02 Oktober 2012

Meine Begegnung mit dem Hulk

Nach mehr als einem Jahr des Trainierens haben sich an der Beinpresse im Fitnessstudio 170 Pfund als mein persönliches Optimum herauskristallisiert.

Die erste Übungsausführung hat es zwar jedes Mal ganz schön in sich, weil der Anfangswiderstand überwunden werden muss. Ist das aber erst einmal geschafft, ringe ich mir in der Folge rund 70 Wiederholungen ab, plus 100 kurze.

Gut, die Latte an der Beinpresse lag auch schon mal eine Zeitlang auf 190 Pfund, doch da ächzten und knirschten meine Knie derart, dass ich ihrem Gnadengesuch stattgab. Schließlich tu ich das alles nur für sie: Muskelaufbau zwecks Entlastung der verschlissenen Gelenke. Dazu sag ich an dieser Stelle nicht mehr, sonst wird es schnell unappetitlich, und Ms. Columbo liest diesen Eintrag nicht zu Ende.

Während ich am Samstag mein Programm an der Beinpresse durchzog, schnürte ein Hulk Marke Deathmetalroadie durchs Studio. Seine Wallelocken fielen ihm bis auf die Schultern, mit denen Samson den Einsturz selbst des Burj al Arab mühelos verhindert hätte.

Der Hulk trug Grungebart und Holzfällerhemd, jede seiner Waden waren praller als Claudia Roths Oberschenkel zusammen. Insgesamt gab der nicht eben hochgewachsene Mann dadurch eine erstaunlich quadratische Figur ab. Das Verhältnis Länge zu Breite war allenfalls 1,2:1, wenn überhaupt.

Er schlenderte durch den Raum, schaute sich interessiert die Geräte an, setzte sich mal hier-, mal dorthin, probierte, zog und drückte. Irgendwann saß er auch an der oben erwähnten Beinpresse.

Einen Fuß hatte er auf die Platte gestellt, den anderen auf den Boden. Und jetzt drückte er mit ungefähr jener Anstrengung, mit der eine Geisha den Fächer führt, um dir Luft zuzufächeln, die Platte vor und zurück. Hätte nur noch gefehlt, dass er sich dabei eine Büchse Bier aufmacht und in der neuen Ausgabe des Metal Hammer blättert.

Einen Blick aufs eingestellte Gewicht konnte ich leider nicht erhaschen. Dabei hätte ich schon brennend gern gewusst, was er sich da so aufgelegt hatte und warum er das Ganze ein- und nicht zweibeinig drückte.

Ich absolvierte weiter mein Programm und behielt den Trumm unauffällig im Auge. Irgendwann griff er nach seinem Handtuch und verließ das Gerät. Ich wartete kurz, damit meine Neugier nicht auffiel, und näherte mich dann wie zufällig der Beinpresse.

Zunächst fand ich den Stift gar nicht, der das Gewicht einstellt. Mein Blick wanderte nach unten, immer tiefer und tiefer, und dann sah ich es.

Hulk hatte 490 Pfund gedrückt, das Höchstgewicht. Mit einem Bein.

Ich fühlte mich ein wenig betäubt. Hochgerechnet auf beide Beine heißt das: Der Mann wäre in der Lage, an der Beinpresse, wo ich die Überwindung des Anfangswiderstands von 170 Pfund routinemäßig mit einem erbärmlichen Ächzen zwangskommentiere, ungefähr eine halbe Tonne zu drücken.

Was macht so einer beruflich – hebt er den Bandbus von Motörhead in Parklücken, die zum Rangieren zu eng sind? Übt er Speerwerfen mit Baumstämmen? Jongliert er zum Aufwärmen nicht mit Kegeln, sondern mit Otti Fischer?

170 ist eine ziemlich fade Zahl, ehrlich gesagt.


Kommentare:

  1. Georg08:01

    Was, wenn er nur einen "Tick" hat, nach Trainingsende immer die Stifte auf das Maximum zu stellen?

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Ich persönlich meide ja solche Etablissements ... mir stellt sich dennoch die Frage, wie zwei mal 490 Pfund zu einer (metrischen?) Tonne werden können und warum solche antiquierten Maßeinheiten überhaupt noch genutzt werden.
    Nicht, dass ich damit die Leistung schmälern möchte (weder die 490 noch die 170 Pfund)

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  4. Ähm, in der Tat, danke. Der Überschwang meiner Bewunderung legte meine mathematischen Synapsen lahm. Geändert.

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  5. Nihilistin13:08

    Ruhig, Herr Matt, ruhig. Das war einer von diesen Dingens, diesen "Strongmen", die man manchmal zu nachtschlafender Zeit auf Eurosport oder ähnlichen Kanälen sehen kann. Der macht das noch 4,5 Jahre. Dann sind entweder seine Knochen kaputt oder sein Herz.
    Bleiben Sie uns mal noch ne Weile schreibend erhalten. Meinethalben auch mit 170 Pfund oder weniger.

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  6. Ein schlichtweg genialer Blogeintrag. Musste herzlich lachen. Warum? Selbstreflexion!

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  7. Ein schlichtweg genialer Blogeintrag. Musste herzlich lachen. Warum? Selbstreflexion!

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  8. Ein schlichtweg genialer Blogeintrag. Musste herzlich lachen. Warum? Selbstreflexion!

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