19 Januar 2013

Schnauze oder Notaufnahme

Am Schlump steigen vier so halb- wie lautstarke Muskeltürken zu. Einer von ihnen, ein kleiner Pitbull mit Bartflaum auf der Oberlippe, hält es nicht für nötig, die auf dem Bahnsteig bereits verbotenerweise gerauchte Kippe wenigstens im Waggon auszumachen.

Die Rauchschwaden ziehen provozierend durch den Wagen und werfen unwillkürlich Fragen auf. Der Impuls, den Quarzer auf den von ihm verursachten Missstand hinzuweisen, muss indes wohlüberlegt werden.

Klar, man könnte natürlich hingehen und versuchen, ihm ins Gewissen zu reden – entweder legalistisch („Rauchen ist hier verboten“) oder persönlich betroffen („Das stört“). Sehr sorgfältig abzuwägen wären allerdings mögliche Reaktionen seinerseits.

Vielleicht möchte sich der Oberlippenflaum vor seinen Kumpels ja nicht maßregeln und ergo lieber die Fäuste sprechen lassen. Will ich das riskieren?

Die Alternative wäre defensiver, aber auch sicherer: drei Stationen zähneknirschend die Schnauze halten und sich dies insgeheim als urbane Toleranz schönreden. Das könnte das Wochenende verschönern, weil die Chance erheblich stiege, es zu Hause statt in der Notaufnahme zu verbringen.

Gut, zwar könnte sich die deutlich sichtbare Überwachungskamera an der Decke kalmierend auf mögliche Vergeltungsmaßnahmen auswirken, doch sicher ist das auch nicht unbedingt. Schließlich sieht man solche Bilder immer öfter in der Tagesschau. Und auf taktische Intelligenz zu hoffen, scheint mir beim Anblick dieser Truppe nicht sehr ratsam zu sein.

Die Tatsache, Recht zu haben und dies auch frei heraus zu thematisieren, muss also sehr sorgfältig abgewogen werden gegen die gar nicht geringe Chance auf einen Nasen- und Jochbeinbruch.

Noch während ich all dies so hin und her überlege, erreichen wir die Station Feldstraße, wo das halb- und lautstarke Quartett überraschend die Bahn verlässt. Eigentlich wirkten sie nämlich wie St.-Pauli-Aussteiger.

Als ich nach Hause komme, begrüßt mich Ms. Columbo stirnrunzelnd: „Hast du heimlich geraucht?“

Ich hätte doch was sagen sollen, echt.


Kommentare:

  1. Anonym06:28

    Oh je.
    Mann ey...

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  2. Machtlosigkeitsgefühle mit nach Rauch stinken ohjeeee...hier auf dem Dorf gibt es Katzenfänger und so`n Zeuch, aber nicht solche hirnsträubenden Situationen...

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  3. Anonym 15:1115:10

    So ein richtiger Held sind Sie aber auch nicht wirklich.
    Was ist denn nun mit Zivilcourage ? (So a la: Wer nichts tut, macht mit " ?
    Das soll kein Gemecker sein...
    Zugleich ist soziales Leben und Engagement manchmal recht riskant.
    That's the way, the cooky crumbles (Tom Waits).

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  4. Ich hebe mir mein Heldentum halt für Situationen auf, in denen ich unmittelbar bedrohten Mitbürgern beispringen kann. Hoffe ich zumindest.

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  5. Huch, das musste ich jetzt 2 x lesen ... "bespringen" konnte einfach nicht stimmen!

    Und richtig: Nur weil einer den Herrscher des Universums raushängen lässt, indem er in der U-Bahn raucht, muss man keinen längeren Krankenhausaufenthalt riskieren, weil man meint, ihn vom Gegenteil überzeugen zu müssen. Zivilcourage ist für Situationen gedacht, wo sie angebracht ist und ich bin mir sicher, unser werter Herr Matt wäre der letzte, der sich diesbezüglich lumpen ließe.

    Mir kann aber keiner erzählen, dass man nach Rauch stinkt, weil im selben Raum/Waggon ein paar Züge gepafft wurden ... *zwinker

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  6. Sie kennen das Ms. Columbos Näschen nicht, oh nein …

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  7. Und ich dachte schon, Sie hätten wieder zwei Augen und eine Nase pareidolisiert.

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  8. Da sehen Sie in der Tat mehr als ich.

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  9. Anonym 15:1100:31

    Ich bitte um Entschuldigung, Herr Matt.
    Solange nichts akutes passiert, sollte man wirklich besser nicht antreten. Sie haben da sicherlich recht.
    Kürzlich hatte ich eine U-Bahnfahrt (ab U-Bhf. Landungsbrücken), während derer (ist das sprachlich richtig ?) ca. 6 - 7 betrunkene Männer aus einem der östlichen Länder im Waggon abdrehten.
    Eine junge Frau stieg ein und wurde recht stumpf bedrängt, setzte sich dann um (zu einem Pärchen und mir). Wir drei waren uns dann im Gespräch sicher, daß wir sie verteidigt hätten, wäre einer von denen nachgekommen und hätte sie angefaßt.

    Was für ein Scheiß, aber die anderen Fahrgäste waren gut. Hat mich bestärkt, so etwas zu erleben.

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  10. Sich zusammentun ist die richtige Taktik. Schön, dass es auch mal funktioniert. Eine Pöbelgruppe von sechs und mehr kann allerdings trotzdem großen Schaden anrichten …

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  11. Anonym19:38

    ein Freund von mir hat in der U1 mal kurz seine Jacke gelupft,als so ein grossmaul mit kumpel ihn blöd von der seite angemacht hat.zu sehen bekamen die herren ein halfer,in dem sich eine Handfeuerwaffe befand.große augen,und das mäulchen ganz klein. genau so bei einer prügelei auf einer station. jacke gelupft und plötzlich stoben sie alle auseinander wie die kellerasseln bei licht. ich hab mir selbst einen halfter besorgt,die pistole ist allerdings nicht echt,aber es zeigt wirkung,glauben sie mir. ein durchdringender blick und den mantel leicht geöffnet verschlug es bisjetzt so ziemlich jedem großmaul die sprache.....aber wie bei jeder guten medizin wird auch diese einmal nicht mehr ausreichen,was dann.....liebe grüße von sabi aus hh

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  12. Dann machen wir den Mantel auf. Und zücken die Schachtel. Und unsere Weiber riechen die Schmauchspuren. Wenn wir nach Hause kommen.
    Was machen wir dann?
    Schreiben über die wirklichen Probleme der Stadt?
    Oder so...

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  13. Noch wirkungsvoller als eine Pistole unterm Mantel ist übrigens eine verchromte Axt im Haupt des Rädelsführers. Können Sie sich gerne als Tip abgucken – wenn sie den erwischen, ist der Rest ganz ruhig. Oder folgt künftig Ihnen.

    (Und jetzt wieder zurück zu Fallout 3)

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  14. AndiG22:02

    Ganz altes Gesetz: Es gibt nichts gefährlicheres als ein unechte Waffe. Ganz ehrlich, damit fragt man geradezu nach einer Eskalation.

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  15. Das wäre auch meine Einschätzung gewesen. Außerdem: Wer mit etwas droht, muss es bei Bedarf auch einsetzen (können) …

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  16. Nur: Ob man in der Lage und willens ist, eine Waffe einzusetzen, vermag nunmal der andere nicht einzuschätzen. Wenn Sie sich das Patt im Kalten Krieg ansehen – es hat niemand mit wirklicher Gewissheit sagen können, ob oder ob nicht die jeweils andere Seite WIRKLICH – aber das führt zu weit.

    Jedenfalls ist die Behauptung, daß eine abschreckende Wirkung einer unechten Waffe (gerade wenn sie echt aussieht) kein bißchen funktioniere, schon sehr gewagt.

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  17. Anonym11:58

    Wissen Sie noch, was Sie tun?! Ich möchte derlei von Ihnen beschriebenen Situationen nicht unrealistisch sehen, auch Berichte anderer Kommentierer und eigener Bekannter sind sicherlich realistisch, aber was Sie sich hier erlauben: Sie pflanzen RASSISTISCHE VORURTEILE in die Köpfe Ihrer Leser! Somit werden monothematisch und ausschliesslich Gewaltszenarien mit dem Betreten einer solchen, wenn auch mit Verlaub rauchenden Truppe assoziiert! So sehr Sie in Ihrem Blog offenbar oft Kopkino- Skripte veröffentlichen, können Sie bei aller "Blogger- Freiheit" nicht derart Frech und ungewusst Fäuste, Nasen- und Jochbeinbruch, Notaufnahme und Vergeltung mit den von Ihnen als "Muskeltürken" bezeichneten Männern assoziieren! Und die Zurschaustellung Ihrer auf Vorurteilen basierenden Vorstellungen findet zur Bestätigung Ihrer Denkweise den Höhepunkt in der Annahme "St. Pauli- Aussteiger" vor sich zu haben.

    Auch können Sie sich nicht dahinter verstecken, lediglich Ihre Vorstellungskraft veräussert zu haben, denn die Szenarienbeschreibung suggeriert bereits ausreichend rassistische Vorurteile. Auf die Welle, die Sie bei Ihren Stammlesern ausgelöst haben, gehe ich garnicht erst ein. Auch schreibe ich diese Zeilen nicht, weil ich so ein Gutmensch bin, sondern einfach nur erschrocken. Aber vielleicht entsprechen Sie nur den üblichen Vorgaben der Agenda Ihres Verlages, denen Sie brav auch privat folgen.

    Ein Szenario, in dem Jemand (offenbar NICHT SIE) den Rauchenden anspricht, dieser sein Fehlverhalten einsieht, die Zigarette ausmacht und sich entschuldigt ziehen Sie nicht einmal als "Hoffnungen beschreibend" in Betracht. Und da diese Geschichte darauf schliessen lässt, dass Ihr Mangel in nachtteiligen Situationen zu HANDELN, da Sie davon ausgehen, dass Ihnen bei einem Angriff auf Ihre körperliche Unversehrheit Niemand hilft, kann man sich VORURTEILSFREI vorstellen, dass Sie in Gewaltsituationen selbst auch nicht eingreifen würden! Sollte dieses auch im ÖPNV stattfinden, ziehen Sie BITTE wenigstens die Notbremse.

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  18. Warum SCHREIEN Sie eigentlich dauernd …?

    Wissen Sie, wenn Sie seit 17 Jahren auf St. Pauli leben würden, hätten Sie auch einen Blick für das Gefahrenpotenzial von Gruppen junger Männer. Und der schöne Begriff „Muskeltürken“ bringt auf sehr plakative Weise Outfit und Gebaren dieser speziellen Gruppe auf den Punkt. Ihre komplette Körpersprache signalisierte: Sprich mich nicht an.

    Was Sie für Vorurteile oder lächerlicherweise sogar für Rassismus halten, ist für mich nur Vorsicht aus Erfahrung. Außerdem hatten die WIRKLICH Muskeln und einen kleinasiatischen Background – d. h. sogar rein faktisch war der Begriff „Muskeltürke“ von herausragender Treffsicherheit. (Es sei denn, es handelte sich um Kurden, dann korrigiere ich auf „Muskelkurden“.)

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  19. Es ist schon lustig, daß Ihnen Rassismus vorgeworfen wird, wenn Sie die Realitt beschreiben.

    Herr Anonym, es wäre eventuell sinnvoll, wenn wir uns nochmals vergegenwärtigen, was Rassismus zunächst einmal bedeutet: Vom Einzelfall auf die gesamte Gruppe zu schließen.

    Wenn also Matt nun schriebe, daß er generell Türken für gefährlich hält, weil er einige gesehen hat, die tatsächlich gefährlich waren, dann wäre dies ein Fall von Rassismus gewesen.

    Wenn er hingegen eine Gruppe aggresiv auftretender Türken sieht und sich entsprechend vorsichtig verhält, dann ist dies kein Rassismus. Man wäre ebenfalls gut beraten, wenn man sich in Acht vor glatzköpfigen Menschen in Springerstiefeln nähme.

    Der Vorschlag, es mit Kommunikation zu versuchen, entspricht einem sehr positiven Menschenbild, für das ich Sie gern loben möchte – der Realität hält es aber leider nicht immer stand. Die Verletzten und Toten diverser Prügelattacken in Berlin und Hamburg belegen dies.

    Die Einschätzung, ob eine Gruppe junger Männer gefährlich wirkt oder nicht, die ist in der Großstadt immens wichtig, vor allem zu bestimmten Zeiten.

    Daß Herr Wagner nicht davon ausgeht, daß ihm in konkreten Gefahrensituationen geholfen würde, ist ebenfalls nicht auf mangelnde Hilfsbereitschaft seinerseits, sondern vor allem darin begründet, daß dies – auch hier verweise ich auf die in den letzten Monaten erfolgten Prügelattacken und das Wegsehen der meisten Menschen. Jenes Verhalten ist auch wissenschaftlich so gut untersucht, daß es fahrlässig wäre, diese Informationen nicht abzuspeichern.

    Sie beschreiben eine Welt, wie sie sein sollte – Menschen greifen andere nicht grundlos an, wenn jemand angegriffen wird, so eilen andere zu Hilfe. Aber es ist äußerst gefährlich, an ein solches Idealbild derart zu glauben, daß man sein Handeln auf den Wunsch anstatt auf die Realität ausrichtet.

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