entsprechenden Gegenstand … Wahr ist allerdings, dass fast 16 Jahre für Hollywood musikalisch arbeiten zu dürfen eine unschätzbare Erfahrung bedeutet. Spielberg und Tarantino sind zwei Regisseure, für die zu arbeiten noch äußerst reizvoll wäre.

Sie sind die einzige Konstante bei Tangerine Dream und verwalten sozusagen eine Weltmarke. Wie viel Euro müsste man auf den Tisch legen, um sie Ihnen abzukaufen …?
Froese: Ich war und bin nicht käuflich, und daran wird sich auch bis zum Ende meiner Tage nichts ändern.

Foto: MFP




23 Januar 2015

Pleiten, Pop und Pannen

Im Jahr 2000 erschien ein Album, das bis heute keine deutsche Songwriterin je übertroffen hat. Es heißt „Contact myself“, und getextet, komponiert und geflüstert hat es Katja Werker
Als vorgestern Abend in der Fernsehserie „Marie Brand“ im Hintergrund der Song „Carried the cross“ von jenem Album lief, ist wieder mal ein paar mehr Leuten bewusst geworden, was für eine große unentdeckte Künstlerin da im Ruhrgebiet herumsitzt. Inzwischen finanziert sie ihre Alben über Crowdfunding; mehr dazu demnächst.

Anlässlich dieses kleinen ZDF-Coups von vorgestern Abend fielen mir die Interviews wieder ein, die ich in den vergangenen 15 Jahren mit Katja Werker geführt habe. Und eins davon – genauer gesagt: ein kleines Porträt, das aus einem Interview entstand – soll hier den vom ZDF unfreiwillig ausgelösten kleinen Hype noch ein wenig unterstützen. Es erschien 2008 in der Zeitschrift uMag.

Pleiten, Pop und Pannen

Katja Werker ist die beste deutsche Songwriterin. Und das liegt nicht nur an ihrer Schusseligkeit.

Manche Menschen sind Magneten. Sie ziehen das Unglück an wie ein Honigtopf die Wespe. Der Blumentopf fällt ihnen auf den Kopf. Es ist ihre EC-Karte, die im Automaten stecken bleibt.

Die Hotelbar dämmert vor sich hin. Kaum Gäste, es ist früher Nachmittag. Katja Werker flattert herein wie ein gerupfter Schwan, abgehetzt und atemlos. Schlaff fällt sie in den schweren Ledersessel. Das war mal wieder ein Vormittag! Dabei ging es gut los. Sie war gemütlich shoppen in der Hamburger Innenstadt, mal hier, mal da – und am Ende war ihr Handy weg. Also rollte sie ihre Einkaufstour noch mal von hinten auf, klapperte ein Geschäft nach dem anderen ab, immer ruheloser, immer adrenalingepeitschter.

Das Handy ist ihr wichtig, da sind die Nummern drin von jenen, die sie liebt und mag. Es gibt Menschen, deren Handyadressbuch ist voller. Doch Katja Werker war immer eine Außenseiterin, darin ist sie ausgebildet. „Ich führe ein anderes Leben als 99 Prozent der Frauen, die ich kenne“, wird sie später erzählen, als sie sich etwas erholt hat. Früher litt sie unter diesem Außenseitertum sehr, doch inzwischen gelingt es ihr, es umzudeuten. „Jetzt gestehe ich mir halt zu, Künstlerin zu sein“, sagt sie.

Das Gefühl des Danebenstehens ist aber immer noch da. Im neuen Song „Half of my Way“ singt sie: „The fields are so green/and they’ll always be/no matter which road/I take.“ Die unbekümmerte Welt, die dich nicht braucht: Darin besteht die dauerhafte Verletzung, die Katja Werker mit sich herumträgt. In ihrem dunkel schimmernden Songwriterpop scheint sie immer wieder auf.

Sie sitzt schmal im Ledersessel. Man spürt, wie ihre Herzfrequenz allmählich sinkt. „Einen Cocktail bitte“, sagt sie zum Kellner, „aber alkoholfrei.“

Es gibt dieses unrausrottbare Klischee vom Künstler, der seine Depressionen in Kunst verwandelt – Glück aus dem Unglück sozusagen. Doch wie das so ist mit den Klischees: Sie kommen nicht aus dem Nichts. Es sind geronnene Stereotypen von etwas, das wirklich existiert. Katja Werker wuchs im Pott auf, mitten im Malochermilieu. Ein unglückliches Kind, das sich fremd fühlte unter den anderen Kindern, das sich als Jugendliche in den Alkohol flüchtete, süchtig wurde und obdachlos. Ein Mädchen, das sich schließlich buchstäblich rettete in die Kunst.

Werker schrieb Songs, die wie offene Wunden waren. Später verfasste sie eine erschütternde Autobiografie über ihren Absturz und den seither herrschenden Kampf um die Balance. Sie schrieb immer mehr Songs über Dämonen, Ängste und Träume, und sie singt sie zu Klavier, Gitarren und Elektronika mit einem brüchigen Hauchen, das dir ins Ohr kriecht und vom Unglück flüstert – und das ist für dich das pure Glück.

Katja Werkers Songs lassen dich nicht kalt, auch wenn sie auf dem neuen Album „Dakota“ gefälliger und lauter daherkommen, auch wenn die Sonne nun zaghaft über den Horizont dieser Lieder lugt. Das ist Pop, verdammt, auch wenn es um den „Heartbreak Boulevard“ geht und darum, dass man sein Leben nicht im Laden an der Ecke kaufen kann; man muss es sich erkämpfen, Tag für Tag.

Werker weiß es wahrscheinlich nicht, aber sie ist der Traum jeder Plattenfirma. Sie tüftelt Songs aus, wie sie in Deutschland sonst niemand schreiben kann, zumindest keine Frau. Dann spielt sie die Lieder allein im Heimstudio ein, komplett mit allen Arrangements. „Den ganzen Winter über habe ich im Zimmer gesessen und daran gearbeitet, gegen all die Monster, die links und rechts auftauchten.“ Dann legt sie dem Label das Album auf den Tisch, und die braucht es nur noch zu verkaufen. Von ihrer 2000er CD „Contact myself“ gingen angeblich über 40 000 Einheiten weg – eine Sensation.

Ihr neues Album „Dakota“ ist wärmer, weicher, Werker schreit auch mal. So könnte die größte deutsche Songwriterin glatt noch zum Popstar werden. Komischerweise wäre ihr das sogar recht; sie träumt von einem Auftritt bei der Echoverleihung und hält sich für stabil genug, so was durchzustehen. „Je mehr Erfahrung ich sammle“, hat sie festgestellt, „desto weniger verzweifelt bin ich über das, was passiert. Ich verliere nicht mehr so schnell die Nerven.“

Im ersten Geschäft, das sie betreten hatte – also ganz am Ende ihrer Rückwärtstour –, fand sie schließlich ihr Handy wieder. Doch sie weiß: Bald wird sie das Telefon wieder irgendwo liegen lassen. Sie ist halt so. Damals, in Brüssel, ging gleich ihre ganze Handtasche verloren. Sie saß im Bus auf dem Weg nach England, ihrer Trauminsel, als Trickdiebe zustiegen. „Die haben genau abgecheckt, wen sie beklauen können“, erzählt sie müde. „Und ich war diejenige.“ Natürlich.

Sie könnte jetzt gut ihren alkoholfreien Cocktail gebrauchen.

In der Handtasche waren Tickets, Geld, Handy, alles. England ade, sie musste raus aus dem Bus. Sie zog den Rucksack aus dem Kofferraum und stand alleine da, mittellos und panisch. „Ich bin durch Brüssel gelaufen, habe mich durchgeschnorrt“, erzählt sie. „Ich wollte telefonieren, aber man ließ mich nicht, weil ich so runtergekommen aussah, die Haare schief.“ Wenn Katja Werker redet, schaut sie immer ein wenig erschreckt, wie aufgescheucht. Ihr Blick ist der wachsame, übervorsichtige einer Frau, der schon viel zugestoßen ist und die weiß, dass ihr jeden Moment wieder etwas zustoßen kann.

Über ihrem Ledersessel hängt das Foto einer Hamburger Gebäudeflucht. Alle Linien stürzen symmetrisch hin zur Mitte, das Bild feiert Balance und Geometrie, und darunter sitzt die emotional gerade eher asymmetrische Sängerin. Ein sehr fotogener Kontrast – doch sie will nicht fotografiert werden. „Fotos“, seufzt sie, „sind für mich ein diffiziles Thema.“ Sie schaut sich nach dem Kellner um, doch er ist nirgends zu sehen. „Ich hatte mal eine beginnende Nebenhöhlenentzündung am Ende einer anstrengenden Promotour“, erzählt sie, „und wollte eigentlich nicht fotografiert werden. Es wurde ein grottiges, fürchterliches Bild, ganz schlimm. Und die haben das groß gedruckt – eine halbe Seite in der Tageszeitung!“

Sie schließt die Augen, als könnte sie so die Erinnerung verscheuchen. Auf den offiziellen Pressefotos hat man ihre Augen zentimeterbreit mit Kajal ummalt. Wie Spiegelbilder jener Schatten, die über ihrem Leben liegen.

Der Horror von Brüssel dauerte zwei volle Tage. Und er steigerte sich: Der Rucksack, den sie gegriffen hatte, war nicht ihrer. „Als ich mich umziehen wollte, wunderte ich mich über das Fußballtrikot, die Kamera, die Flasche Wein … bis es mir allmählich dämmerte, dass es der Rucksack meines Hintermanns war. Jetzt hatte ich gar nichts mehr: keine Hose zum Wechseln, keine Unterwäsche, keine Zahnbürste, kein Geld.“

Heute hat sie wenigstens einen Song darüber: „No Ticket back“. Über dem E-Piano schwebt ihre verfremdete, vereinsamte Stimme. Es geht um die Abhängigkeit von Scheinen und Bescheinigungen, ums Verlorengehen in der Fremde. „Die Kruste der Zivilisation ist dünn“, sinniert Katja Werker, „mitten in Europa.“ Sie würde jetzt sehr gern an ihrem Cocktail nippen.

Am Ende hat sie sich in Brüssel einfach in den Bus gesetzt, wie bei einer Sitzblockade. „Ich war seit 48 Stunden wach und hatte immer noch diesen Adrenalinschub durch den Schock. Zum Fahrer habe ich gesagt: ,Entweder Sie geben mir jetzt ein Ticket nach Hause oder ich schreie!‘ Da hat er okay gesagt. Und ich bin nach Hause gefahren.“

Allmählich füllt sich die Hotelbar, das Interview geht zu Ende. Katja Werkers Cocktail ist nicht mehr gekommen.

Es ist das einzige Getränk, das die Bedienung vergessen hat.







16 Januar 2015

Wieder mal Opfer eines Verbrechens


Abhanden gekommen sind uns auf St. Pauli ja schon allerhand Sachen, darunter Fahrräder, Satteltaschen oder ein Auto. Alles ergab aus Sicht der ethisch-moralisch desorientierten Entwender bestimmt irgendeinen Sinn.

Aber wer in Kalle Schwensens Namen kann so belämmert sein, eine vor der Wohnungstür liegende Fußmatte zu klauen …?

Liebe Diebe, ihr müsst jetzt ganz stark sein: Die Fußmatte lag bereits dort, als wir 1996 in diese Wohnung zogen. Wer weiß, wie viele Generationen von Besucherschuhen sie bis dahin schon schmutzaufnehmend umhegt hatte. Seither aber sind weitere 19 Jahre vergangen, ohne dass wir je ernsthaft erwogen hätten, dieser Matte eine Grundreinigung angedeihen zu lassen.

Das merkt man der Matte – wenn Sie, liebe Diebe, das vielleicht noch einmal visuell und olfaktorisch verifizieren mögen – auch recht deutlich an.

Zuletzt erwog ich daher in immer kürzeren Abständen, sie trotz ihrer Meriten durch eine neue zu ersetzen. Allerdings war die genaue Form ihrer Entsorgung noch nicht ganz klar. Bis heute.

Dafür danke. Das Foto zeigt die neue Fußmatte. Bitte liegen lassen, okay? Sie haben ja jetzt eine. Und die funktioniert tadellos!


06 Januar 2015

Fundstücke (199)

Diese Am Grünen Jäger entdeckte Freiluftinstallation ist derart vielfach kodiert und gebrochen, dass jedem voll Durchgegenderten ganz wuschig im Hirn werden muss.

Zum Glück aber gehöre ich nicht zu dieser Volksgruppe, so dass ich die eingegitterte Nackte einfach unter urbaner Kiezästhetik ablegen kann.


31 Dezember 2014

Das übliche nutzlose Gesülze zu Silvester

Wie seit 2006 immer an diesem Tag möchte ich Sie auch jetzt wieder vergebens darum bitten, sich im Zuge der heute Abend anstehenden Geistervertreibungen tunlichst keiner Körperteile zu entledigen, die Sie im kommenden Jahr vielleicht noch gebrauchen können.

Ich weiß auch nicht, warum ich das alljährlich wieder tue, wo mir doch die Nachrichten der nächsten Tage wieder schmerzlich beweisen werden, wie wenig Gewicht meine Stimme hat in dieser Welt. Wahrscheinlich nerve ich Sie damit schon seit Jahren.

Aber ich bin halt ein Zwangscharakter. Allerdings einer, der sie noch alle hat. Also Körperteile.

Foto: Gruppe anschlaege.de

17 Dezember 2014

Arm, aber warm


Früher stand dort mal der an ein Bierglas erinnernde Büroturm der Astra-Brauerei, deswegen hat man das Neubauviertel mitten auf dem Kiez „Brauquartier“ getauft. Allerdings sagt jeder Hamburger „Hä?“, dem man mit diesem einer Werbeagentur entsprungenen Bezeichnung kommt.

Das Zentrum des sogenannten Brauquartiers bildet jedenfalls ein großer Platz nur wenige Dutzend Meter südlich der Reeperbahn. Er wird umsäumt von Aldi, Bäckereien, einer Tierarztpraxis, Büro- und Wohnhäusern und sähe sicher sehr winderzerzaust aus, gäbe es dort irgendetwas außer Glas, Stahl und Steinen.

Gegenüber von Aldi war im Erdgeschoss mal eine Einmannfiliale der Haspa untergebracht. Davon übriggeblieben ist nur noch ein kleiner Raum mit Geldautomat und Kontoauszugsdrucker. Dorthin gehe ich zur Erledigung der entsprechenden Geschäfte weitaus lieber als zu den ungeschützten Außenautomaten auf der Reeperbahn, wo die Huren ihre Freier hinschleppen, wenn die nicht flüssig sind.

Manchmal trifft man in diesem übriggebliebenen Räumchen andere Haspa-Kunden, die ebenfalls Geld oder Auszüge ziehen wollen. Man ignoriert sich still und stumm; schließlich plant man ja etwas sehr Privates, muss es aber leider an einem öffentlichen Ort tun. Das macht die Sache auf sanfte Weise unangenehm, und diese Gefühlslage bewältigt man gewöhnlich mit schweigender Verrichtung.

Als ich heute diesen kleinen Raum im Brauquartier ansteuerte, waren wieder mal Menschen dort drin. Aber keine, die Bankgeschäfte im Sinn hatten. Allem Anschein nach handelte es sich um zwei Obdachlose, denen die Eigenschaften eines beheizten Raums im Winter überzeugende Aufenthaltsargumente geliefert hatten.

Jetzt lagen sie behaglich auf dem Boden herum, der eine neben dem Geldautomaten, der andere neben dem Kontoauszugsdrucker. Wie sie dort hineingelangt waren ohne EC-Karte – deren Besitzwahrscheinlichkeit ich ihnen natürlich nicht gänzlich absprechen möchte, die mir aber recht klein vorkommt –, entzieht sich meiner Kenntnis.

Wahrscheinlich hatten sie eine über Jahre verfeinerte Durchschlüpftechnik angewandt, welche jenem Haspa-Kunden, der unfreiwillig als Türöffner tätig geworden war, durchaus Unbehagen bereitet haben dürfte. Doch das ist Spekulation. Tatsache hingegen: Zwei Männer mit zweifelhafter Körperhygiene lagen zwischen Automaten herum, deren sehr private Nutzung durch mich dadurch augenblicklich verunmöglicht wurde.

Was nun tun? Ich konnte sie wohl kaum hinausexpedieren. Das Hausrecht dort liegt ja bei der Haspa, aber seit sie die Einmannfiliale dichtgemacht und so den Automatenraum jedweder Observation enthoben hat, kriegt die Fehlnutzung durch Obdachlose kein Haspa-Bänker mehr mit.

Aber zur nächsten Filiale gehen und petzen? Auch nicht mein Stil. Zumal es durchaus schäbig gewesen wäre, den beiden Herumliegern das warme Obdach nur deshalb zu entziehen, weil unsereins sich schlecht fühlt beim Ziehen jener Scheinchen, die ihnen für die Anmietung eines privaten warmen Raumes offenkundig fehlen.

Also trollte ich mich geld- und auszugslos – und fotografierte auf dem Weg nach Hause als Übersprungshandlung die ikonografische Kiezkippe. Sie lag in einer Öllache neben der Essohäuserbaustelle. 
 
Vorm Eindringen ins Bankkundenallerheiligste hat sie bestimmt einer der beiden geraucht.

16 Dezember 2014

Fundstücke (198)

Geschnetzeltes vom „Pig“ …? Die Denglischdeppen werden wirklich immer unverfrorener.
Entdeckt in der Clemens-Schultz-Straße, St. Pauli.

11 Dezember 2014

Fundstücke (197)

Manche Bitten wirken derart unmittelbar einsichtig, dass man sie ohne weitere Überlegung beherzigt.
 
Entdeckt im Tierpark Hagenbeck, Stellingen.
 
 

28 November 2014

Unsere Pausen sind lila


Seitdem es in den Zeisehallen das Restaurant Lila Nashorn gibt, landen ich und der Franke mittags immer wieder dort. Wir sind zu Marionetten – nein: eher Sklaven – der dortigen hohen Kochkunst geworden.

Vor einiger Zeit spendierten uns die Betreiber einfach so mal ein Mittagessen, weil wir „immer wiederkommen“. Wahrscheinlich hätten sie das sogar gemacht, wenn sie gewusst hätten, dass wir sowieso immer wiedergekommen wären. Aber jetzt erst recht.

Das Ausgeben eines Mittagessens haben sie inzwischen mit Hilfe von Jetons formalisiert. Pro Essen gibt es einen, wenn man zehn Stück beisammen hat, wird man zum nächsten Lunch eingeladen – und kurioserweise kriegt man dafür auch wieder einen Jeton.

Allerdings habe ich den Verdacht, dass sie das nicht mit jedem machen, sondern nur mit mir und dem Franken. Zumindest rede ich mir das in meinem charakterlich zweifelhaften Bedürfnis, mich geschmeichelt fühlen zu wollen, gerne ein.

Die Küche ist, wie gesagt, von hoher Kunst geprägt, allerdings auch gutbürgerlichen Zuschnitts, will sagen: tierlastig. Da ich mich seit einiger Zeit einer massentierhaltungsnachfragevermeidenden Nahrungszuführung befleißige, das Lila Nashorn aber gleichwohl nie mehr missen möchte, bin ich weitgehend zurückgeworfen auf den zum Glück gloriosen Salatteller mit (hoffentlich keiner Massentierhaltung entspringenden) gebratenen Shrimps.

Ich höre Sie, liebe Veganer und -etarier, vor ihren stationären und mobilen Endgeräten jetzt empört aufjaulen, doch es ist nun mal noch kein Meister vom Himmel gefallen, und ich bin halt noch in der Ausbildung.

Der Franke indes haut sich fröhlich die Rouladenkreationen, Rinderfiletformadibilitäten, Kasselerkunstwerke und Wunderschnitzel rein, als wäre gehobene Hausmannskost ab morgen verboten. (Dabei sind die Grünen doch in der Opposition.)

Apropos Franke: Wenn der mal ein paar Kilo abnehmen wollte, bräuchte er sich nur das Brusthaar zu rasieren. Zum Glück aber ist die Jahreszeit vorbei, in der man Gefahr läuft, hie und da an diese doch recht bedrückende Tatsache erinnert zu werden. Aber das nur nebenbei.

20 November 2014

Anfassen erlaubt, aber schwierig


Kiezweit gibt es ja das freundlich-strenge Prinzip „Nur gucken, nicht anfassen“. In den Tabledancebars und Stripclubs sollte man sich auch tunlichst an diese Prämisse halten, um nicht unversehens von einem stoppelglatzigen Muskelberg, der es hinterher natürlich nicht gewesen ist (wie alle Anwesenden bezeugen können), eine aufs Maul plus Platzverweis zu bekommen.

Dass diese sinnvolle Handlungsanweisung, die lediglich in den Bordellen gegen Entrichtung eines saftigen Obolus außer Kraft gesetzt werden kann, inzwischen aber bis hinunter zum Fischmarkt Geltung beansprucht, war mir bis zum Sonntag neu. Statt der Apfelpos von Tänzerinnen sind hier indes türkische Granatäpfel Gegenstand des Verbots.

Allerdings ist mir selbst das, was das oben abgebildete Schild ausdrücklich erlaubt, partout nicht gelungen. Immer, wenn ich mich den Früchten auf eine Weise intim näherte, die ein Anfassen mit den Augen ermöglicht hätte, kam mir der vegetativ gesteuerte Blinzelreflex dazwischen.

Wer kieztauglich ist, muss eben noch lange nicht fischmarkttauglich sein.

13 November 2014

Pareidolie (101)


Überraschung: was vom Dessert am Ende übrig blieb.
(Es handelt sich um eine Passionsfrucht.)

PS: Eine ganze Galerie gibt es bei der Pareidolie-Tante.

08 November 2014

Zwangsumtausch erfolgreich erfolgt!


Ungefähr zweieinhalb Gründe gibt es Pi mal Daumen für meine Mitgliedschaft in der Partei Die Partei. Zum einen hat mich die Tatsache überzeugt, dass Die Partei immer Recht hat. Nach so etwas habe ich lange gesucht, eigentlich schon seit dem Untergang der DDR.

Zum andern verzichtet Die Partei darauf, säumigen Mitgliedsbeitragszahlern russische Inkassounternehmen auf den Hals zu hetzen, und davon profitiere ich direkt persönlich.

Auch dass mir heute Nachmittag der für mich zuständige Bezirksfürst am Schulterblatt meine mitgebrachte BILD freudig erregt gegen eine wenn auch nicht ganz taufrische Titanic-Ausgabe (das Foto zeigt ein noch älteres und leicht zweckentfremdetes Modell) zwangsumtauschte, finde ich herzallerliebst von meinem Genossen.

Kurz: Ich fühle mich in der Partei Die Partei rundum gut aufgehoben. Sollten Sie auch mal ausprobieren.

07 November 2014

Die präsentierte Zuschauerzahl


Allerhand liegt täglich hier im Viertel auf der Straße herum. Kaugummis, gewisse andere Gummis, Zigarettenschachteln, Kippenstummel, zerknüllte Bierbüchsen. Schnapsleichen, Koksleichen, Ecstasyleichen, echte Leichen. Altpapier, Müllsäcke, Schlüpfer, Handschuhe, Hausschuhe, rahmengenähte Schuhe. Aussortierte, anscheinend noch voll funktionsfähige Toilettenschüsseln. Hundekacke, Möwenkacke, Menschenkacke. 

Aber ein vollständig erhaltenes Kugelfischpräparat findet man auch auf dem Kiez nicht alle Tage. 

Es lag heute Mittag in stacheliger Pracht vor unserem Nachbarhaus, doch ich hatte leider meine Kamera nicht dabei. Und nachmittags, als ich nach Hause kam, war es leider schon wieder weg, wahrscheinlich blowin’ in the wind

Abends im Hoheluftstadion hingegen, wo ich mit @ramses101 und @einheitskanzler der Oberligapartie Viktoria Hamburg gegen Germania Schnelsen beiwohnte (3:1), war ich technisch voll ausgerüstet. Deshalb war es mir auch problemlos möglich, das Moma-taugliche Stilleben „Drei Bier in total labberigen Plastikbechern vor Flutlichtmasten“ herzustellen.

Amateurfußball ist übrigens überaus liebenswert, auch wegen der Ansagen. „Wir bedanken uns bei 271 Zuschauern“, sagte der Stadionsprecher. „Die Zuschauerzahl wird wie immer präsentiert von der Tischlerei Lossau. Der Tischlerei Lossau aus Lokstedt.“

Demnächst wollen wir uns noch mal deutlich weiter nach unten orientieren, Richtung siebte, achte Liga oder so – in der Hoffnung auf noch weitaus rührendere Stadionansagen.

Das alles entscheidende 3:1 in der 88. Minute erzielte übrigens Marius Ebbers. Ein paar St.-Pauli-Fans merken jetzt bestimmt interessiert auf und gehen zum nächsten Victoria-Heimspiel.

Und damit hätte dieser Blogeintrag zur Verbesserung der Welt beigtetragen, denn 271 Zuschauer in der Oberliga, das ist ja wohl ein Witz, und zwar ein schlechter.


31 Oktober 2014

Reif fürs Land?


Eine als „kulinarisch“ bezeichnete Flussreise durch Frankreich bis runter nach Macon wird vor allem von einer Begleiterscheinung geprägt: Wein zu allen Gelegenheiten, derer es denn auch (beinah allzu) viele gibt.

Und ich wäre natürlich ein schlechter Gast unseres Nachbarlandes, wenn ich mich der guten gallischen Sitte des bereits mittags einsetzenden Weinkonsums verweigerte. Zurück in Deutschland musste ich jedenfalls jetzt erst mal abstillen. Sinnvollerweise mit Bier.

Unser Besuch im Abteirestaurant der Kochlegende Paul Bocuse in Mont d’Or markierte in vinologischer Hinsicht übrigens den Höhepunkt, zumindest mengenmäßig. Meine Tischnachbarin, die den mit Zirkuskitsch en gros dekorierten Esstempel vor vielen Jahren schon einmal aufgesucht hatte, versicherte vorfreudig vorab: „Bei Bocuse ist das Glas immer voll.“

Und in der Tat: Eine kaum überschaubare Schar Bocuse’scher Ober wieselte allzeit bienenfleißig durch die Reihen, um der Unzumutbarkeit bereits wieder halbleerer Gläser entschieden und rasch zu begegnen.

Statt betulicher Fahrten über Saône und Rhône sehen wir uns aber schon längst wieder dem hektischen Kiezalltag ausgesetzt. Und mir ist heute erstmals überdeutlich bewusst geworden, was mich an St. Pauli am meisten stört.

Es ist nicht die Hundekacke oder die Wochenendekotze an den Hauswänden, es sind nicht die Irren, Durchgeknallten oder volltrunkenen Vollpfosten, nein:

Es ist die Tatsache, dass ich nie die Straße überqueren kann, ohne erst mal ein Auto vorbeilassen zu müssen.

Vielleicht bin ich doch allmählich reif fürs Land. Oder gleich ein Weingut in Frankreich.

19 Oktober 2014

Fundstücke (196)

Sogar die Sparkasse scheint im Zuge der Finanzkrise einiges an Reputation eingebüßt zu haben.

Entdeckt in der Wohlwillstraße, St. Pauli.

17 Oktober 2014

Kaum zurück, schon wieder weg

Zugegeben: Die beiden letzten Blogeinträge haben zweifellos dazu beigetragen, ein Zerrbild des Tirolers ins kollektive Gedächtnis der Menschheit einzubrennen, und das habe ich nicht gewollt. Der Wirt unseres Gästehauses etwa hielt sich von jeder Ausformung der Adipositas fern. 
 

Stattdessen machte er Witze. Eingedenk der beim St. Johanner Knödelfest durch die Straßen geführten Almkühe augenzwinkerte er beim Frühstück: „Auf der Alm kamma sich lieben/denn im Herbst wird abgetrieben.“ 

 
Auch so was wie Charme hat der Mann. Nachdem wir den Meldezettel abgegeben hatte, kam er hinter uns her gelaufen und monierte das eingetragene Geburtsdatum von Ms. Columbo – das sei gewiss falsch und müsse unzweifelhaft zehn Jahre später liegen. 

Hier dämmerte uns allmählich, welch raffinierter Rhetorik der Tiroler sich notgeboren befleißigen kann und muss, wenn es darum geht, den eigentlich begrenzten Genpool über Jahrhunderte am Brodeln zu halten. 

Doch längst sind wir wieder zurück auf dem Kiez, wo alles beim Alten ist. In der Bar 99 Cent in der Erichstraße zum Beispiel kostet wirklich weiterhin alles nur 99 Cent, sogar der Whiskey. Mit was sie ihn dort heimlich verdünnen, will ich lieber nicht wissen; jedenfalls erhält der Begriff Absturzkneipe dort seine höchste Ausformung.



Auch in der Hamburger Alm auf der Reeperbahn, liebe Touristen, wirbt man ausschließlich mit Getränkeangeboten, obgleich die hier zu sehende Tafel eher davidstraßenübliche Dienstleistungen zu offerieren scheint.

Derweil verabschiedet man auf einem Hausdach am Hafen grillend den Sommer, wie wir unlängst von der Clouds-Dachterrasse aus ungläubig beobachten konnten. Geländer? Netz? Doppelter Boden? Pah: Auf dem Kiez lebt man natürlich standesgemäß wild und gefährlich – und an dieser Grillparty sollte halt niemand teilnehmen, der sich vorher in der Bar 99 Cent einen schwankenden Gang angetrunken hat. Oder gerade dann – um zu zeigen, wie man neben Mietenwahnsinn und Bullenterror auch das überlebt.

Mit diesen halbherzig mahnenden Worten empfehlen wir uns in den nächsten Urlaub. Diesmal geht es – dem Bahnstreik und anderen Widrigkeiten hoffentlich tapfer trotzend – nach Südfrankreich. 

Und wer weiß: Vielleicht stehen hier schon ganz bald völlig klischeefreie Charakterisierungen einer mit dem Tiroler nur sehr weitläufig verwandten, aber mit Sicherheit genauso schrulligen Spezis – nämlich des gemeinen Südfranzosen.

01 Oktober 2014

Tiroler Nachlese – mit Pareidolie Nr. 100!


Wahrscheinlich löst dieses im Zillertal entdeckte Hinweisschild bei Touristen aus dem englischsprachigen Raum kein „Must see“-Gefühl aus – im Gegensatz zum Grab des legendären Skikönigs Toni Sailer. 

Es liegt auf einen traumhaft schönen Kirchhof in Kitzbühel, dessen Anblick man auch Toni Sailer weiterhin wünschen würde. Angenehm sachlich seine Grabinschrift: „Berühmt, beliebt, bescheiden“. Wahrscheinlich stimmt sogar alles davon.






Dieses zornige Steingesicht entdeckte ich auf einem recht mühseligen Bergpfad oberhalb der Baumgrenze. Auch die Alpen können also Pareidolien. Nach über einer Stunde Gekraxel über besagten Pfad und der Bewältigung von mehr als 200 Höhenmetern erreichten wir ächzend den Wildsee, wo wir uns stantepede auf die Holzbänke der dort ansässigen Gastronomie fallen ließen. 

„Haben Sie hier oben eigentlich einen Hubschrauberlandeplatz, oder wie kommen Sie jeden Tag hier rauf und runter?“, fragte ich die etwa 25-jährige Servicekraft. „Zu Fuaß“, sagte sie, „in oaner hoalbe Stund.“

Warum gibt es eigentlich nicht mehr Olympiasieger aus Österreich?



Völlig problemlos kann man in diesem unverkrampften Alpenland übrigens weiterhin einen Kuchen namens „Mohr im Hemd“ bestellen, und keiner guckt komisch. Und der Espresso heißt zu allem Überfluss auch noch „Kleiner Brauner“, und zwar nicht nur in Braunau am Inn, sondern auch in St. Johann.
 
Ebenda erweist der Tiroler sich gendertheoretisch als erfrischend rückständig. Sonderpreise für „Pensionisten und Damen“ auszurufen, traut man sich bei uns nur noch in Hessen aufm Dorf. Na gut, wahrscheinlich auch in Bayern, Franken, Schwaben und sicher auch in Sachsen. Hauptsache aufm Dorf.


Volldeppenapostrophe versuchten wir mit der Reise nach Tirol zuverlässig zu fliehen, doch leider waren sie schon vor uns da. Im deutschsprachigen Europa wächst eben zusammen, was zusammengehört.

Also können wir auch getrost nach St. Pauli zurückkehren. Hiermit geschehen.



20 September 2014

In den Alpen


Der Tiroler gehört zu einem der Korpulenz wohlwollend zugeneigten Bergvolk, welches sich seiner genetischen Disposition nicht im Geringsten schämt, im Gegenteil.

Das Weibchen etwa überbetont das seine Milchdrüsen umgebende Fettdepot mit einem „Dirndl“ genannten Kleidungsstück, welches die damit nordwärts der Taille eingefassten Körperteile sowohl halb freilegt als auch darbietend vorwölbt.

Tirolermännchen hingegen finden es allem Anschein nach behaglich, in müffelnden, aus den Häuten halbverwester Tiere gefertigten halblangen Hosen herzumzulaufen, welche den Blick auf grobbehauene Waden aufs Unschönste freigeben.

Derlei naturgegebene und auf beiderlei Geschlechter freigebig verteilte Defekte scheinen freilich die hiesige Reproduktionsfreude keinesfalls zu beeinträchtigen. Allerorten jedenfalls watschelt korpulesker Nachwuchs in ähnlicher Staffage daher wie seine Erzeuger.

Im Rahmen eines sich allerhöchster Frequentierung erfreuenden sog. „Knödelfestes“ ergab sich der St. Johanner Tiroler heute stundenlang vor allem dem Suff, was sich in ausgedehnten Torkelorgien niederschlug. Hier am Fuße des Kitzbühler Horns werden sie jedoch anscheinend als „Tanz“ fehlgedeutet.

Der größte Sohn der Stadt – ein anatomisch den Bevölkerungsschnitt erstaunlich treffsicher repräsentierender Trumm, der unter dem Namen einer Gletscherleiche firmiert („DJ Ötzi“) – war zwar nicht physisch, doch akustisch anwesend, und zwar in Form musikalischer Darbietungen, die dem Tiroler Anlässe für seine Torkelorgien zu liefern versuchten. Was, wie gesagt, gelang.

Nachmittags entflohen wir diesen verstörenden Stammesriten per Seilbahn in die höhere Bergwelt. Doch auch dort zeitigten die schrulligen Verhaltensweisen des Tirolers unschöne Folgen. Just heute nämlich hatte er bergan, bergab tonnenweise Gülle auf die eh ums Überleben kämpfende alpine Vegetation ausgebracht, was die Gegend olfaktorisch ähnlich stark kontaminierte wie seine Kleidungsgewohnheiten die Talsenke visuell.

Nach erklommenen hundert Höhenmetern kehrten wir entmutigt um, da die Gülleglocke anscheinend erst in der Stratosphäre an Intensität einzubüßen schien. Drunten ergaben wir uns einfach unserem Schicksal und verzehrten weiter Knödel. Denn wenn er, der Tiroler, eins kann außer saufen, torkeln und unwaschbare Müffelhosen tragen, dann Knödel, und zwar in erstaunlicher Varianz.

Ach ja: Er kann auch Regenbögen.