30 Dezember 2010

Auf Friseusenpirsch (integriert: Offener Brief zu Silvester, 5)



A. wohnt noch nicht ganz so lange auf St. Pauli wie ich, doch er hat dank jahrelanger Besuche von Schmuddelclubs und schmierigen Tabledancebars interessante Tipps parat, die mir völlig neu sind.

Sonntagsabends zum Beispiel, sagt er, sei die ideale Zeit, um auf dem Kiez Friseusen abzuschleppen. Wie das? Weil montags die Salons Ruhetag hätten und Friseusen sich deshalb bevorzugt sonntagsabends von A. oder anderen Interessenten abschleppen ließen bis in die Puppen.

Eine solch hochbrisante Insiderinformation stößt bei einem Bruce-Willis-Typen wie mir natürlich auf frappiertes Staunen. Würde mein Friseurladenbesuchsverhalten (das vergleichbar ist mit meinen Ausflügen ins Weltall) bundesweit Schule machen, gingen nämlich all diese Läden binnen weniger Wochen pleite. Und die Friseusen natürlich mit, was es ihnen aber immerhin erlauben würde, sich auch an allen anderen Wochentagen von A. oder anderen Interessenten abschleppen zu lassen bis in die Puppen.

Doch soweit ist es ja noch nicht, und deshalb bleibt der Sonntagabend der bevorzugte Friseusenabschlepptag. Montags ist dann total tote Hose auf dem Kiez. In den Stripclubs gibt es weniger Gäste als Tänzerinnen, kleine Tröpfchen von Tristesse hüpfen von Tisch zu Tisch und finden trotzdem keinen teuren Billigschampus, den sie kontaminieren könnten.

Auch der Dienstag erinnert an die Ruhe nach der Apokalypse, mittwochs zieht es dann allmählich an, der Donnerstag läuft sich schon mal warm, und freitags und samstags tobt schließlich der Wirbelsturm über St. Pauli, was A. gewöhnlich davon abhält, das Haus zu verlassen (und mich in der Regel auch, es sei denn, German Psycho zwingt mich mit einschlägigen „Argumenten“ in irgendeinen Siffladen auf dem Hamburger Berg).

Am Sonntag schließlich geht es wieder auf Friseusenpirsch – ein ewiger Kreislauf. Zum Glück fällt Silvester diesmal auf einen Freitag; dadurch werden quasi zwei Wirbelstürme zusammengelegt, obwohl der an Silvester natürlich mit erheblich größerer Zerstörungskraft durchs Viertel fegt als jeder andere des Jahres. Das täte er allerdings auch an einem Montag, daher will ich nicht meckern.

Apropos Silvester: Obwohl meine bereits drei Appelle in den vergangenen Jahren jeweils verpufften wie jene Hand, die den Chinaböller partout nicht loslassen wollte, möchte ich es doch erneut nicht versäumen, ihn zu wiederholen, wenngleich nur in Form einer Verlinkung.

Irgendwann muss irgendwer doch mal anfangen, auf mich zu hören. Und wenn es nur die Friseusen sind.


PS: Das heutige Foto eines Graffitos auf St. Pauli hat nur partiell mit dem Beitrag zu tun, doch in der Not frisst der Teufel Fitschen.



27 Dezember 2010

Neuigkeiten vom Rauchen



In der Clemens-Schultz-Straße schwingt eine rauchende Domina in Lederkorsage die Peitsche, um für einen Auftragsmaler zu werben. Diese Idee funktioniert wohl nur auf dem Kiez.



Und vor der Bar Christiansen’s am Pinnasberg ist das Ein- und Ausatmen multipler Giftstoffe anscheinend mit intensiver Geräuschentwicklung verbunden – wobei es sich ja nur um Sachen wie Krächzen, Röcheln und Rasseln handeln kann.

Irgendwie habe ich das Gefühl, die rauchende Peitschendomina würde auf dieses Schild ungehalten reagieren. Aber was weiß ich schon von Dominas.

(Foto 2 mit freundlicher Genehmigung von A.)

24 Dezember 2010

Friede auf Erden (aber nicht im Bus)



Verträumt sitze ich im Bus, als plötzlich eine Stimme von rechts blafft: „Fass mal an!“

Vor der mittleren Tür steht ein alter Herr mit Schiebermütze, der seine Gehhilfe nicht allein die Stufe hochhieven kann. Ich springe eilfertig herbei und hebe sie in den Bus.

Der Mann, verkrümmt von Missmut und Betagtheit, steigt ächzend hinterher. „Da rüber! Da rüber!“, schreit er mich an, womit er mir auf seine herzliche Art bedeuten möchte, die Gehhilfe am Rollstuhlplatz zu verankern.

Das tue ich wortlos, während er sich auf einen freien Sitz fallen lässt, ohne mich anzuschauen oder gar eines weiteren Wortes zu würdigen.

„Bitte“, denke ich und nehme meinen Platz wieder ein. Mir gegenüber, auf der anderen Seite des Gangs, sitzt ein weiterer Rentner. Als der Bus losfährt, schaut er zu mir herüber und ruft so laut, dass der Gehhilfenbesitzer es unweigerlich hören muss: „Was war denn das eben für ein Ton, sach ma!“

Ich grinse ihn schief an, was er, wenn kommunikativ alles gutgeht, als mit Nachsicht umflortes „Tja“ interpretieren sollte.

Weiter passiert nichts. Der Blaffer hat nichts gehört, der Rentner muffelt, weil seine Rüge verpufft, und mir ist eh alles egal.

Denn es ist Weihnachten in Hamburg, meine Damen und Herren, die Fleete sind weiß wie mein Gewissen, und die Boote träumen still vom großen, weiten Meer.

Amen.

23 Dezember 2010

Man gab mir die Kugel

Heute Mittag im Restaurant Marinehof biss ich beim Verzehren des Wildschweinragouts auf etwas Hartes, Metallenes.

Es war keine Plombe. Sondern die Kugel, die das Wildschwein getötet hatte.

Sie lag plötzlich kupferfarben und verbogen auf meinem Teller und sorgte fürs schlagartige Ende des üblichen enfremdeten Essens.

Delektiert man sich an einem Durchschnittskotelett, passiert einem so etwas nicht. Die Methode, wie das kotelettliefernde Hausschwein ums Leben kam, bleibt immer unsichtbar. Das Fleisch verweist nie auf seine Herkunft: ein atmendes, lebendes Wesen; ein Tier an einem Stück.

Die verbogene Kugel auf meinem Teller ließ hingegen keine Distanzierung, keine Ausflüchte, kein Schönreden mehr zu. Ich aß ein totes Tier. Punkt.

Natürlich war die Kugel kein Grund, das köstliche Ragout zu monieren. Und der Ober kam auch mit Recht nicht auf die Idee, mir Rabatt anzubieten.


21 Dezember 2010

Die die Mails ausdruckt

Unsere Hausverwaltung ist die Pest. Wenn man ein Problem hat, stellt sie sich reflexhaft tot. Keine Antwort auf Mails, keine Reaktion auf Faxe, schwer erreichbar per Telefon.

Heute morgen endlich rief mal einer zurück, nachdem wir wochenlang vergeblich auf inzwischen drei essenzielle Probleme aufmerksam gemacht hatten.

Der Mann war nicht der, mit dem wir sonst immer (nicht) zu tun hatten, sondern ein anderer, ein durchaus verbindlicher, freundlicher, zuvorkommender. Kurz: ein Mann aus einem Paralleluniversum.

An einer Stelle im Gespräch sprach er von einer Mitarbeiterin der Hausverwaltung, einer Frau S. „Frau S.“, sagte er, „ist die, die morgens immer die Mails ausdruckt.“

Die morgens immer die Mails ausdruckt.

In diesem Moment wurde mir die ganze Dimension des Problems klar. Und die Zukunft erschien mir trist und grau.



20 Dezember 2010

Kurz vorm Kommen



Entschieden verwahren muss ich mich als Anwohner gegen die Beschmutzung meines Viertels durch „Santa Pauli – den geilsten Weihnachtsmarkt Deutschlands“.

Wie jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit treibt er auch jetzt wieder sein ekles Unwesen auf dem Spielbudenplatz. Gipfel der ethisch-moralischen Verwahrlosung, mit der dieser häretische Markt offensichtlich mit städtischer Duldung die Adventszeit kontaminieren darf, ist das hier zu sehende mannshohe Bild auf der Einzäunung.

Es zeigt Unfassliches: einen vor Geilheit schwitzenden Weihnachtsmann mit heruntergelassenen Hosen, der sich vorderseitig ganz offenkundig lüstern befingert, während ein unrasierter Bullmastiff vorsorglich ein Taschentuch bereithält, um Santas demnächst unweigerlich hervorschießende Säfte wenigstens wieder ordnungsgemäß vom Zaun abzuwischen.

Zu seinem unstandesgemäßen Tun, welches jeder Heilsgeschichte Hohn spricht, ließ sich der notgeile Zipfelmützenmasturbator wohl von etwas inspirieren, das er zuvor durch ein Loch im Zaun erspähte, wobei es sich hundertprozentig um die notorische Liebeskugelvirtuosin Biggi Bardot handeln muss.

Um dem für jeden anständigen St. Paulianer bis zum Brechreiz anstößigen Bild – einer skandalösen Entweihung von allem, was Sarrazin heilig ist – den letzten gottlosen Schliff zu verleihen, ließ sich der für den Entwurf unzweifelhaft zuständige Antichrist auch noch einen Spruch einfallen, der an empörend widerlicher Doppeldeutigkeit seinesgleichen sucht: „Santa Pauli is coming soon“ …

Ich kann gar nicht hingucken. Wobei ich das Schlimmste noch gar nicht erwähnt habe: des fetten Onanisten Arschhaarstoppeln. Wenigstens dagegen könnte doch die Kirche mal protestieren oder meinetwegen auch ein bibeltreuer Selbstmordattentäter. Benedikt, Käßmann: Wo seid ihr, wenn man euch mal braucht?

Abstoßend rätselhaft bleibt zudem, warum Blut aus dem verbogenen Mülleimer läuft. Aber diesen Deckel mache ich nicht auch noch auf.

18 Dezember 2010

Lieblingsorte (6): Diesmal von jemand anderem



Der angestammte Lagerplatz der obdachlosen Polen, die hier im Blog schon mehrfach Erwähnung fanden (1, 2, 3), ist zurzeit verwaist und eingeschneit.

Nur ein Koffer mit Utensilien, den vorsorglich niemand anrührt oder gar wegräumt, hält einsam die Stellung. Somit verpassen die polnischen Gesellen den ganz speziellen Sarkasmus der ihren Lagerplatz von jeher dominierenden Werbefläche.

Doch wahrscheinlich würde sie diesen Claim genauso stolz und stoisch ignorieren wie alle anderen, die bisher von desinteressierten Plakatieren dort hingepappt wurden.

Selbst wenn sie ihn lesen könnten.


17 Dezember 2010

Einfach mal still sein



„Blöde Ziege“, sagte ich heute zur Bedienung im Eisenstein, als sie mich fragte, was ich zu bestellen gedächte.

Statt mir augenblicklich eine zu scheuern, blieb die tapfere Frau ruhig wie ein Eisblock und schrieb „Blöde Ziege“ in ihren Notizblock.

Es handelt sich dabei um eine 13 Euro teure Pizzakomposition mit Rosmarintomatensauce, krossem Speck und Ziegenkäse im Aschemantel – und wäre, sofern man die Bedienung für eine blöde Ziege hielte, eine risikoarme Variante, ihr das nonchalant mitzuteilen.

Nun zu etwas ganz anderem. In England versuchen sie gerade wieder einmal, den handelsüblich öden Weihnachtshit (Doppelbedeutung auf der Schlusssilbe beabsichtigt) à la „Last Christmas“ zu verhindern, indem sie massenhaft ein möglichst abgelegenes Stück runterladen.

Diesmal soll eine Coverversion von John Cage zum Nummer-1-Hit downgeloadet werden, und zwar seine legendäre Komposition „4:33“. Sie besteht aus vier Minuten und 33 Sekunden Stille. Ein Dutzend britischer Musiker hat sich für die Neueinspielung ins Studio begeben, um dort gemeinsam still zu sein – natürlich auf eine spezielle Weise, die sich deutlich unterscheidet von John Cages Stille aus den 40er Jahren.

Übrigens hat unlängst auch Harald Schmidt das Stück mal live in der ARD aufgeführt, und zwar mit Helge Schneider (Klavier), Katrin Bauerfeind (Geige) und der kompletten untätigen Helmut-Zerlett-Band. Aber das nur am Rande.

Sollte der Massendownload jedenfalls das beabsichtigte Ergebnis zeitigen, müssten auch die britischen Hitradios „4:33“ spielen, weil sie um die Nummer 1 der Charts nun mal nicht herumkommen.

Das wären großartige Momente inmitten der Weihnachtskakofonie, und all das klang in meinen Ohren derart überzeugend und unterstützenswert, dass ich mich solidarisch erklären und augenblicklich die Neufassung von „4:33“ bei Amazon.co.uk runterladen wollte.

49 Pence ist ja auch ein – gerade im Verhältnis zu Eisensteinpizzen – moderater Preis. Doch als ich zur Tat schritt, erschien oben abgebildete Warnmeldung: Als Deutscher darf ich in England keine MP3s kaufen – „geographical restrictions“.

Amazon ist halt eine blöde Ziege, und nicht nur wegen Wikileaks.

15 Dezember 2010

Erwischtwerden macht glücklich



Eine sogenannte CC-Karte berechtigt in Hamburg zur Nutzung aller öffentlichen Verkehrsmittel innerhalb des gewählten Bereichs, nur weder vor 9 noch zwischen 16 und 18 Uhr.

So eine CC-Karte habe ich im Abonnement. Allerdings bleibt sie meist ungenutzt, da ich praktisch das ganze Jahr über Fahrrad fahre. Nur vor Regen schrecke ich zurück. Und vor Glatteis.

Wenn ich also mal wetterbedingt ohne Fahrrad unterwegs bin und um 17 Uhr das Büro verlasse, müsste ich eigentlich Bahn oder Bus in Anspruch nehmen; allerdings befinde ich mich dann mitten in der Tabuzeit.

Der Kauf einer Kurzstreckenkarte für 1,30 enthöbe mich dieses Problems, doch davor scheue ich zurück, da mein Monatsabo bereits bezahlt ist, aber dank meiner Fahrradphilie sowieso viel zu selten genutzt wird. Ein Dilemma, geboren aus Relikten einer protestantisch-askestischen Erziehung und selbsterworbenem Geiz.

Neulich verfiel ich auf den Gedanken, die Stunde, die meine CC-Karte nach Feierabend noch ausgesetzt ist, bei ein, zwei Bier im Aurel abzubummeln, um so den Kauf der Kurzstreckenkarte zu vermeiden. Eine Kosten-Nutzen-Abwägung beider Varianten ergab allerdings eine insgesamt betrübliche Gesamtbilanz.

Wenn es richtig schüttet, kaufe ich also meist die elende Kurzstreckenkarte. Gestern nun war ich morgens mit dem Fahrrad ins Büro gefahren, musste nachmittags aber feststellen, dass Hamburg inzwischen zu einem komplett radeluntauglichen Wintermärchen verkommen war, mit Glatteis, verunglückten Autos, unästhetisch herumeiernden Taumlern und allem Drum und Dran.

Kein Fahrradwetter, oh nein! Also schob ich das Gefährt zum Bahnhof Altona, löste eine blödsinnige Kurzstreckenkarte und fuhr nach Hause. Am Ausgang des Bahnhofs Reeperbahn stoppte mich eine Phalanx blauuniformierter HVV-Männer.

Ich zeigte müde meine Kurzstreckenkarte vor und begehrte Durchlass, als einer von ihnen sagte: „Wir haben ein Problem: das Fahrrad.“

In Sekundenbruchteilen ersetzte mein Lymphsystem das kursierende Feierabenddopamin komplett durch eine volle Dröhnung Adrenalin – denn der Mann hatte verdammt recht: In der CC-Tabuzeit darf man auf gar keinen Fall Fahrräder mit in die Bahn nehmen.

Ausladende Drilliingskinderwagen mit 48 Reifen, Anhängerkupplung und aufgepflanztem Baukran: jederzeit erlaubt. Aber keine Fahrräder. Lebensgefahr durch Glatteis reicht aus blauuniformierter Sicht als Entschuldigung nicht aus, denn ich hätte das Rad ja auch in Altona anketten können.

Knurrend überreichte ich dem fein lächelnden Kontrolleur den verlangten 10-Euro-Schein. „Wenn es Sie tröstet“, sagte er, „das ist eine unserer niedrigsten Strafgebühren überhaupt.“

Komischerweise tat es das wirklich. Ich schlitterte nach Hause mit dem recht beschwingten Gefühl, ein Schnäppchen gemacht zu haben.

Versteh einer die Kapriolen der Körperchemie.

14 Dezember 2010

Fundstücke (119)

Ein sagenhafter Flohmarktfang vom Wochenende!

Ehe ich den Preis verrate: Hat irgendjemand eine Ahnung, was dieser Wein auf dem freien Markt wert sein könnte? Die Füllhöhe ist im Lauf des halben Jahrhunderts natürlich zurückgegangen, etwa bis auf Schulterhöhe.

Übrigens wird dieser Tropfen keinesfalls das kommende Wochenende überstehen. Entweder er wird verkostet oder entsorgt.

Und zwar mit Dr. K., das ist ja klar.

13 Dezember 2010

„Denkst du, ich bin Sozialamt?“



Auf dem Fischmarkt morgens um zehn. Das ist die Zeit, um tabula rasa zu machen.

Alles muss raus, definitiv, und wer jetzt noch hier herumläuft, weil er auf Ausverkaufspreise spekuliert, der ist garantiert Kiezianer.

Die Busladungen Touristen, die um fünf Uhr im Halbschlaf hierhergekarrt wurden, sind dagegen längst wieder zurück im Hotel. Sie haben den überteuerten Nippes und den Aal für 30 Euro das Kilo in ihren Zimmern abgeladen und sitzen jetzt zerschlagen im Frühstückssaal, mit den Augen auf Halbmast.

Hier auf dem Fischmarkt aber hat die Marktleitung inzwischen schon dreimal die Beschicker per Lautsprecherdurchsage zum sofortigen Schließen ihrer Stände aufgefordert. Allmählich wird es also ernst. Und das ist eine Situation wie gemalt für Schnäppchenjäger, die sich mit Wochenrationen an Obst und Gemüse eindecken wollen. Für Leute wie mich.

Händler (brüllt heiser): „KISTE SECHS MANGO NUR DREI E-URO! SECHS MANGO NUR DREI E-URO!“
Matt: „In dieser Kiste liegen sieben, können wir …“
Händler (sofort aufgebracht): „DENKST DU, ICH BIN SOZIALAMT? DENKST DU?“
Matt: „Na ja, ich dachte, ich frage …“
Händler: „Du denkst, ich BIN Sozialamt!“
Matt: „Na gut, also … ich nehme die sechs für drei.“ (reicht 10-Euro-Schein rüber)
Händler (nimmt den Schein und pfeffert ihn zu Boden): „WAS REDEST DU FÜR SCHEISSE! WIR MÜSSE AUCH LEBE!“
Matt: „Das bezweifle ich keineswegs. Aber sieben statt sechs, jetzt kurz vor Ende …“
Händler (gibt mir mit verächtlicher Geste sieben Euro zurück): „So ein Scheiße redest du! Du denkst, ich bin SOZIALAMT!“
Die Diskussion erscheint mir irgendwie festgefahren. Deshalb verstaue ich verschreckt meine sechs Mangos und trolle mich Richtung Seilerstraße.


Falls du das hier also liest, lieber Fischmarkthändler: Nein, ich glaube nicht, dass du Sozialamt bist, echt nicht.

Nur für den Fall, dass es mir heute Morgen nicht gelungen ist, dies hinreichend zu verdeutlichen.

12 Dezember 2010

Die mutierte Ananas



Als es noch keine Codenummern für Waren gab, ist es bestimmt niemals vorgekommen, dass eine Ananas als MP3-Soundsystem auf dem Kassenbon landete.

Andererseits gab es in jenen seligen Zeiten auch noch gar keine MP3-Soundsysteme. Und wahrscheinlich nicht mal Ananas, sondern nur Melonen im Netz.

Na ja, jedenfalls bongte die Aldifrau heute statt der Ananasnummer versehentlich eine MP3-Soundsystem-Nummer ein. Der Preisunterschied lag bei knapp 79 Euro, was zuerst mich stutzig machte und dann auch die Aldifrau.

Nach einem hochkomplexen deduktiven Verfahren (Kassiererin verliest postenweise den Kassenbon, Ms. Columbo separiert die aufgerufenen Waren im Einkaufswagen) konnte die Südfrucht schließlich als Schuldige identifiziert werden.
„Ist nur eine Ziffer Unterschied“, grinste die Aldifrau schief.

Bald darauf eilte eine Vorgesetzte mit Schlüssel herbei. „Die Ananas“, rief ihr die Kassiererin kreuzfidel zu, „ist ein MP3-Soundsystem!“ Ganz guter Witz eigentlich, im Rahmen eines Alditages. Frau Vorgesetzte lachte aber kein bisschen, sondern schaute aus der Wäsche, als sei so ein Tippfehler bei Aldi ein kapitaler Kündigungsgrund.

Also mal schauen, ob die Kassiererin nächste Woche überhaupt noch da ist. Wenn nicht, dann werde ich mich aus Protest an den Gitterwagen ketten, wo immer die MP3-Soundsysteme drin sind, und antikapitalistische Slogans brüllen. (Wenn diese Drohung der Kassiererin den Job nicht rettet, dann weiß ich auch nicht.)

Zurzeit habe ich ja Rücken, und deshalb ist mein temporär bester Freund ein extralanger Schuhlöffel mit Schlaufe oben dran. Das sage ich vor allem deshalb, um das heutige Foto zu rechtfertigen, aber auch aus tief empfundener Dankbarkeit gegenüber dem menschlichen Erfindungsgeist.

Ja, wir haben das Rad erfunden, die Raumfähre, den Kassenbon und den extralangen Schuhlöffel mit Schlaufe oben dran. Eigentlich sind wir bestens qualifiziert, die Welt zu retten, daran habe ich überhaupt keine Zweifel mehr, seit ich Rücken habe.

10 Dezember 2010

Fundstücke (118)



Die Lockmethoden auf St. Pauli sind von schillernder, durchaus auch widersprüchlicher Vielfalt, und es ist nicht auszuschließen, dass sich jemand ausgerechnet von den Verheißungen dieses Schildes zum Betreten der verantwortlichen Spelunke hinreißen lässt.

Wobei vorsorglich noch zu klären wäre, ob man selbst einen Tritt ausführen oder nur einen einstecken darf. Im Gegensatz zu den schlampigen Bedienungen ist diese Sache jedenfalls ein Alleinstellungsmerkmal auf St. Pauli (soweit ich informiert bin).

Entdeckt an einer Kneipenfassade in der Talstraße.

Der Kontaminator

Es verbessert die durch einen grippalen Infekt eh angespannte Gesamtlage keineswegs, sondern – im Gegenteil – macht sie vollends entwürdigend, wenn man dazu auch noch Rücken hat.

Wie ich.

Ein sogenannter Wärmegürtel linderte heute die schlimmsten Qualen, doch allein schon in den Räumen einer Apotheke die Beratung des einschlägig erfahrenen Franken in Anspruch nehmen zu müssen, vergällt rückblickend die ganze Woche.

„Ich weiß, wie das ist“, feixt der Franke Mitleid. Immerhin springt er nicht beiseite, als ich mich – beim Aufstehen wieder mal von Thors Blitz durchzuckt – entsetzt auf seiner Schulter abstützen muss. Braver Franke.

Neulich aber war er nicht brav. Während einer gemeinsamen mittäglichen Flanage durch den Pennymarkt in Ottensen hatte ich vier Tafeln „Ritter Sport Dunkle Voll-Nuss“ erstanden. Zurück im Büro stand bereits nach wenigen Minuten Kramer in der Tür.

Er habe aus gewöhnlich zuverlässiger Quelle gehört, hub er an, ich hätte fünf Tafeln „Ritter Sport Dunkle Voll-Nuss“ in egoistischer Verwahrung. „Franke, ich verfluche dich und deine Nachkommen bis in die siebte Generation!“, wollte ich gerade brüllen, doch da stand Kramer schon vorm Bisley und nestelte gierig wie ein Zombie an den Schubladen.

„Vier! Es waren nur vier!“, schrie ich, während ich verzweifelt mit ihm rang, doch er glaubte mir kein Wort und wollte, wie jeder stinknormale Mafiaboss, seinen Anteil. Wie es mir freilich im Verlauf unseres Kampfes um die territoriale Unversehrtheit meiner Bisleyschubladen gelang, ihn von der Schokolade abzulenken und seine Aufmerksamkeit stattdessen mit Mentholbonbons von Ricola zu fesseln, vermag ich nicht mehr stichhaltig zu rekonstruieren.

Tatsache jedenfalls ist: Beim ungelenken Herausschütteln aus der Dose fielen mir versehentlich gleich drei Bonbons in seine geöffnete Handfläche. Eine Katastrophe, denn damit waren sie alle schlagartig Kramer-kontaminiert, und wer diesen vierschrötigen Allesbegrabscher je in manueller Aktion erlebt hat, weiß, wovon ich spreche.

Er bestand darauf, die zwei Mentholbonbons zurück in die Dose zu befördern, ich verweigerte das mit brutalstmöglicher Verbissenheit. Aus Rache betatschte er daraufhin minutenlang wahllos alle erreichbaren Gegenstände im Zimmer, er kontaminierte buchstäblich handstreichartig Nachschlagewerke, Monitor, Tastatur, Terminkalender, Teppichboden (!) und die Oberfläche meines Schreibtisches.

Den Griff der Bürotür natürlich auch – wie sollte ich nun je wieder aus meinem Büro hinauskommen!? Und an allem war natürlich nur einer schuld: der Franke.

Ich sollte ihn mit einem Wärmegürtel knebeln.
Einen habe ich ja noch übrig.

09 Dezember 2010

Fundstücke (117): … und cut!



Selbst wenn man dringend einen Relaunch seines Schädelbewuchses nötig hätte: Nach dem Anblick dieser hinreißend gestalteten schildgewordenen Verlockung flöhe man wahrscheinlich augenblicks zur Konkurrenz – oder verabschiedete sich sogar komplett von diesem überholten Konzept namens „Frisur“.

Gut, dass ich solche Sorgen nicht mehr habe. Wobei mir allerdings schon das fehlende Genitiv-s gereicht hätte, um beim „Hair Image“ auch auf anderen Gebieten heillos waltenden Dilettantismus zu vermuten.

Entdeckt in der Großen Bergstraße.

08 Dezember 2010

Der Tag, an dem John Lennon starb



Es war heute vor 30 Jahren. Wir saßen gerade am Mittagstisch, meine Eltern und ich. Das Radio lief, die Nachrichten begannen, und die erste Meldung war die von John Lennons Ermordung.

Mich traf das wie eine Dampframme. Lennon war immer dagewesen. Zwar hatte ich die Beatles durch die Gnade der späten Geburt erst nach ihrer Auflösung kennengelernt, doch seither gehörten sie unverrückbar zur Belegschaft meines persönlichen Olymps. Und Lennon war ich – im Gegensatz zu McCartney – auch nach dem Ende der Beatles treu geblieben.

Songs wie „Mother“ oder „God“ gehörten (und gehören) fest zum Kanon meiner Lieblingslieder, von Lennon lernte ich, was Entzugserscheinung auf Englisch heißt („Cold turkey“) und wie man mit pseudonaiven Slogans („Give peace a chance“) derart die Welt rocken kann, dass sich sogar der Geheimdienst für einen interessiert.

Sicher, die Welt erschien mir ziemlich trübe Ende der 70er, doch so lange Lennon da war, war sie zumindest ein kleines bisschen besser als völlig schlecht. Und plötzlich sagt irgend so ein dahergelaufener Nachrichtensprecher, John Lennon sei erschossen worden.

Meine Eltern aßen weiter, als sei nichts passiert. Für sie war ja auch nichts passiert. Der mit diesem „Yeah, yeah, yeah!“, das sie immer so verachtet hatten, war jetzt tot. Ihr ungerührtes Weiteressen war ein einziges „so what?“, während ich dasaß und mit einem Gefühlswirrwarr aus Schockstarre und der Empörung über fehlende elterliche Schockstarre zurechtkommen musste.

Die innerfamiliäre Entfremdung begann zwar nicht erst an jenem 8. Dezember 1980, doch im fernen New York City hatte sie ein Psychopath namens Mark Chapman gerade nicht unwesentlich
beschleunigt.

16 Jahre später zog ich dorthin, wo John Lennon sich das Handwerkszeug zum Superstar geholt hatte: nach Hamburg St. Pauli. Heute, an seinem 30. Todestag, würde ich liebend gerne sagen können, dass es da einen Zusammenhang gibt.

Und deswegen sage ich es einfach mal.

Nachtrag vom 8. 12. 2010, 19:27 Uhr: Man hat mich zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass die Szene am Küchentisch nur am 9. Dezember 1980 stattgefunden haben kann, und das stimmt. Die Tat geschah am 8. Dezember abends nach New Yorker Zeit, da war bei uns schon Mitternacht vorbei.

07 Dezember 2010

06 Dezember 2010

Ein narrensicheres Geschäftsmodell



„Wir sind gleich für Sie da“, flötet mir die lenorgespülte Frauenstimme der Alice-Hotline ins Ohr, und ich übe mich mit der mir eigenen buddhaesken Gelassenheit in Geduld.

Wie oft wiederholt sich diese Vertröstungsflöterei eigentlich im Lauf von drei Minuten? Dummerweise habe ich nicht mitgezählt, aber jetzt würde es mich interessieren.

Plötzlich etwas Überraschendes: ein Freizeichen! Wie aus dem Nichts ist eine Frau Orff oder so dran, die mir augenblicklich erklärt, wegen Wartungsarbeiten könne sie gerade meine Daten nicht aufrufen, ich möge mich doch zu einem späteren Zeitpunkt wieder melden – und klick! legt die Orff auf.

Vielleicht handelte es nicht mal um eine reale Frau, sondern um eine weitere Stimme vom Band, doch das ist nicht weiter wichtig. Denn das dahintersteckende Geschäftsmodell ist einfach elektrisierend. Hier das Szenario.

Ich könnte – die Basisfinanzierung vorausgesetzt – Alice mitsamt Kundenstamm aufkaufen und ein automatisiertes Callcenter ohne Beschäftigte aufbauen. Computer mit lenorgespülten Vertröstungsflöten hielten jeden Anrufer drei Minuten in der Warteschleife (= 42 Cent Gesamtertrag pro Anruf), ehe sie ihn bitten, später noch einmal anzurufen – und auflegen.

Eine todsichere Sache. Wenn ich unzufrieden wäre mit der Höhe der monatlichen Erlöse, verlängerte ich die Warteschleife einfach auf fünf Minuten (= 70 Cent). Da ich bei diesem genialen Modell nur Server-, aber keinerlei Personalkosten hätte, dürfte innerhalb weniger Monate ein hübsches Sümmchen rumkommen.

Sobald der unweigerliche Flamewar gegen diese Methode in den einschlägigen Foren allzu sehr hochkochte, würde ich Alice schnell weiterverkaufen, zum Beispiel an Vodafone.

Zurück zur Realität, in der jemand anderes dieses Geschäftsmodell bereits praktiziert, nämlich Alice. Vorher hatte ich versucht, mein Problem per Mail zu lösen. Es dauerte nur eine Woche bis zur Antwort. Sie lautete: „Besuchen Sie unseren FAQ-Bereich im Internet.“

Na ja, es gibt sowieso schönere Dinge im Leben als den „Dialog“ mit Telefonunternehmen. Zum Beispiel St. Pauli im Winter. Im Vordergrund: der mitleiderregendste Schneemann der Welt.




04 Dezember 2010

Fundstücke (116): Lose Zusammengekehrtes



1. So einen Chart wie heute Nachmittag sieht man selten. Und zudem höchst ungern.



2.
Laut Spiegel online hat die Nasa in den unendlichen Weiten des Weltraums einen Landeplatz entdeckt. Wenn das doch Cpt. Kirk noch erlebt hätte!



3. Kaum wird’s Advent, orientieren sich all meine Blogstatistiken an der Zahl 666. Ist vielleicht jemand hier, der einen ordentlichen Webzorzismus durchführen kann?



4. Vielleicht macht Herr Glaser der Frau Kopetz gerade ein Kompliment, vielleicht ist er aber auch nur hämisch. Die Dialektik der Gefällt-mir-Kultur. Die Schizophrenie der Likelakaien.

5. Eine Pflicht-URL für Ihre Lesezeichenliste: http://213.251.145.96/.


03 Dezember 2010

Auf der Reeperbahn nachts im Schneeweiß



Unterm knusprigen Knirschen des Pulverschnees verschwindet der ganze Siff von St. Pauli.

Die unbeschreiblichen Flecken auf dem Pflaster der Reeperbahn, das Urinodeur, welches die Sockel der Häuser unablässig ausdünsten, die eingetrockneten Pfützen von letzter Samstagnacht: alles versteckt unterm großen Weiß. Und sogar die Tabledanceschuppen ragen harmlos und gemütlich aus dem Schnee.

Ein Koberer, an dem ich heute so rasch wie elegant vorbeischlittern wollte, trat mit den jahreszeitlich kompatiblen Worten „Oh mein Gott, oh mein Gott!“ und wildem Raufen seiner Wollmütze an mich heran, was mich zum Lachen brachte.

„Danke, ich habe einen Termin“, sagte ich vollkommen wahrheitsgemäß, noch ehe er seine zweifellos originelle Einleitung mit haltlosen Versprechungen aufhübschen konnte. Inzwischen lief er allerdings hoffnungsfroh neben mir her. „Du bist nur schüchtern!“, theoretisierte er nassforsch. Mittlerweile waren wir aber beim Paradise angelangt, und das ist Konkurrenzrevier – ich war ihn augenblicklich los.

Im Beatlemania, meinem Ziel, spielte heute Abend die Bochumer Nachwuchsband Frida Gold, die bestimmt mal ganz groß wird in den Charts, so wie Silbermond zum Beispiel, zumal sie demnächst im Vorprogramm von Kylie Minogue gebucht ist.

Songzeilen wie „Komm zu mir nach Haus/dort sieht es gut aus“ sind zwar noch nicht der Weisheit letzter Schluss, dafür aber hundertprozentig der Hintern der Sängerin, den sie zu unser aller Freude in eine krampfaderngefährdende Latexhose gezwängt hatte.

Auf dem Heimweg knirschte der Pulverschnee noch knuspriger als vorhin, und all die Koberer, die sich auf dem Hinweg noch auf mich gestürzt hatten wie die Tauben auf dampfende Dönerreste, ließen mich jetzt in Ruhe.

Vielleicht haben diese Menschen doch so etwas wie ein Gedächtnis.


02 Dezember 2010

Kein Kind dank Kegel



Am Bahnhof Jungfernstieg versucht man übermütige Jugendliche mit einer besonderen Maßnahme von Rutschpartien zwischen den Rolltreppen abzuhalten.

Keine Ahnung, wie die in regelmäßigem Abstand drapierten Kegel (siehe Bildmitte) in der Fachsprache heißen, aber sollten sie noch keinen speziellen Namen haben, plädiere ich für Kastrationsdildo.

Besonders geeignet scheinen sie nämlich für Männer zu sein, die sich eh für eine Sterilisierung entschieden haben – und das Geld für den Chirurgen sparen wollen.

Wie die Dinger hingegen auf Frauen wirken, ist mir ordnungsgemäß völlig schleierhaft.



01 Dezember 2010

Das entscheidende Steak



Im Vergleich zum Hamburger Durchschnitt sind auf St. Pauli viele Leute nicht gut bei Kasse. Und im Supermarkt wird das manchmal evident.

Neulich bei Edeka steht einer in der Kassenschlange vor mir, der von dem Rechnungsbetrag, den die Kassiererin ihm für seine Einkäufe nennt, nicht sehr erbaut ist. 21,55 Euro? So viel hat er einfach nicht dabei. Höchstens so um die 15.

Der Mann ist ein kleiner südländischer Typ mit Baskenmütze, zwischen Unterlippe und Kinnspitze trägt er einen vertikalen Bartstreifen. Ansonsten guckt er stoisch. In aller Supermarktöffentlichkeit der temporären Zahlungsunfähigkeit überführt zu werden, scheint ihm nicht peinlich zu sein, eher zum innerlichen Seufzen.

Jedenfalls rührt sich nichts in seinem Gesicht. Stattdessen mustert er kurz die Einkäufe und entscheidet sich für einen Fünfkilosack Kartoffeln. Den gibt er zurück. Die Kassiererin storniert den Sack und schüttelt den Kopf.


Der Mann entscheidet sich jetzt für Tomatenketchup, allerdings verfehlt er erneut die Zielvorgabe, die Kassiererin lächelt bedauernd. Nun erwischt es eine Riesenflasche Limonade, doch es ist immer noch zu wenig.

Sei froh, dass du die ungesunde Zuckerplörre los bist, höre ich mich denken. Der Unmut in der Kassenschlange hält sich derweil in Grenzen, obwohl Mr. Vertikalbart den Betrieb auf unzulässige Weise aufhält. Denn mal ehrlich: Mit ein wenig angewandtem Kopfrechnen während des Einkaufs wäre die missliche Lage, welche durch unsere unfreiwillige Zeugenschaft keineswegs verbessert wird, leicht zu vermeiden gewesen.

Doch stillschweigend scheinen alle anstehenden St. Paulianer Verständnis zu hegen für seine Situation. Zu wenig Geld: Das kennen hier viele. Man guckt nur sparsam, man grinst nicht mal, und keiner spricht.

Nach einer kleinen Beratungspause, nach einigem inneren Hin und Her hat sich der Mann nun für ein eingeschweißtes Schweinesteak mit schneeweißen Fettadern entschieden, dessen vermeintliches Schicksal es noch vor wenigen Minuten war, einen Teller mit Kartoffeln und Tomatenketchup zu teilen und mit ungesunder Zuckerplörre hinuntergespült zu werden.

Und endlich klappt es. Er ist unter 15 Euro Gesamtrechnung, sein Budget vermag den Rest der Einkäufe abzudecken. Hätte ich genauer hingeschaut, würde ich jetzt die absoluten Prioritäten der Baskenmütze kennen. Ich wüsste, was wirklich unverzichtbar für ihn ist, wenn es schon das Steak mit den schneeweißen Fettstreifen nicht war.

So aber werden wir es nie erfahren.